Florian Henckel von Donnersmarck stellte „Werk ohne Autor“ vor
„Ich wollte nicht an Richters Biografie festkleben“

Münster -

Mit dieser Frage war zu rechnen. Was an dem Film denn nun wahre Begebenheit aus dem Leben des Künstlers Gerhard Richters sei und was Fiktion? „Ich wollte nicht an Richters Biografie festkleben“, sagte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck beim Besuch im Schlosstheater, „sondern habe das genommen, was mir gefallen hat.“ 

Montag, 08.10.2018, 17:06 Uhr aktualisiert: 08.10.2018, 17:10 Uhr
Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (l.) und Hauptdarsteller Sebastian Koch im Gespräch mit Claudia Husmann vom Schlosstheater.
Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (l.) und Hauptdarsteller Sebastian Koch im Gespräch mit Claudia Husmann vom Schlosstheater. Foto: Oliver Werner

Im Falle seines neuen Films „Werk ohne Autor“ sind es die Geschichten von Richters Tante, die Opfer des NS-Euthanasieprogramms wurde, und Richters Schwiegervater, der als NS-Arzt ein Täter war.

Anders als im Film „Werk ohne Autor“ trafen sich die beiden im realen Leben nicht. Gleichwohl, so erzählte Henckel von Donnersmarck im voll besetzten Kinosaal des Schlosstheaters, hätten ihn diese wahren Elemente, von denen er vor rund zehn Jahren durch einen Journalisten erfuhr, „nie wieder losgelassen“. Lange sei er zuvor „auf der Suche nach einem Filmstoff gewesen, der der menschlichen Kreativität nachspürt“. Gern hätte er sich bei der Oper bedient, doch dort wurde er nicht fündig.

Florian Henckel von Donnersmarck stellt Film im Schloßtheater vor

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  • Mit „Das Leben der Anderen“ sorgte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (l.) im Jahr 2006 für Furore und erhielt in der Kategorie bester nicht-englischsprachiger Film einen Oscar.

    Foto: Oliver Werner
  • Am Sonntagabend stellte er im ausverkauften Schloßtheater seinen neuen Film „Werk ohne Autor“ persönlich vor. Zur Vorführung war er gemeinsam mit Schauspieler Sebastian Koch (2.v.l), der eine der Hauptrollen spielt, angereist.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Film „Werk ohne Autor“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt durch drei Epochen deutscher Geschichte, die den Wahnsinn und die Tragik des 20. Jahrhunderts anhand von drei Schicksalen beleuchtet.

    Foto: Oliver Werner
  • In „Werk ohne Autor“ lassen auch nach der Flucht in die BRD dem jungen Künstler Kurt Barnert seine Kindheits- und Jugenderlebnisse aus der NS- und SED-Zeit keine Ruhe.

    Foto: Oliver Werner
  • Florian Henckel von Donnersmarck stellt Film im Schloßtheater vor Foto: Oliver Werner

"Getrieben von Ideologien"

Nun also ein Film, der von einem Künstler (gespielt von Tom Schilling) erzählt. Und von eben jenem SS-Arzt Professor Carl Seeband, den Sebastian Koch verkörpert. Mit aller Arroganz und Selbstsicherheit. Und deshalb für manchen Zuschauer in Münster zu eindimensional. „So jemand entwickelt sich nicht, er ist getrieben von Ideologien, hinterfragt sich nicht“, erklärte Koch dazu.

Und Henckel von Donnersmarck gestand ein: „Wir haben uns zur Charakterisierung dieser Figur viele Dinge ausgedacht, die der Zuschauer nicht sieht.“ Koch sprach dennoch von einer „toll gemeißelten Figur“ und einer Sprache wie abgeschossene Pfeile.

Beim Drehbuchschreiben, so bekannte Henckel von Donnersmarck, „geht es mehr um Architektur als um Literatur.“ Ein Drehbuch müsse man so konzipieren, dass „etwas durch den Film hindurchzielt“.

Gerhard Richter - einer der weltweit bedeutendsten Maler

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  • Gerhard Richter wurde 1932 in Dresden geboren, nach seiner Flucht in den Westen 1961 absolvierte er ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, wo Richter später dann eine Professur bekam. Auf dem Foto steht der Künstler im Jahr 2013 vor seinem Gemälde Strip (930-2) in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

    Foto: Hendrik Schmidt
  • Als Richters größtes Verdienst gilt es, der Malerei in den 60er Jahren wieder neue Relevanz gegeben zu haben. Auf dem Foto ist sein Bild "Abstrakt" zu sehen.

