Do., 27.09.2018

Giftköder Wenn das Gassi gehen gefährlich wird

Giftköder: Wenn das Gassi gehen gefährlich wird

Haben Hunde Giftköder gefressen, sollten Hundehalter mit ihnen direkt zum Tierarzt. Bewahrheitet sich der Verdacht, zählt jede Minute. Foto: colourbox.de (Symbolfoto)

Münster - 

Nicht nur, aber vor allem Hundehalter sind entsetzt und fassungslos, wenn sie erfahren, dass jemand Giftköder ausgelegt hat. Die Angst vorm nächsten Gassi gehen steigt parallel zur Wut auf den oder die Täter. Doch wieso sind gerade die so schwer zu kriegen? Und was ist zu tun, wenn der eigene Hund einen Giftköder gefressen hat? Auf der Suche nach Antworten haben wir unter anderem bei der Polizei und dem Deutschen Tierschutzbund nachgefragt.

Von Julia Kwiatkowski

Was sind das für Menschen, die Giftköder über Zäune werfen oder Hackbällchen mit Rattengift oder Rasierklingen spicken? "Ob das Motiv hierfür der Hass auf Tiere ist oder andere Motive dahinterstecken, ist oft unklar", sagt Lea Schmitz, Pressesprecherin beim Deutschen Tierschutzbund. Es sei schwer, präventiv gegen diese Art der Tierquälerei vorzugehen, weil sowohl Täter als auch ihre Motive meist unbekannt blieben, so Schmitz. Zudem könne es sein, dass Menschen die Köder nicht für Haustiere auslegten, sondern anderen Tieren wie Ratten oder Mäusen schaden wollten.

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Oft werden zwischenmenschliche Konflikte, zum Beispiel zwischen Nachbarn, über das Haustier ausgetragen.

Lea Schmitz, Pressesprecherin Deutscher Tierschutzbund

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Giftköder-Fälle der Polizei melden

Wie die Polizei Münster auf Anfrage mitteilt, werden ihr jährlich zwei bis drei Giftköder-Fälle gemeldet. Fälle, bei denen allerdings kein Schaden entstanden sei. Es sei dennoch wichtig, sie der Polizei zu melden, sagt Pressesprecherin Angela Lüttmann, denn präventiv könne die Polizei die Bevölkerung dementsprechend warnen.

Auch die Polizei kann die Täter-Typen, die präparierte Köder auslegen, nicht spezifizieren: "Die kriegen wir halt nicht." Das Auslegen von Giftködern selber sei keine Straftat, so Lüttmann. Nur, wenn ein Tier dadurch zu Schaden komme, liege eine Sachbeschädigung und möglicherweise ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vor.

Verstoß gegen das Tierschutzgesetz

2017 kam es in Deutschland zu 927 Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Das Auslegen von Giftködern werde allerdings nicht gesondert in der Polizeilichen Kriminalstatistik aufgeführt, erklärt das LKA auf Anfrage unserer Zeitung.

"Wird ein mutwillig ausgelegter Giftköder von einem Wirbeltier gefressen und stirbt das Tier dadurch oder erleidet erhebliche Schmerzen oder Leiden, ist der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt", erklärt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. "Vorsätzliche Tierquälerei", fügt Schmitz hinzu, "kann mit bis zu drei Jahren Gefängnisstrafe oder Geldstrafe bestraft werden".

Giftköder auch gefährlich für Kinder

Der klarste Fall der strafbaren Tierquälerei sei die mutwillige Tötung eines Tieres, für die kein vernünftiger Grund und volle Schuldfähigkeit vorliege. "Fälle, in denen Tierquäler zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilt werden, sind aber sehr selten", so Schmitz. Meistens bleibe es bei einer Geldstrafe. Sie gibt außerdem zu bedenken, "dass durch Giftköder nicht nur Tiere qualvoll verenden, sondern auch Menschen erheblich gefährdet werden können, wie beispielsweise Kinder, die mit den Giftködern in Berührung kommen können".

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Das Strafmaß einer Sachbeschädigung liegt bei einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder einer Geldstrafe.

Lea Schmitz, Pressesprecherin Deutscher Tierschutzbund

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Bei dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe (CVUA) mit Sitz in Münster sind im laufenden Jahr 2018 noch keine Giftköder zur chemisch/toxologischen Untersuchung eingegangen, informiert Pressesprecher Wilfried Höwedes auf Anfrage. Das CVUA führt bei sehr konkreten Verdachtsfällen toxikologische Untersuchungen durch - für die ermittelnde Staatsanwaltschaft oder die Polizei.

