Kunterbuntes Literaturvolksfest „Schaustellen“ auf Burg Hülshoff
Zirkus und Zelte gegen das Verstaubte

Havixbeck/Münster -

Kaum wurde man vom hochherrschaftlichen Park um Burg Hülshoff empfangen, stieß man auf ein Ungeheuer, eine aufgeblasene Riesenlarve mit kondomähnlich verjüngter Spitze: das war der „Presslusthammer“ von Artúr von Balen, ein „Monument für Stachanov“, jenen legendären Bergbauarbeiter, der 1935 einen Fabel(fake)weltrekord bei der Kohleförderung aufstellte und in der stalinistischen Sowjetunion als Idealtyp des sozialistischen Arbeiters gefeiert wurde.

Sonntag, 23.09.2018, 16:20 Uhr
Marcel Beyer bei seiner Vortragscollage über Karl May
Marcel Beyer bei seiner Vortragscollage über Karl May Foto: Lennart Lofink

„Schaustellen!“ hieß das „Literaturvolksfest“ am Wochenende, „Bau und Schau“ die Parole auf Burg Hülshoff, die demnächst als „zeitgemäße Veranstaltungsstätte mit Unterkünften“ erstrahlen soll. Vielleicht zielte die ironische Potenz-Volte dieser Aufblas-Installation auf großformatige Normen des künftigen „Center for Literature“: Performances, Textkonzerte, experimentelle Führungen, Festivals, Hyper-Vernetzungen und (sehr) viele Dinge mehr sollen ans kulturelle Tageslicht gefördert werden.

Hatte man das Untier gefahrlos passiert, tauchte in der Ferne ein Zeltdorf auf – stimmt! – eine „Kirmes der Künste, der schillernden Eitelkeiten. Zuckerwatte und Zirkuszelt“ waren angekündigt worden: Das Temporäre als Generaltempus, das Vergnügliche als Abwehr verstaubten Kunsternstes. Im „Stars ohne Manege“-Zelt zoomte sich Andreas Neumeisters Leseperformance „Könnte Köln sein“ durchs architektonisch verballhornte Moskau.

Die Language Performance „You Are“ fand in der „Wahrsagerhöhle“ – der Burgkapelle – statt: In einer nur von Kerzen aufgehellten Dunkelheit hatte sich ein Sprecherquintett positioniert, das sich im Strom improvisierter Satzfragmente tragen ließ. Alltägliche Spiel- und Lesarten menschlicher Kommunikation schienen sinnstiftend aufgehoben in einer polyphonen Musikalität der Sprache.

So schlenderte man von Zelt zu Zelt: Marcel Beyer musste aus Witterungsgründen von der „Lesenden Legende“ in einen der „Fliehenden Bauten“ umziehen und präsentierte seine zwischen Manuskript und Kommentar changierende Vortagscollage „Karl May zu Gast“, während im Nebenzelt drei Schauspieler des Theaters Münster eine titanische „Karl-May“-Marathonlesung absolvierten, Cowboyhut und Leselampe inklusive. Beyer aber – einen Eichentisch vor sich als möbliertes Ausrufezeichen! – legte den Held der „Großväterliteratur“ unters narrative Mikroskop, dessen „kompromissloses Leben auf dem Papier“, voller „Welterkenntnis und Weltverkennung auf Tausenden von Seiten“. Die Vita des Phantasten May erschien als Blaupause zu einem Oeuvre, das unverdrossen sich einer (klein-)bürgerlichen Erlebniswelt verdankt. Der Rückweg kreuzte wieder den Lindwurm, nun als blaue Ufo verwandelt, als starte es in eine neue Galaxie. Zirzensisch!

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