Smartphones in Schulen
Ruf nach Handyverbot verhallt

Münster -

Handys in der Schule sind ein Dauerstreitthema. Während einige Lehrer ein landesweites Verbot fordern, setzen andere Smartphones gezielt im Unterricht ein. Sogar Musik darf damit gehört werden. Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigen Besuche bei zwei Schulen in Münster.

Montag, 12.11.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 12.11.2018, 08:04 Uhr
Smartphones in Schulen: Ruf nach Handyverbot verhallt
Bloß nicht erwischen lassen: Wer im Unterricht das Handy benutzt, läuft Gefahr, dass es einkassiert wird. Foto: Jan Hullmann (Symbolbild)

Whatsappen, Spiele zocken, in sozialen Medien rumstöbern - das Smartphone vereint diverse Möglichkeiten der geistigen Zerstreuung. Demgegenüber steht die Möglichkeit der schnellen Informationsrecherche. Digitale Wörterbücher spucken die Englisch-Vokabel innerhalb von Sekundenbruchteilen aus, Lern-Apps können helfen, Wissen zu verinnerlichen und Google Maps verrät, wo genau Kirgistan nochmal liegt - oder hieß es Kirgisistan?

In der Debatte um ein Handyverbot an deutschen Schulen, wie es seit Beginn des Schuljahres in Frankreich eingeführt wurde, werden Argumente wie diese ins Feld geführt. Der Deutsche Lehrerverband möchte auf Bundesebene ein Handyverbot an Schulen für Kinder unter 14 Jahren durchsetzen. Neben dem Ablenkungspotenzial benennt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, auch Cyber-Mobbing als Grund für ein Verbot. Mobbing, das früher zeitlich und örtlich begrenzt war, könne nun zu einer dauerhaften Zerstörung der Identität führen.

Cyber-Mobbing auch mit Handyverbot

Doch auch ein Handyverbot kann Cyber-Mobbing nicht komplett verhindern. „Wir hatten einmal einen Fall, da wurden in der Klassen-WhatsApp-Gruppe fiese Nachrichten geschrieben”, berichtet Zoe (13) von der Montessori-Schule in Münster. Passiert sei das außerhalb der Schulzeit am Nachmittag. Schließlich wurde das Problem im Klassenrat besprochen. „Dadurch kriegen alle mit, wie betroffen die anderen sind. Wenn man sich ins Gesicht schaut, dann sieht man doch nochmal andere Verletzungen, die man beim Tippen nicht sieht”, erklärt Schulsozialarbeiter Michael Wenker-Gierschner. Neben der akuten Intervention behandele man das Thema präventiv im Unterricht. Nicht der einzige Stoff, der neu in die Schule eingezogen ist: Soziale Medien, Datenschutz, Persönlichkeits- und Urheberrechte - die Liste ist lang.

Googlen oder Musik hören - Handyeinsatz im Unterricht

Handy müssen in der Montessori-Gesamtschule grundsätzlich ausgeschaltet sein, auch in Pausen und in den Zeiten vor Unterrichtsbeginn und nach Unterrichtsschluss. Doch es gibt Ausnahmen. Die Schüler dürfen ihr Smartphone mit Erlaubnis des Lehrers im Unterricht nutzen, wenn es längere Phasen von Einzelarbeit gibt. „In der letzten Stunde durften wir alle das Handy benutzen, um für Ländersteckbriefe zu recherchieren”, berichtet der Achtklässler Finn. Wer keins dabei hatte, konnte die verfügbaren Computer nutzen.

Nach Absprache darf mit dem Smartphone recherchiert werden, es kann als Taschenrechner-Ersatz dienen oder es darf sogar Musik gehört werden. „Wir haben die Vereinbarung im Lehrerteam, dass es immer abhängig davon ist, was für ein Output am Ende der Stunde steht”, sagt Lehrerin Mareike Sandhaus aus dem Leitungs-Team der Montessori-Schule. „Wenn jemand nicht so viel geschafft hat, hat man einen Gesprächsanlass das Lernen zu reflektieren. Kannst du jetzt mit Musik besser arbeiten oder nicht? Woran lag es, dass du nicht so viel geschafft hast, wie du dir vorgenommen hast? Lag es an der Musik oder lag es an was anderem? Das Ziel ist, dass die Schüler eine Haltung entwickeln: Was hilft mir beim Lernen und was hilft mir nicht? Und in welcher Situation brauche ich welche Hilfsmittel? Und das kann ja auch sein: ich schotte mich ab und höre dabei Musik.”

Die Musik-Regelung, die ab der siebten Klasse gilt, wurde vor einigen Jahren auf Wunsch der Schüler eingeführt. Die große Masse würde davon aber keinen Gebrauch machen, bilanziert Sandhaus. Und auch nicht jede Anfrage wird durchgewunken: „Bei manchen Sachen sagen die Lehrer auch, dass wir an den Computer sollen”, sagt die 13-jährige Merle. Oder statt der Taschenrechner-App muss dann doch der Ersatz-Taschenrechner aus dem Lehrerpult herhalten.