Rattengift in der Fleischwurst

Im Jahr 2017 seien im Regierungsbezirk Münster lediglich aus den Kreisen Steinfurt und Borken insgesamt vier mutmaßliche Giftköder durch die örtliche Polizei zur Begutachtung eingesandt worden, so Höwedes. "Bei diesen 'Ködern' handelte es sich um Brühwurstscheiben oder Brühwürstchen und um ein mit einer blauen Substanz präpariertes Fleischwurststück. Während bei den Brühwurstscheiben und Brühwürstchen Entwarnung gegeben werden konnte, wurden in dem präparierten Fleischwurststück erhebliche Mengen des Rattengiftes Brodifacoum nachgewiesen."

Verdacht auf vergiftete Köder erhärtet sich selten

In den Jahren 2014 bis 2016 hat das CVUA insgesamt 15 mutmaßliche Köder sowie von einem Hund erbrochene Fleischstücke aus dem Regierungsbezirk Münster untersucht. Hierbei handelte es sich, so Höwedes, überwiegend um aufgefundene Wurst- und Fleischstücke, Geflügelteile und "Hundeleckerlies", die besorgte Hundehalter aufgefunden haben. "Bei keiner dieser Proben konnte durch die durchgeführten Untersuchungen der Verdacht auf das Vorliegen von vergifteten Ködermaterial bestätigt werden", berichtet Höwedes. Lediglich in den aus dem Erbrochenen des Hundes isolierten Fleischstücken sei der in "Schneckenkorn" enthaltene Wirkstoff "Metaldehyd" nachgewiesen worden. "In diesem Fall muss von einem Giftköder ausgegangen werden."


Wie Hundehalter ihr Tier schützen können

Welpen, die beim Gassigehen noch nicht gut auf Frauchen oder Herrchen hören und alles fressen, was ihnen vor die Schnauze kommt, sollten vorsichtshalber angeleint bleiben oder einen dafür geeigneten Maulkorb tragen. Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund empfiehlt Hundehaltern, ihre Hunde grundsätzlich nicht aus den Augen zu lassen. Bestenfalls sollten Hunde lernen, nichts zu fressen, was draußen herumliegt.

Rücksichtsvolles Miteinander

  • Angst vor Hunden ernst nehmen
  • Klärendes Gespräch mit Menschen aus der Nachbarschaft suchen, die Schwierigkeiten mit dem Tier haben. So können Vorbehalte und Berührungsängste abgebaut werden
  • Häufiges Ärgernis vermeiden: Hundehalter, die die Hinterlassenschaften ihrer Hunde nicht wegräumen oder Hundekotbeutel liegenlassen

Der Hund hat einen Giftköder gefressen - Was jetzt zu tun ist

Besteht der Verdacht auf eine Vergiftung: Tierarzt aufsuchen (bestenfalls schon telefonisch ankündigen).

Diese Informationen können dem Tierarzt helfen:

  • Probe des Giftes sichern (Köder mit Handschuhen einpacken)
  • Produktbeschreibung des Giftes
  • Zeitpunkt der Giftaufnahme
  • falls bekannt: Menge der Giftaufnahme
  • hat das Tier erbrochen: Probe des Erbrochenen dem Tierarzt mitbringen

Hat das Tier das Bewusstsein verloren:

  • es besteht Lebensgefahr! Tierarzt oder eine Tierklinik aufsuchen
  • Erste Hilfe: Zunge herauslagern, Maulhöhle von Schleim und Erbrochenem befreien, Atemwege freihalten. Bei einem Herzstillstand: Herzmassage. Kein Erbrechen auslösen, da das Tier ersticken könnte

Ist das Tier bei Bewusstsein:

  • Tierarzt aufsuchen
  • Atemwege freihalten
  • zusätzliche Erste-Hilfe-Maßnahmen sind nur dann sinnvoll, wenn der Tierhalter genau weiß, woran sich das Tier vergiftet hat. Tierarzt fragen, was zu tun ist
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Betroffene Tierhalter [...] können bei der Polizei Anzeige erstatten. Es gibt auch Websites, etwa giftkoeder-radar.com, die wiederum andere Tierhalter informieren beziehungsweise warnen - auch hier kann eine Meldung Sinn machen.

Lea Schmitz, Pressesprecherin Deutscher Tierschutzbund

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Schadensersatz

Hundehalter können Schadensersatz fordern, wenn der Täter ermittelt und verurteilt wird. So könnten beispielsweise Tierarztkosten, "die im Zuge der Behandlung des Tieres nach Aufnahme des Giftköders entstanden sind, zurückgefordert werden", informiert Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. 




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