Sa., 08.09.2018

Stadtwerke-Krise Personalquerelen bei der Geschäftsführung: „Mit Anlauf ins Desaster“

Turbulente Zeiten herrschen bei den Stadtwerken am Hafenplatz.

Turbulente Zeiten herrschen bei den Stadtwerken am Hafenplatz. Foto: Matthias Ahlke

Münster - 

Die SPD nimmt Münsters Oberbürgermeister im Stadtwerke-Wirrwarr der vergangenen Tage in die Pflicht: Er habe tatenlos zugeschaut, so der Vorwurf.

Von Dirk Anger

In den vergangenen Tagen haben sich die Ereignisse rund um die Stadtwerke am Hafenplatz förmlich überschlagen. Vorsichtig formuliert, turbulent ging es zu, als zunächst Aufsichtsratschef Alfons Reinkemeier den technischen Geschäftsführer Dr. Dirk Wernicke zum vorübergehenden Chef machen und dessen kaufmännischen Kollegen Dr. Henning Müller-Tengelmann abservieren wollte.

Keine 24 Stunden später und nach massivem politischen Druck sollen jetzt die beiden zerstrittenen Stadtwerke-Chefs gemeinsam gehen. CDU, Grüne, FDP und die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat wollen so den monatelangen Zwist in der Unternehmensführung beenden.

„Allergrößte Sorge um das Unternehmen“

„Der Prozess auf der Zielgeraden ist völlig entgleist“, beschreibt SPD-Fraktionschef Dr. Michael Jung auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz am Freitag seine Sicht auf Dinge. Die SPD im Stadtwerke-Aufsichtsrat hat der empfohlenen Doppel-Demission dem Vernehmen nach nicht zu gestimmt und sich enthalten. Zum Inhalt dieser Sitzung wollte sich Aufsichtsrätin und SPD-Ratsfrau Maria Winkel aber nicht äußern. Sie habe angesichts der aktuellen Situation „allergrößte Sorge um das Unternehmen“ mit seinen „über 1000 Mitarbeitern, einer Bilanzsumme von 530 Millionen Euro und transportierten 150.000 Menschen am Tag“. Winkel: „Dass muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, dass dieses Unternehmen führungslos ist.“

Verantwortung dafür tragen aus Sicht der SPD Oberbürgermeister Markus Lewe und sein Kämmerer Alfons Reinkemeier als Aufsichtsratschef. Statt zuerst die zentrale Strukturfrage – Schaffung einer großen Netzgesellschaft – anhand des Gutachtens zu entscheiden, so der SPD-Fraktionschef, habe man die Personalfrage vorgezogen. Lewe hätte sich früher in den Konflikt einschalten, einen Strukturprozess führen und sich mit der Politik abstimmen müssen, so Jung. „Im Sommer 2018 hätten die Grundsatzfragen geklärt sein müssen“, meinte Jung – „mit Anlauf ins Desaster“, nennt er das, was nun geschehen sei.

Ob die SPD im Rat der Abberufung der beiden Geschäftsführer zustimmen wird, hängt nach Jungs Darstellung auch daran, wie die Übergangslösung aussieht. Allerspätestens Mitte nächsten Jahres müsse das Unternehmen aber eine neue handlungsfähige Geschäftsführung haben.

Sage übt Kritik: „Teures Desaster für Bürger“

„Die Stadtspitze ist offensichtlich mit ihrem dubiosen Vorschlag gescheitert, und auch Oberbürgermeister Lewe hat sich bis auf die Knochen blamiert.“ Dieses Fazit zieht Linke-Fraktionssprecher Rüdiger Sagel in der Causa Stadtwerke. Oberbürgermeister Lewe habe offensichtlich gar nichts mehr im Griff, wenn sein ihm untergeordneter Stadtkämmerer dem Vernehmen nach nicht einmal mehr seinen Vorschlag mit ihm abstimme und dann die Stadtwerke grandios vor die Wand fahre, schreibt Sagel in einer Mitteilung. Reinkemeier hatte ursprünglich vorgeschlagen, den technischen Geschäftsführer vorübergehend weiterzubeschäftigen und den kaufmännisch Verantwortlichen sofort zu entlassen.

Auf das planlos angerichtete schwarz-grüne Chaos, vor allem vom jetzigen CDU-Kämmerer Reinkemeier und seinem Vorgänger, dem Grünen-Aufsichtsratsvorsitzenden Joksch, werde nun ein Millionen teures Desaster für Münsters Bürger folgen. Denn nun müssten nicht nur zwei mit gut dotierten Verträgen ausgestattete Geschäftsführer weiter bezahlt, sondern auch noch eine Aushilfe eingestellt werden und hoch dotierte Headhunter teure Neue suchen, so Sagel. Nach Ansicht des Linke-Fraktionschefs hat Oberbürgermeister Markus Lewe krasse Führungsschwächen offenbart.

„Weichen für erforderlichen Neuanfang gestellt“

Aus der Opposition im Stadtrat muss sich der Oberbürgermeister in Sachen Stadtwerke harsche Kritik gefallen lassen, weil er angeblich zu wenig unternommen habe, um den über viele Monate währenden Streit der beiden Geschäftsführer untereinander zu schlichten. CDU-Fraktionschef Stefan Weber bricht dagegen eine Lanze für das Stadtoberhaupt und die am Donnerstag getroffene Entscheidung des Aufsichtsrates, wonach die Abberufung beider Stadtwerke-Geschäftsführer empfohlen wird: „Markus Lewe und der Aufsichtsrat haben die Weichen für den erforderlichen Neuanfang in der Geschäftsführung der Stadtwerke richtig gestellt“, so Weber auf Anfrage.

Zur künftigen Ausrichtung des städtischen Versorgungsunternehmens stellt der CDU-Fraktionschef fest: „Neben den bekannten Geschäftsfeldern muss es künftig vor allem um die Digitalisierung gehen, um die Stadtwerke zukunftssicher zu machen.“

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