So., 23.09.2018

„Caligula“ von Albert Camus dröhnt durchs Kleine Haus in Münster Rausch der Grausamkeit

Theater des Grauens: Gewaltherrscher Caligula (Joachim Foerster, Mitte) und seine Gegenspieler (Frédéric Brossier und Christian Bo Salle) in expressiver Pose.

Theater des Grauens: Gewaltherrscher Caligula (Joachim Foerster, Mitte) und seine Gegenspieler (Frédéric Brossier und Christian Bo Salle) in expressiver Pose. Foto: OLIVER BERG

Münster - 

„Er hat eine Philosophie, die verwandelt er in Leichen.“ Gemeint ist mit diesem Satz Caligula, römischer Gewaltherrscher, den sein Gegenspieler Chaerea im ersten Theaterstück von Albert Camus auf solch hellsichtige Weise charakterisiert. Bei der Produktion im Kleinen Haus geht es allerdings nicht nur Caligulas Mit- und Gegenspielern, sondern auch der Philosophie gehörig an den Kragen.

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Regisseur Alexander Nerlich nimmt das 1938 entstandene Stück zum Anlass für ein Theater der Grausamkeit, in dem sich ein Gastmahl mit Beischlaf flott zur gewaltsamen Orgie mit schwingender Peitsche und ebensolchem Gemächt auswächst, in dem Russisches Roulette gespielt wird, in dem Leichen herumgeschleift werden.

Führt Žana Bošnjaks Ausstattung zunächst noch auf die Fährte des modernen Überwachungsstaates (ja, eine kleine Maaßen-Anspielung mag man auch finden), so dominiert nach dem ersten Auftritt Joachim Foersters, der als zerrissener Caligula um seine inzestuös verbundene Schwester trauert, ein eher zeitloses Gewalt-Theater mit technischen Effekten wie der Live-Kamera.

Eigentlich wäre die Konzentration auf Caligula und seine Vertraute Caesonia (Sandra Schreiber) sowie ein Gegenspieler-Quartett ja gut geeignet, um die von Camus geschilderten Psycho- und Machtspiele zu zeigen, zumal Sandra Bezler als Lepida und Gerhard Mohr als Mucius in ihren Opferrollen überzeugen. Weil aber Joachim Foerster und Sandra Schreiber, ein prinzipiell starkes Protagonistenpaar, unentwegt am emotionalen Gipfelpunkt agieren, findet man als Zuschauer kaum die Ruhe, sich auf ihre Texte zu konzentrieren. Es ist zwar alles da, Caligulas Tragik etwa, die ihn zum zerstörenden – und sich selbst zerstörenden – Charakter macht, oder Caesonias rätselhafte, tödliche Verkettung mit ihm. Doch die szenische Dröhnung dominiert, das Grausame wird lieber gezeigt als erklärt. Dagegen kommen auch die guten Darsteller Christian Bo Salle und Frédéric Brossier als Gegenspieler nicht an. Dennoch großer Premierenapplaus für zwei Stunden Hochdruck-Schauspiel.



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