Sa., 13.10.2018

Circus Flic Flac Die nächste Generation: Die Töchter setzen die Familientradition fort

Schwestern und beste Freundinnen:Larissa (links) und Tatjana Kastein rücken als Töchter von Zirkus-Gründer Benno Kastein in die Geschäftsführung von Flic Flac auf. Circus Flic Flac „Farblos“:Die aktuelle Show verzichtet auf jede Farbe. Im Mittelpunkt steht einzig die Artistik. Circus Flic Flac

Schwestern und beste Freundinnen:Larissa (links) und Tatjana Kastein rücken als Töchter von Zirkus-Gründer Benno Kastein in die Geschäftsführung von Flic Flac auf. Circus Flic Flac „Farblos“:Die aktuelle Show verzichtet auf jede Farbe. Im Mittelpunkt steht einzig die Artistik. Foto: Circus Flic Flac

Die erste anspruchsvolle Bewährungsprobe liegt bereits hinter den Schwestern. Wochenlang haben Tatjana und Larissa ­Kastein mit Managern der staatlichen Instituts chinesischer Artisten verhandelt. Sich auf ein ­gemeinsames künstlerisches Programm zu verständigen, erwies sich als die geringste aller Hürden. „Der ganze Papierkram war unheimlich aufwendig“, erzählt Larissa Kastein. „Und es war sehr schwierig, für die Artisten ein Visum von einjähriger Gültigkeit zu bekommen.“

Von Annegret Schwegmann

Demnächst werden sich die Schwestern und ihr Vater ­Benno Kastein noch einmal mit den chinesischen Artisten und ihren Übersetzern zusammensetzen müssen und ihnen etwas ankündigen, was mög­licherweise nicht so gut ankommen wird: Sing-Sang-Musik nach Art chinesischer Restaurants wird auf einer Flic-Flic-Bühne auch in Zukunft nicht zu hören sein. Die Musik muss so klingen, dass sie zum Circus Flic Flac passt: rockig, unkonventionell und riskant.

Derzeit geben die Schwestern so viele Interviews wie noch nie in ihrem Leben. Seitdem ihr Vater Benno mitgeteilt hat, seine Töchter in die Geschäftsführung aufrücken zu lassen, genießen die 31-jährige Larissa und ihre 26-jährige Schwester Tatjana hohe Aufmerksamkeit. Dass die dem Betrieb nur guttun kann, wissen die beiden. An manche Fragen oder Reaktionen auf Bemerkungen von ihnen werden sie sich vermutlich aber nie gewöhnen können. „Wo wohnen Sie denn üblicherweise?“, werden die Schwestern fast immer gefragt.

Konzentration auf die Ästhetik der Artistik

„In unseren Wohnwagen“, antworten die beiden dann und dürften mittlerweile ahnen, was geschieht, wenn sie erzählen, dass sie ihr mobiles Zuhause jeweils mit Partner oder Ehemann und den gemeinsamen Töchtern teilen. Manche sprechen aus, was andere nur in ihrem Mienenspiel andeuten: „Das muss aber eng sein.“ Vermutlich wird es den Schwestern nie gelingen, anderen Menschen begreiflich zu machen, dass 37 geschickt eingerichtete Qua­dratmeter Wohnfläche sehr großzügig sein können. Verstehen können das vermutlich nur die Menschen, die nie anders gelebt haben als Larissa und Tatjana Kastein.

Im nächsten Jahr wird Circus Flic Flac 30 Jahre alt. Und es ist gut möglich, dass die Schwestern und ihr Vater dann nostalgische Momente verspüren werden. Benno Kastein sicherlich, wenn er erzählt, wie er mit seinem Bruder Lothar auf den Gedanken kam, einen Zirkus zu gründen, den es so noch nicht gegeben haben sollte. Akrobatik auf höchstem Niveau und immer dabei das Adrenalin – das war es, was die Brüder aus Bocholt wollten. Mehr als sieben Millionen Menschen haben seitdem Shows wie „Gnadenlos“ oder – wie noch bis zum Jahresende – „Farblos“ gesehen, der Zirkus, der alle Farben schluckt und sich auf die Ästhetik der Artistik konzentriert.

