Premiere von „Was das Nashorn sah“ im Theater Münster
Parabel gegen das Wegsehen

Münster -

„Mal lecken?“, fragt das kecke Murmeltier-Mädchen den Bären und schwenkt einen Lolli vor seiner Nase. Der Bär ist neu im Zoo. Die Süßigkeit hat das Mädchen von den „Gestiefelten“ auf der anderen Seite des „summenden, brummenden Zaunes“ bekommen, weil es so brav und possierlich Männchen gemacht hat.

Dienstag, 09.10.2018, 09:02 Uhr aktualisiert: 09.10.2018, 09:30 Uhr
Benedikt Thönes, Rose Lohmann und Maximilian Strestik (v.l.) in „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“.
Benedikt Thönes, Rose Lohmann und Maximilian Strestik (v.l.) in „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“. Foto: Oliver Berg

„Mal lecken?“, fragt das kecke Murmeltier-Mädchen den Bären und schwenkt einen Lolli vor seiner Nase. Der Bär ist neu im Zoo. Die Süßigkeit hat das Mädchen von den „Gestiefelten“ auf der anderen Seite des „summenden, brummenden Zaunes“ bekommen, weil es so brav und possierlich Männchen gemacht hat. „1-a-Futterverhältnisse! Da kann keiner meckern“, hebt auch Papa Pavian dem Neuen gegenüber die Annehmlichkeiten dieses „Schwarzweißfotozoos“ hervor. Auf einem Berg gelegen, bietet der Tierpark in einer Stadt, „die allerdings nur aussieht wie eine Stadt“ und von einem Zaun geteilt wird, den Insassen einen „bombastischen Ausblick – selbst in Schwarzweißfotoschwarzweiß“. Aber es gibt Dinge, bei denen sie lieber gar nicht erst genauer hinschauen wollen.

Denn daraus ergeben sich Fragen, die das selbstgenügsame, privilegierte Leben gefährden könnten. Was hat es mit den „Gestreiften“ auf sich, die von den „Gestiefelten“ malträtiert werden? Und warum qualmt der Schornstein auch im Sommer? War der Tod des Nashorns nicht Folge einer unziemlichen Neugier, die der Pavian auch beim Bären wittert?

Bei der bejubelten Premiere von Jens Raschkes Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ für Kinder ab etwa zehn Jahren im Kleinen Haus des Theaters Münster wurde das Publikum durch die geschickten Tempo- und Perspektivenwechsel, witzigen Dialoge und andererseits bestürzende Grausamkeiten evozierende Szenen hin und her gerissen. Es ist ein fulminanter, sensibler Balanceakt zwischen schwerem Thema und den heiteren Elementen des Kindertheaters. Der Ort des dramatischen Geschehens ist nämlich das Konzentrationslager Buchenwald, das über einen eigenen Zoo zur Erbauung des Wachpersonals und der Bürger im benachbarten Weimar verfügte. Im Zentrum steht indes ein fundamentales Thema: Zivilcourage.

Als steiles Kastengebirge, einem „Affenfelsen“ ähnlich, hat Bühnenbildnerin Janina Mendroch das von den vier Darstellenden unter der Regie von Thomas Hollaender hin und wieder beturnte, offene Gehege mittig aufgepflanzt. Sachte Beleuchtung färbt stimmungsvoll das milchige Grau der Bühne und der charakterisierenden Kostüme der vier Darstellenden; die jeweiligen Tierrollen werden nur durch kleine Applikationen wie Wams, Kragen oder Mütze aus Fell angedeutet.

Die Spieler brillieren in schnellen Abfolgen aus erzählenden und szenisch darstellenden Elementen und Rollenwechseln. Bewegend gestaltet Rose Lohmann den noch durch die Gefangennahme traumatisierten Bären. Benedikt Thönes als Papa Pavian, Maximilian Strestik als Herr Mufflon und Carolin Wirth als Murmeltier zeigen wunderbar stilisiert mal dumpf, mal zynisch gelagerte Temperamente und Facetten einer genügsamen, ignorierenden Gesellschaft.

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Nächste Vorstellung: 28. Oktober. Karten: ' 5909100.

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