Das unbekanntes Schicksal von Gustav Daubenspeck
Ein Ring als jahrzehntealte Spur

Münster -

Im Zwinger verlieren sich seine Spuren, doch dank eines Eherings gibt es nun Anhaltspunkte darüber, was mit dem Münsteraner Gustav Daubenspeck während der Zeit des Zweiten Weltkriegs passierte.

Dienstag, 25.09.2018, 08:00 Uhr aktualisiert: 25.09.2018, 09:33 Uhr
Gustav Daubenspecks Tochter Heidemarie hält den Ehering ihres Vaters in Händen. Auf der Innenseite befindet sich eine Gravur (r.).
Gustav Daubenspecks Tochter Heidemarie hält den Ehering ihres Vaters in Händen. Auf der Innenseite befindet sich eine Gravur (r.). Foto: Larissa Schmitz

Bad Arolsen ist eine Kleinstadt in Hessen in waldreicher, hügeliger Landschaft. Dort lagern im Archiv des internationalen Suchdienstes (ITS) in tiefen Schubladen tausende weißgraue Umschläge, die Effekten beinhalten. Dinge also, die Menschen im Moment ihrer Verhaftung in der NS-Zeit bei sich trugen. Einer dieser verhafteten Menschen war der Münsteraner Gustav Daubenspeck.

Die Rückgabe seiner Effekte begleitet ein Radio-Feature, das heute, am 25. September, in der Sendung „Neugier genügt“ (10 bis 12 Uhr) auf WDR 5 gesendet wird.

Einer der weißgrauen Umschläge, der schon jahrzehntelang im ITS-Archiv lagert und nach dem nie jemand gesucht zu haben scheint, ist mit „Baubenspeck Gustav 16.05.1903“ beschriftet. Inhalt: ein stark verwitterter kleiner Ehering mit Gravur: „L.L. 11.7.1943“.

Wer ist Daubenspeck?

Gustav Baubenspeck? Nur ein Verschreiber, ist man sich mittlerweile sicher. Aber warum wurde Daubenspecks Ring in einem Konzentrationslager gefunden? Und gibt es noch Menschen, die sich an ihn erinnern, an die der Ring zurückgegeben werden kann?

Befehl zur Räumung der Effektenkammer

Bekannt ist, dass der Ring im Frühjahr 1945 von den alliierten Streitkräften in Lunden, Schleswig Holstein, sichergestellt wurde, als dort insgesamt sechs große und eine kleine Kiste sowie sechs Koffer und eine große Truhe mit persönlichem Eigentum von Häftlingen des Konzentrationslagers Neuengamme aufgefunden wurden. Der Leiter der Gefangeneneigentumsverwaltung, Oberscharführer Franz Wulf, gab zu Protokoll, am 16. April 1944 den Befehl zur Räumung der Effektenkammer erhalten zu haben.

Es ist daher anzunehmen, dass die auf dem Umschlag als Gustav Baubenspeck benannte Person am 16. April 1944 Insasse des Konzentrationslagers Neuengamme war.

Lebhafte Erinnerung

Obwohl falsch geschrieben, führt der seltene Nachname ins Münsterland, zur heute 82-jährigen Nichte des Ringeigentümers – die Dame erinnert sich lebhaft an ihren humpelnden, sehr kleinen Onkel. Der habe ab und zu getrunken und dann geredet. Vor den Bombenangriffen habe er ab und zu abends auf sie und ihren Bruder aufgepasst, was die Eltern sicher nicht erlaubt hätten, wenn er nicht ein guter Mensch gewesen wäre.

Suche nach dem verlorenen Sohn

Das Thema Kriegserfahrung ist in ihren Erzählungen sehr lebendig, da ist nichts abgeschlossen. So schrecklich seien die Bombenangriffe auf Münster gewesen, die zerstörten Straßen, all die schönen Gebäude in Münster in Trümmern, ihre Nächte im Bunker voller Angst. Noch heute bekäme man sie in keinen geschlossenen Aufzug. Und nach dem Krieg die klagenden Fragen ihrer Großmutter‚ ´wo ist denn bloß mein Sohn Gustav geblieben?‘ Verschwunden sei er und nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Man habe, um die Oma zu schonen, einfach nicht mehr von Gustav gesprochen. Ihr Vater allerdings habe Nachforschungen angestellt. Dabei sei herausgekommen, dass Gustav in ein KZ gekommen sei und vorher in Münster im Zwinger gesessen hat.

Seit 1944 war der Zwinger in Münster Inhaftierungsanstalt für die Gestapo, Unterlagen über Häftlinge sind allerdings für die fragliche Zeit nicht erhalten, denn die seien Bombardierungen und gezielter Spurenvernichtung zum Opfer gefallen, so Dr. Christoph Spieker, Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel. Möglich sei auch, dass Alliierte versucht haben, Beweismaterial an andere Orte zu schafften, um sie für spätere Prozesse nutzen zu können.