Sieben-Mann-Pyramide auf dem Hochseil

Die Schwestern sind mittlerweile vom Büro auf dem Weg ins Zelt. Im Gastronomiebereich, dort, wo am selben Abend Würstchen geordert werden, hat ein Physiotherapeut eine Praxis improvisiert und dehnt gerade die Bänder eines Artisten. Im Zelt trainieren zwei Männer auf dem Todesrad, das so furchteinflößend gar nicht aussieht. „Och“, meint Tatjana Kastein, „das ist nicht ohne Risiko.“ Am Abend werden darin vier Artisten in die Höhe schnellen – zwei in dem Rad und zwei außen.

Noch mehr Beifall wird vermutlich die Sieben-Mann-Pyramide auf dem Hochseil bekommen. „Die bauen sich zu einer Pyramide auf und laufen dann über das Hochseil. Das ist gefährlich“, erklärt Larissa Kastein, und so wie es sagt, liegt darin die große Verantwortung eines Zirkusunternehmens: Die Artistik soll ihr Publikum zwar zum Mitzittern bringen – das Risiko muss aber halbwegs kalkulierbar bleiben. Auch Flic Flac ist das nicht immer gelungen.

Elf Jahre alt beim ersten Auftritt

Vielleicht haben sich die Schwestern instinktiv als Kinder gegen das ganz große Risiko entschieden. Larissa stand bereits als Sechsjährige gemeinsam mit ihrem Vater auf der Bühne und hat sich einen Namen in der Handstand­akrobatik und im Pole Dance gemacht. Was das ist? „Stangentanz. Als Fahne beispielsweise“, erklärt ihre Schwester.

Sie selbst hat sich eine solche ­Körperbeherrschung nie zu­getraut. Ihre Trainerin entschied, dass sie sich auf die Handstandakrobatik konzentrieren sollte. Elf Jahre war Tatjana Kastein bei ihrem ersten Auftritt alt. Seit ihre Töchter auf der Welt sind, treten die Schwestern nicht mehr auf. Möglicherweise nur vorläufig – sie wissen es selbst nicht.

Schwestern wie Freundinnen

Im Zelt unterhalten sich die beiden mit ihrem Vater über eine Bühnenkons­truktion, die Benno Kastein in Russland ­besichtigen will. „Sie ist nicht nur drehbar. Sie öffnet sich auch mit einem Teil zur ­rechten und einem Teil zur linken Seite“, erklärt Tatjana Kastein, die mit ihrem Vater schon mehrfach über dieses Wunder der Technik dis­kutiert hat. Vielleicht kauft er es, vielleicht ­studiert er es auch nur so gründlich, dass er es zu Hause nachbauen kann. „Unser Vater ist ein ­Macher“, urteilen seine Töchter.

„Er denkt schnell, hat immer Ideen und ein großes Temperament.“ Dass er ihnen zugehört hat, als sie sich gegenseitig beurteilen – Tatjana sieht in ihrer Schwester einen mutigen und offenen Menschen und Larissa hält Tatjana für den Inbegriff der Verlässlichkeit –, bemerken die beiden erst, als er „und Freundinnen“ sagt. „Ihr seid doch auch die besten Freundinnen.“ Die beiden nicken. Sie haben zwar auch in der Zirkus-Schule Freundschaften geschlossen, die ihnen bis heute wichtig und teuer sind. „Aufeinander konnten wir uns immer verlassen“, sagen beide.

Zum Thema

Flic Flac und Münster: Spätestens nach zwei Jahren kehrt der Zirkus regelmäßig zu einem neuen Gastspiel nach Münster zurück. Dieses Mal gastiert das Ensemble mit seinem Programm „Farb­los“ vom 19. Oktober bis zum 4. November in Münsters Fliednerstraße. Die Kasse ist ab dem 18. Oktober täglich ab 11 Uhr geöffnet. Die Tickethotline: 0180/60 50 200. Die Website:  www.flicflac.de

Gegen Mittag werden die Schwestern in ihren Wohn­wagen zu ihren beiden Töchtern zurückkehren. Tatjanas Tochter Fiona und Larissas Tochter Isabella verstehen sich gut – „wie Schwestern“. . .



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