Handyverbot von Schülern initiiert

Am Schlaungymnasium in Münster herrscht ein strikteres Handyverbot. Die Initiative dazu kam von Schülern, berichtet Schulleiter Dr. Lothar Jansen: „Initiiert wurde es durch kleine Schüler, die festgestellt haben, dass sie nach der Grundschule zu uns kamen und in den Pausen gar nicht miteinander geredet haben, sondern sie haben sich auf Whatsapp mit ihren früheren Mitschülern auseinandergesetzt. Und das fanden sie - wie sie sagten - doof. Denn sie wollten jetzt ja eine neue Klassengemeinschaft bilden.” Nach einem Schulkonferenzbeschluss darf das Handy jetzt nur noch in der Mittagszeit genutzt werden.

Erzieherischer Effekt durch genervte Eltern

Bei Verstößen wird das Gerät einkassiert und die Eltern müssen es abholen. „Damit ist der erzieherische Effekt deutlich größer, weil die Eltern dadurch sehr genervt sind. Die möchten nicht am Mittag oder am frühen Nachmittag in die Schule kommen. So wird das auch zu Hause thematisiert. Und das hilft dem Schüler, gegen seine Sucht anzukämpfen”, ist Jansen überzeugt.

Auch an der Montessori-Gesamtschule in Münster kommen bei Verstößen gegen die Handy-Regelung die Eltern ins Spiel. Allerdings reicht dort schon die Unterschrift der Eltern. „Eine gute Lösung”, findet Yunes (13 Jahre). „Dann ist es noch mal so ein Extrading, dass man nichts anderes damit macht. Man tendiert eben ein bisschen dazu, mit dem Handy was anderes zu machen. Aber wenn man weiß, dass es diese Regelung gibt, dann macht man das eher nicht.”

„Es nervt einen schon, wenn einem das Handy weggenommen wurde und die Eltern das abholen müssen, aber dadurch lernst du auch was”, bestätigt Finn. „Wenn du es einfach nach dem Schultag abholen könntest, dann sagst du: ‚Ja schade, hatte ich mal für den Rest des Schultags mein Handy nicht, hätte ich eh nicht benutzen dürfen.’ Und dann machst du es vielleicht nochmal. Aber wenn du es mal den ganzen Tag lang nicht hast oder das ganze Wochenende, dann lernst du schon mehr daraus.”

Die Regelung scheint zu funktionieren: In den letzten Monaten habe er kein Handy mehr eingesammelt, berichtet Sozialarbeiter Michael Wenker-Gierschner. „Früher habe ich jeden zweiten Tag eins eingesammelt.”

Rechtlicher Hintergrund des Handyverbots

Die Handynutzung wird über Landesgesetze geregelt. Dabei ist der Freistaat Bayern das einzige Bundesland, das ein Handyverbot in seinem Schulgesetz verankert hat. In Nordrhein-Westfalen gibt es keine allgemeine Handyregelung, jede Schule entscheidet selbst. Das Einkassieren eines Geräts ist in NRW dabei durch das Schulgesetz (§53 Abs. 2) gedeckt - als erzieherische Maßnahme zur Aufrechterhaltung eines ordnungsgemäßen Schulbetriebs. Eine prophylaktische Wegnahme ist aber nicht zulässig. Die Störung muss entweder bereits eingetreten sein oder unmittelbar bevorstehen und auf andere Weise nicht zu beseitigen sein.

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Landesweites Smartphone-Verbot?

Auch Lothar Jansen ist mit dem Konzept seiner Schule zufrieden: „Es hat sich gelohnt, das Handyverbot durchzusetzen. Die Unterrichtsstörungen haben nachgelassen.” Statt Smartphones im Unterricht zuzulassen, sieht er noch ganz andere Baustellen: So hätten die Schüler Defizite im Umgang mit dem Computer. Texte in Word zu formatieren oder eine Excel-Tabellen anzulegen, stelle die Schüler vor große Probleme.

Auch seien Tablets wegen ihrer Größe besser für den Unterricht geeignet als Smartphones. „Unsere Erfahrungen sind so gut, dass man es meinetwegen auch landesweit machen könnte”, ist der Schuldirektor überzeugt. Das Problem sieht er in der Ausgestaltung der Regelung: „Nur zu sagen: Es ist verboten, ist zu wenig. Sondern man muss sagen: Wie sanktioniere ich es und wer kriegt es wie wieder zurück. Und ob das Land da die Kraft hat zu sagen, das müssen die Eltern machen, weiß ich wiederum nicht.”

Ministerin für gezielten Einsatz

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hingegen lehnt ein generelles Handyverbot in Schulen ab. Wichtig sei eine Regelung, die Grenzen ziehen könne, aber mit der gleichzeitig Medienkompetenz vermittelt werden könne. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) befürwortet eine reglementierte Handynutzung im Unterricht. Smartphones dürften nicht ablenken, aber ein gezielter Einsatz, nach pädagogischen Grundsätzen, sei sinnvoll. So sieht es auch Mareike Sandhaus von der Montessori-Schule: „Dadurch, dass man es nicht pauschal verbietet, sondern sagt ‚Wir gucken im Einzelfall immer genau, macht es jetzt an dieser Stelle Sinn oder macht es nicht Sinn’, ist das auch für die Schüler in Ordnung.”

Wie sehr das Smartphone schon zum Alltag gehört, bemerkte Montessori-Schülerin Zoe (13) als während der Klassenfahrt ein generelles Handyverbot galt: „Uns fehlte die Uhrzeit, niemand hatte eine Armbanduhr mit.”

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