Mangelnde "Verwendungsfähigkeit"

Weitere Informationen über Gustav Daubenspeck finden sich bei der deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht und im Stadt- und Landesarchiv in Münster: Demnach ist Daubenspeck am 4. November 1943 „mangels Verwendungsfähigkeit“ aus der Wehrmacht nach Münster, Schützenstraße 25, Wohnort seiner Ehefrau Luise, geb. Lipowski, entlassen worden. Im März 1944 zieht das Ehepaar in die Marienthalstraße 27, es ist die letzte gemeldete Adresse Daubenspecks. Im April 1946 wird von Amts wegen festgestellt, dass Gustav Daubenspeck unbekannt verzogen ist, das Amtsgericht Münster erklärt ihn am 14. Juli 1952 für tot. Als Todestag wird der 31. Dezember 1945, 24 Uhr, festgestellt.

In der Todesfallerklärung gibt die Witwe Daubenspeck an, ihr Ehemann sei am 27. Juli 1944 von der Gestapo wegen angeblicher politischer Vergehen verhaftet worden. Sie habe ihren Mann in Münster zum letzten Mal im Februar 1945 in Haft besuchen können, danach sei er mit unbekanntem Ziel abtransportiert worden, sie vermute ins Konzentrationslager Neuengamme, dort sei aber über seinen Verbleib nichts festzustellen.

Kein Platz für Dauebnspeck

Die Bemerkungen und Beurteilungen im Wehrstammbuch Gustav Daubenspecks erscheinen geradezu verachtend. Die Sprache, wie eine Schmähung – offensichtlich, dass hier zwei nicht zusammen passten, in einer Zeit, in der das Militär dringend Soldaten braucht. Gustav Daubenspeck scheint nicht zur Wehrmacht, nicht in diese Zeit zu passen. Findet, so scheint es den Vorgesetzten wohl, seinen Platz nicht.

Tochter nach Verhaftung geboren

Vier Tage nach seiner Verhaftung wird Gustav Daubenspeck Vater. Seine Tochter Heidemarie lebt heute in Minden. Sie kann wenig zur Schicksalsklärung beitragen, ihr habe man kaum über den Vater erzählt. Nur die Tante habe einmal gesagt, dass er wohl ein großes Mundwerk gehabt habe, und‚ dass sie ´den daher wohl erschossen haben‘. Ihre Mutter hätte keine Fragen zum Vater beantwortet, dass er in einem Konzentrationslager war, habe sie erst durch die Rückgabe des Rings erfahren.

Ohne Antworten gestorben

Die Kinder von damals sind mittlerweile selbst Senioren, ihre Eltern ohne Antworten gestorben. Für Fragen scheint es jetzt zu spät – da taucht der Ring auf und mit ihm ungefragt auch Antworten über das Schicksal von Gustav Daubenspeck:

Er kommt in einer Zeit nach Neuengamme, in der das Lager die höchste Belegungszahl der gesamten NS-Zeit aufweist, überfüllt von der Menge Inhaftierter. Zwischen den Baracken werden Segeltücher gespannt. In der Kälte schlafen die gefangenen Menschen draußen.

Auflösung des Konzentrationslagers

Es beginnt die Auflösung des Konzentrationslagers. Die Wertsachen der Häftlinge werden von der SS nach Lunden in Schleswig Holstein gebracht. Die Häftlinge werden „evakuiert“, in das KZ Bergen-Belsen, das Kriegsgefangenenlager Sandbostel, ein Barackenlager bei Wöbbelin und auf die drei Schiffe „Cap Arcona“, „Thielbeck“ und „Athen“ in der Lübecker Bucht.

Eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte nimmt ihren Lauf. Die Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbeck“ geraten bei einem britischen Luftangriff am 3. Mai 1945 in Brand. KZ-Häftlinge ertrinken, viele Überlebende werden am Strand erschossen. Durch die sogenannte „Evakuierung“ des KZ Neuengamme sterben Tausende Menschen. Einer der Toten ist höchstwahrscheinlich der Münsteraner Gustav Daubenspeck.

#StolenMemory: Eine Kampagne des ITS

Der International Tracing Service (ITS) ist ein internationales Zentrum zur NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv über die Opfer des Nationalsozialismus. Die Sammlung gehört zum Unesco Weltdokumentenerbe. Für die heutige Gesellschaft ist der ITS mit mehr als 30 Millionen Dokumenten eine einzigartige Wissensquelle über Ausgrenzung, NS-Verfolgung und den Holocaust.Im Archiv des ITS warten noch immer knapp 3000 sogenannte Effekten aus Konzentrationslagern auf die Rückgabe an Angehörige. 2015 veröffentlichte der ITS die Namen der KZ-Häftlinge und die Fotos der Gegenstände in seinem neuen Online-Archiv. Sofort stieg die Zahl der Rückgaben, vor allem weil Freiwillige aus verschiedenen Ländern spontan bei der Suche halfen. Deshalb startete der ITS 2016 die Kampagne #StolenMemory und nahm die aktive Suche wieder auf. Seitdem haben rund 200 Familien die persönlichen Gegenstände ihrer Angehörigen zurückerhalten.Zu der Kampagne gehört seit 2018 auch die Plakat-Ausstellung #StolenMemory. „Einige der Plakate erzählen, was es den Menschen bedeutet, die Erinnerungsstücke in den Händen zu halten“, erklärt ITS-Direktorin Floriane Azoulay. „Der andere Teil zeigt Gegenstände, zu denen wir noch nach Angehörigen suchen. Wir können sie umso schneller zurückgeben, je mehr Menschen uns bei der Suche unterstützen.“ Ab dem 22. Oktober ist die Ausstellung im Rathaus in Kassel zu sehen.  

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