Attraktivität als Daueraufgabe
Wirtschaftsförderung als Auslaufmodell?

München/Münster -

Was tun Wirtschaftsförderer eigentlich, wenn der heimische Arbeitsmarkt auf Vollbeschäftigung zusteuert? Die Attraktivität der Region auch für die Zukunft hochhalten, sind sich die fünf Vertreter aus dem Münsterland am Rande der Expo Real in München einig.

Dienstag, 09.10.2018, 21:00 Uhr
Sie werben aktuell in München für Münster und das Münsterland (v.l.): Dr. Thomas Robbers, Dr. Jürgen Grüner, Birgit Neyer, Petra Michalczak-Hülsmann, Klaus Ehling und Dr. Heiner Kleinschneider.
Sie werben aktuell in München für Münster und das Münsterland (v.l.): Dr. Thomas Robbers, Dr. Jürgen Grüner, Birgit Neyer, Petra Michalczak-Hülsmann, Klaus Ehling und Dr. Heiner Kleinschneider. Foto: Klaus Baumeister

In Münster liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei 4,8 Prozent, in den Landkreisen drum herum sieht es noch besser aus: In Warendorf sind es 4,3 Prozent, in Steinfurt 4,2, in Borken 3,3 und in Coesfeld sensationelle 2,8.

Brauchen Städte und Gemeinden, die auf Vollbeschäftigung zusteuern, überhaupt noch Wirtschaftsförderungsgesellschaften? Ist es richtig, dass sich die Wirtschaftsförderer der Region derzeit auf der Standort- und Immobilienmesse Expo Real in München tummeln, wenn sich das einstmals drängendste Problem aller Kommunen, nämlich die Arbeitslosen von der Straße zu holen, (fast) schon erledigt hat?

Weiterhin sinnvolle Tätigkeit

Fünf Wirtschaftsförderer hat unsere Zeitung auf der Expo Real dazu befragt. Das Ergebnis: Niemand zweifelt an der Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit, aber alle verstehen die Frage. Denn nicht nur die Wirtschaft hat sich verändert, sondern auch die Wirtschaftsförderung. Nicht der Arbeitsplatzmangel sei heute die größte Herausforderung, sondern der Fachkräftemangel, heißt es unisono.

Die Themen haben sich geändert: „Digitalisierung, betriebliches Gesundheitswesen, Personalpolitik

Dr. Jürgen Grüner, Wirtschaftsförderung Kreis Coesfeld

„Es geht darum, die Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Unternehmen zu erhalten“, formuliert es Dr. Heiner Kleinschneider, Wirtschaftsförderer des Kreises Borken. „Die Themen haben sich geändert“, meint sein Kollege Dr. Jürgen Grüner aus Coesfeld - und nennt einige: „Digitalisierung, betriebliches Gesundheitswesen, Personalpolitik“.

„Die 18- bis 24-Jährigen wandern ab“, benennt die Steinfurter Kollegin Birgit Neyer ein Problem des ländlichen Raums, das vordergründig nichts mit Wirtschaftsförderung zu tun habe, das gleichwohl die Wirtschaft umtreibe. Neyer ist froh über die direkte Nachbarschaft der Münsterland-Kreise zur Großstadt Münster, denn sie erleichtere es, „urbane Strukturen auf dem Land“ zu fördern.

Petra Michalczak-Hülsmann aus dem Kreis Warendorf wiederum versteht die Wirtschaftsförderung als eine „Plattform, um auf Standortfaktoren im Sinne der Wirtschaft einen Einfluss zu nehmen“. Sie berichtet, dass Unternehmen beim Anwerben von Spitzenkräften auch schon mal die Wirtschaftsförderung einschalten. Der Grund: Nicht nur der Bewerber müsse überzeugt werden, sondern auch dessen Ehepartner. Ganz nebenbei platziert Michalczak-Hülsmann in diesem Zusammenhang einen weiteren Begriff, den es im Wortschatz der Wirtschaftsförderer früher nicht gab: „Arbeitgeberattraktivität“.

Dem Münsterland mangelt es an Gründergeist

„Die Schattenseite unseres Erfolgs ist, dass sich niemand mehr selbstständig macht“, gießt Klaus Ehling von der Regionalagentur Münsterland e.V. Wasser in den Wein. Im Münsterland mangele es an „Gründergeist“, auch die Zahl der Patente hinke gegenüber denen anderer Regionen hinterher.

Da schließt sich der Kreis, denn die Start-Ups von heute sind die Arbeitgeber von morgen. Darauf setzt auch Münsters Wirtschaftsförderer Dr. Thomas Robbers. Natürlich dürfe das klassische Geschäft – Gewerbegrundstücke vermitteln und Förderanträge schreiben – nicht vernachlässigt werden. Aber in erster Linie gehe es darum, Unternehmen (und damit auch Arbeitsplätze) zu binden. Noch besser: Die an einem Ort gebündelten Kompetenzen münden in neue Arbeitsplätze.

In Münster seien dies die Hochschulen. Ins Schwärmen gerät Robbers, wenn er davon berichtet, welche Chancen im Hinblick auf neue Unternehmensgründungen der medizinische Sektor bietet. So gesehen gibt es noch viel zu fördern.

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