Münster Voice Festival: Exzellente Chormusik und ein erstmals verliehener Preis
Gesangskunst aus einem Guss

Münster -

In der Badewanne fühlte so mancher sich als Caruso geboren und erlebte, ins Elementarereignis Stimme eintauchend, Musik aus nächster Nähe. Hallfreudige Kachel-Akustik produzierte großformatige Klänge und unerschütterliches Glücksgefühl. Bereits am Freitag hatte die niederländische Absurd-A-Capella-Comedygroup „iNtrmzzo“ eine Welt(raum)reise durch Alltagsgeräusche inklusive Pop und klassischer Polyphonie unternommen. Auch das Galakonzert des Münster Vocal Festival 2018 am Samstag in der Aasee-Aula schien Chöre wie Publikum aus den Angeln zu heben.

Sonntag, 30.09.2018, 15:34 Uhr
Der Festivalchor (großes Bild) und der Chor „BonnVoice“ bei ihren viel umjubelten Auftritten am Samstag in der Aasee-Aula.
Der Festivalchor (großes Bild) und der Chor „BonnVoice“ bei ihren viel umjubelten Auftritten am Samstag in der Aasee-Aula. Foto: Moseler

Schon „Groophonik“ („Wir kommen aus Ostwestfalen-Lippe, da muss man die Autobahn suchen!“) scheuchte Mann und Maus von ihren Sitzen hoch. „Bei ,Jump!’ müssen alle die Arme in die Luft werfen“, hatte Chorleiter Tobias Richter die Zuhörer instruiert, brav reckte sich das Auditorium kollektiv gen Saaldecke. Im Hintergrund wechselte eine kleine Lightshow von Grasgrün über Meerblau ins Bonbonrot und schien sensorisch den Hitzegrad der Songs anzuzeigen. Die anstelle separater Stimmgruppen frei positionierten Sänger und Sängerinnen waren mit Mikrofonen ausgestattet, die Musik floss flott, locker, leicht wie unter der Dusche.

Der synkopische Flow in „Der Mond ist aufgegangen“ klang, als sei der Sehnsuchtssatellit auf einer himmlischen Party gelandet. Schmelzende Vorhalte und melancholische Moll-Tendenzen überlagerten sich, während die Melodie taktweise als cantus firmus über dem Groove der Begleitstimmen aufstieg.

Später ließ „Africa“ von Toto die Rockgemeinde aufleben, beflügelte der Beat-Herzschlag der Musik sichtlich den Körperrhythmus des Chores. Alle Songs klangen perfekt, die Intonation sackte um keinen Viertelton, dynamische Grenz- und Mittelwerte blieben auch in heiklen Stimmkreuzungen intakt, polyphone Satzstrukturen verzahnten und lösten sich mühelos. Acht Mikrofone baumelten kopfüber wie Fledermäuse über der Bühne und verstärkten den chorischen Nachhall, als konzertiere man in einer Tropfsteinhöhle.

Der Festivalchor bestand aus Teilnehmern verschiedener Workshops, die nach kurzfristiger Probe den Protestklassiker „We Shall Overcome“ und den Spiritual „Go Down Moses“ gemeinsam mit dem Publikum sangen. „In anderthalb Stunden einstudiert“, betonte zu Recht Mitorganisator Tilo Beckmann, der zuvor mit Karin Müller den erstmals verliehenen „European Voices Award“ an Jim Daus Hjernøe von der Royal Academy of Music Aarhus überreicht hatte.

Danach demonstrierte „BonnVoice“ unter Tono Wissing in „Ich seh dich“ die hohe Kunst des akustischen A-cappella-Gesangs, beschwor Pianissimo-Mysterien, subtile dynamische Abstufungen und rhythmische Agilität. Wissings Dirigat zog imaginäre Linien der Musik nach und gab zugleich präzise Zeichen für expressive chorische Artikulation und Phrasierung. Auch das Pu­blikum, zuvor schon einmal außer Rand und Band, fand nun zu eher abgeklärten Tönen – galareif!

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