    Foto: Oliver Berg
  • Zu Beginn von Richters Laufbahn in den 60er Jahren sprachen viele Kunst-Experten vom Ende der Malerei, denn wenn es um realistische Abbildungen ging, war die Fotografie überlegen. In Gerhard Richter sehen viele Kunsthistoriker denjenigen, der am stärksten dazu beigetragen hat, der Malerei eine neue Bedeutung gegeben zu haben.

    Foto: Federico Gambarini
  • Gerhard Richter ist ein Maler ohne Worte: Man hat ihn die Sphinx oder den großen Schweiger genannt, weil er seine Werke nicht erklärt. Diese Rätselhaftigkeit hat wohl zu seinem Ruf beigetragen. Zur Abbildung: 2016 wurde sein Werk "Tiger" im Museum Morsbroich in Leverkusen gezeigt.

    Foto: Monika Skolimowska
  • Als „Europas größten Maler“ bezeichnete ihn die „New York Times“, der „Guardian“ rühmte ihn als „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Das Foto zeigt den Künstler im Jahr 2010 vor einer seiner Arbeiten im Dresdner Albertinum.

    Foto: Dietrich Flechtner
  • Richters Atelier befindet sich in einem bunkerähnlichen Riegelbau im Villenviertel Köln-Hahnwald. Er schirmt das dahinterliegende Wohnhaus ab. Der Künstler lebt dort mit seiner dritten Frau Sabine Moritz und dem jüngsten Sohn Theodor. Die Aufnahme zeigt ihn im Jahr 2016 in Köln in seinem Atelier vor einem seiner Bilder.

    Foto: Oliver Berg
  • Für Richters meistbewundertes Werk muss man keinen Eintritt zahlen. Es ist das 19 Meter hohe Fenster im südlichen Querhaus des Kölner Doms. Richter hat Sympathien für die Kirche, aber er glaubt nicht an Gott.

    Foto: dpa
  • Gerhard Richter wird in internationalen Rankings seit vielen Jahren als einer der weltweit einflussreichsten Künstler eingestuft. Auch im Ranking „Kunstkompass 2017“ wird er seit vielen Jahren als wichtigster Künstler geführt.

    Foto: Arno Burgi
  • Kunstwerke von Gerhard Richter gehören zu den teuersten der Welt. Es sei beängstigend, dass seine Kunst und sogar von ihm signierte Postkarten auf dem Markt Höchstsummen erzielten: „Eine erschreckende Entwicklung“, sagte Richter in einem Interview mit der „Die Zeit“. Hier steht Richter im Jahr 2009 in Duisburg vor seinem Werk "18 Farben".

    Foto: dpa
  • Die horrenden Preise für seine Bilder seien ein Beleg dafür, „wie irrsinnig sich der Kunstmarkt entwickelt hat“, sagte Gerhard Richter. Sie hätten mit dem Werk nichts zu tun. „Das ist doch reiner Personenkult“, meint der Künstler.

    Foto: Oliver Berg
  • Ein Beispiel: Das Werk „Abstraktes Bild“ von Gerhard Richter hat 2012 in London bei einer Auktion einen Rekordpreis von umgerechnet 41 Millionen Euro erzielt. Damit habe Richter Maßstäbe für lebende europäische Künstler gesetzt, teilte das Auktionshaus Sotheby‘s nach der Versteigerung mit.

    Foto: dpa

Nominiert für Auslands-Oscar

Viel ist an diesem Abend von der Emotionalität die Rede, die einen Film erst beseele – eine Dankadresse des Regisseurs an seine Darsteller, „die uns das Fühlen beibringen“. Und darüber, wo sich Heckel von Donnersmarck seine Inspirationen für einzelne Szenen holt. Die Hup-Episode etwa hat er der eigenen Schülerzeit in Brüssel entlehnt, die heiteren Filmszenen an der Kunstakademie verdankt er einem Künstler, der am Film beteiligt war und über seine Studienzeit aus dem Nähkästchen geplaudert hat.

Dass er mit „Werk ohne Autor“ nun erneut – nach „Das Leben der Anderen“, der 2007 gewann – ins Rennen um den Auslands-Oscar geht, hat Henckel von Donnersmarck nach eigenen Worten erstaunt: „Ich war mit eigentlich sicher, dass wir es nicht werden, weil es in diesem Jahr so viele gute deutsche Filme gibt.“ Ob es einen zweiten Oscar für ihn gibt, wird sich 2019 zeigen.

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