Interview mit Norbert Schöppner
Amtsgerichtsdirektor zieht Bilanz

Münster -

15 Jahre hat Norbert Schöppner das Amtsgericht Münster geleitet. Zum Abschied zieht er eine Bilanz - und die fällt vielfältig aus.

Sonntag, 23.09.2018, 10:00 Uhr
Geht in Pension: Amtsgerichtsdirektor Norbert Schöppner
Geht in Pension: Amtsgerichtsdirektor Norbert Schöppner Foto: Dirk Anger

Am kommenden Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag: Nach 15 Jahren als Direktor des Amtsgerichts Münster geht Norbert Schöppner, Chef von fast 240 Beschäftigten, in Pension. Er studierte in Münster und Bochum Rechtswissenschaften, war später Richter in Hamm und Direktor am Amtsgericht Unna. Der begeisterte Hobby-Fotograf aus Wolbeck blickt im Gespräch mit unserem Redakteur Dirk Anger auf ein Berufsleben im Dienste der Justiz zurück.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie, was bewegt Sie zum Abschied?

Schöppner: Ich habe meine Arbeit sehr gerne gemacht und nicht auf den Tag meiner Verabschiedung gewartet. Dem neuen Lebensabschnitt trete ich durchaus mit Respekt entgegen. Aber ich habe genug Interessen, Hobbys und Aufgaben, mit denen ich mich beschäftigen werde.

Am Amtsgericht schlägt sich die Fülle des Lebens nieder: Worum muss sich das Gericht kümmern?

Schöppner: Wir sind nicht nur zuständig für Streitigkeiten in Zivil-, Strafsachen und Familienangelegenheiten. Darüber hinaus leisten wir Dienst für den Bürger durch die vielen Abteilungen der freiwilligen Gerichtsbarkeit, durch das Grundbuchamt, die Nachlass- und Betreuungsabteilung sowie durch das Vereins- und Handelsregister. Zu uns kommen ja viele freiwillig, weil sie etwas von uns wollen – und nicht nur, wenn sie verklagt werden.

Glauben Sie, dass in der Öffentlichkeit präsent genug ist, was so ein Amtsgericht macht?

Schöppner: Viele Leute scheuen den Kontakt zum Gericht, weil die Vorstellung besteht, beim Gericht werde man nur verurteilt und bestraft. Es wird dabei leider manchmal ausgeblendet, dass die Amtsgerichte in vielen Tausenden von Verfahren mit dazu beitragen, dass die Rechte des Einzelnen geschützt werden, sei es bei der Durchsetzung einer zivilrechtlichen Forderung, der Regelung einer familiengerichtlichen Auseinandersetzung oder der Wahrung von Freiheitsrechten. Es wäre durchaus wünschenswert, wenn es allgemein verinnerlicht wäre, welch wichtigen Beitrag Gerichte zum Funktionieren einer Gesellschaft leisten.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen 15 Jahren in der Justiz am meisten verändert?

Schöppner: Als ich 2003 nach Münster kam, war schon jeder Arbeitsplatz mit einem PC ausgestattet. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Bearbeitungsprogramme hinzugekommen, die die Arbeit leichter machen. So arbeiten wir im Handelsregister vollelektronisch; da stellen die Notare die Anträge auf Eintragung auf elektronischem Weg, und die werden dann entsprechend bearbeitet. Gleiches gilt für das Grundbuch.

Der Justiz hängt trotzdem der Ruf nach, bei der Digitalisierung rückständig zu sein.

Schöppner: Das Thema elektronische Akte ist in aller Munde. An deren Einführung wird im Augenblick gearbeitet. Der genaue Zeitpunkt der Einführung an einzelnen Amtsgerichten steht aber noch nicht fest. Aber dass die elektronische Akte kommen wird, ist sicher. Am Amtsgericht Münster wurde zentral für die ordentliche Gerichtsbarkeit in Nordrhein-Westfalen ein Labor eingerichtet, in welchem die Funktionalität der elek­tronischen Akte und der Programme auf Herz und Nieren getestet werden kann.

Welche Vorteile bringt die elektronische Akte?

Schöppner: Jeder Mitarbeiter hat einen schnellen Zugriff auf die Akte. Künftig soll dort auch die elektronische Anwaltspost direkt einfließen. Eines Tages ist dann die Zeit der Ausdrucke passé.

Zurück zu den Rechtsstreitigkeiten – nicht immer braucht es ein Urteil, oder?

Schöppner: Wir haben 2012 zusammen mit dem Landgericht die richterliche Mediation eingeführt. Das haben wir seitdem hier sehr gefördert. Wir haben insgesamt sieben ausgebildete Mediatoren, die zur Verfügung stehen, wenn Parteien im laufenden Verfahren eine Mediation wünschen.

Wie läuft das ab?

Schöppner: Der Mediator, der sogenannte Güterichter, versucht, ein Gespräch zur Lösung zwischen den Parteien zu moderieren. Wir führen das durchaus erfolgreich besonders in Familiensachen, aber auch in Zivil- und Landwirtschaftssachen durch.

Mit welchen Vorteilen?

Schöppner: Im Ergebnis haben die Parteien in relativ kurzer Zeit eine Lösung des Verfahrens. Sie brauchen keinen langwierigen Rechtsstreit durchzuführen, vermeiden Kosten einer möglicherweise sehr teuren Beweisaufnahme durch die Einholung von Sachverständigengutachten, und es besteht hinterher ein gewisser Rechtsfrieden.

Die Justiz gilt als sicherer Arbeitgeber. Haben Sie ein Nachwuchsproblem?

Schöppner: Es ist inzwischen schwierig geworden, Nachwuchskräfte zu bekommen – das spüren wir auch. Das gilt für den richterlichen Bereich oder den gehobenen Dienst. Ein Beispiel aus dem mittleren Dienst: Wir stellen regelmäßig acht Auszubildende pro Jahr ein. Früher hatten wir 150 Bewerbungen für diese Stellen, heute sind es vielleicht noch 50.

Sie haben eine große Behörde geführt. Was haben Sie zuletzt als Richter gemacht?

Schöppner: Natürlich ist die Personalführung eine sehr anspruchsvolle Aufgabe gewesen, ich habe viel Zeit in Gespräche mit Mitarbeitern investiert. Zuletzt habe ich Landwirtschaftssachen nach der Höfeordnung und Wohnungseigentumssachen bearbeitet.

Sie gehen mit 65 Jahren und sieben Monaten in Pension – und dann?

Schöppner: Ich werde mehr Sport machen und arbeite als begeisterter Fotograf in einer Gruppe mit anderen. Das werde ich vertiefen. Außerdem will ich mich intensiv mit Mediation beschäftigten. Und wenn ich dann noch Zeit habe, werde ich ein wenig Psychologie und Philosophie studieren.

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