Mi., 26.09.2018

Alte Philharmonie in der Waldorfschule Romantische Moderne trifft moderne Romantik

Flötistin Friederike Wiechert-Schüle erwies sich als souveräne Interpretin von Nystroems „Partita“ beim Konzert der Alten Philharmonie unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Flötistin Friederike Wiechert-Schüle erwies sich als souveräne Interpretin von Nystroems „Partita“ beim Konzert der Alten Philharmonie unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg. Foto: mosi

Münster - 

Die Moderne verschonte die Musik nicht. Die Feder Bachs, Mozarts und Beethovens wies stets in die Zukunft. Wie Detlev Glanert (Jahrgang 1960) in seiner Komposition „Weites Land“ die vier ersten Takte aus Brahms’ vierter Sinfonie zitiert, um in einen Schneesturm vernetzter Motive abzutauchen, wäre als Hommage wie als Rückbesinnung (ab-)hörbar: Keine Moderne ohne Tradition. Die Alte Philharmonie unter Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg eröffnete ihr Konzert in der Waldorfschule mit Glanerts Zitat-Kalender und verwies auf die programmatische Konstitution des Abends, der romantische Moderne wie moderne Romantik präsentierte.

Von Günter Moseler

„Weites Land“ führte in die Krisengebiete zeitgenössischer Musik, versagte sich einer radikalen Attitüde, schreckte aber vor retrospektiver Verklärung zurück. Ständig floss die Musik in andere Richtungen, kleinste Motive erinnerten an Richard Strauss, von dessen „Till“ Motivfetzen vorüberflogen, an Gustav Mahler, dessen Pizzicati- und Paukentänze aufleuchteten, oder an Jean Sibelius, dessen kreisende Violinfiguren aus „En Saga“ Pate für den Schluss standen. Das Orchester spielte furios und mit unerschrockenem Engagement.

Nystroems „Partita“-Flötenkonzert gehört zu jener unerhörten Musik, die kaum zu hören, aber überaus hörenswert ist. Friederike Wiechert-Schüle erwies sich als souveräne Interpretin, die einen strengen Gestus mit kapriziösem Übermut, pastoraler Gesanglichkeit und rhythmischer Finesse verband. Der Kopfsatz reflektierte neoklassizistische Elemente, von der Solistin pointiert ausgespielt, während sie im „Canto semplice“ Einfachheit und Linie zugleich betonte. Das Finale verschwand durch die Pianissimo-Hintertür ohne das Fanal-Signal fetziger Schlussakkorde, und Wiecherts elastischer Ton folgte mühelos jeder Phrasierung und jedem temporeichem Abgang.

Brahms zweite Sinfonie D-Dur versteckt die Modernität ihrer Struktur hinter Wohlklang, und fast schien es, als wolle der Dirigent durch zügige Tempi den schönen Schein zugunsten analytischer Erkenntnis relativieren. Strikt im Metrum zog der Kopfsatz vorbei, ohne Gemütlichkeit beim zweiten Thema, mit Schwung in den synkopischem Passagen sowie austarierter Dialogregie zwischen Streichern und Bläsern. Zügig auch das „Adagio non troppo“ ohne pastosen Schmelz, risikofreudig das Finale – für die Moderne gibt es kein Sicherheitsnetz! Eine intuitiv große Interpretation – und Begeisterung am Schluss!



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