Mieter-Ehepaar harrt inmitten von Bauschutt aus
„Wir bleiben hier wohnen“

Münster -

Wie so manches Haus in Münster ist auch die Diepenbrockstraße 36 von einer Immobilienfirma gekauft worden, die nun notwendige Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten durchführt. Sämtliche Wohnparteien sind bereits seit Sommer letzten Jahres ausgezogen. Bis auf das Ehepaar im ersten Stock – es pocht auf seinen unbefristeten Mietvertrag.

Freitag, 19.10.2018, 06:55 Uhr aktualisiert: 19.10.2018, 07:31 Uhr
Dr. Ulrike Stehli-Werbeck lebt mit ihrem Mann Prof. Dr. Abdo Abboud auf einer Baustelle.
Dr. Ulrike Stehli-Werbeck lebt mit ihrem Mann Prof. Dr. Abdo Abboud auf einer Baustelle. Foto: Arndt Zinkant

Dass die Wohnsituation in Münster ein Kessel unter Hochdruck ist, weiß jeder. Neuer Wohnraum muss geschaffen, alte Gebäude müssen saniert werden. Wer in bester Lage attraktiven Wohnraum anbietet, darf auf guten Profit hoffen – wer dort bereits wohnt, hat manchmal das Nachsehen. So wie das Ehepaar Dr. Ulrike Stehli-Werbeck und Prof. Dr. Abdo Abboud: Sie sind die letzte verbliebene Mietpartei des entkernten Hauses an der Diepenbrockstraße 36 am Rande des Hansaviertels.

Seit November 2017 allein im Haus

Die Immobiliengesellschaft, die das Haus vermietet, ging in den letzten Jahren daran, die Immobilie zu „entmieten“ und führt nun fraglos notwendige Sanierungsarbeiten durch. Von den insgesamt acht Wohnparteien sind nach und nach alle im Sommer 2017 aus ihren Wohnungen ausgezogen – bis auf das Ehepaar im ersten Stock. Stehli-Werbeck und Abboud sind seit November letzten Jahres die einzig Gebliebenen und wollen ihre Wohnung behalten.

Warum das Ehepaar nicht auszieht

Die Gründe sind vielfältig: „Wenn man schon im Rentenalter oder kurz davor ist, zieht man nicht mehr so leicht um wie in jüngeren Jahren“, sagt die 62-jährige Stehli-Werbeck, die ebenso Hochschuldozentin ist wie ihr 76-jähriger Ehemann, der aus Syrien geflohen ist und nun an der Uni Münster lehrt. Wer die geräumigen 116 Quadratmeter in bester Lage besichtigt, versteht, warum man sie nicht leichthin aufgibt. „Allein den Platz für unseren riesigen Bücherbestand findet man nicht überall“, lächelt die Hausherrin, die bereits seit 25 Jahren in der Wohnung lebt. Da sie an der Uni Basel lehrt und oft pendeln muss, ist für sie außerdem die Bahnhofsnähe von Bedeutung.

Das sagt die Immobilienfirma

Die Immobilienfirma versichert auf Anfrage unserer Zeitung, dass „feudalste“ Wohnungen – auch nahe dem Bahnhof – als Ausweichort angeboten wurden. Diese seien jedoch ausgeschlagen worden. Abboud erklärt, die Ausweichquartiere seien finanziell nicht erschwinglich gewesen. Auch die möglicherweise anstehende Mieterhöhung für ihr jetziges Heim wäre für Stehli-Werbeck und Abboud ein Problem.

Wie es weiter geht

Eine Kündigung wurde jedenfalls bislang nicht ausgesprochen. In diesem Fall wäre das Angebot eines Ausweichquartiers auch gar nicht verpflichtend, erklärt Jutta Pollmann vom Mieterverein Münster. „Wir haben hier offenbar den klassischen Fall David gegen Goliath.“ Im Falle einer Kündigung müsste der Streit gerichtlich geklärt werden; momentan sieht es eher danach aus, als wären hier Zermürbung und der längere Atem entscheidend.

Schutt einfach in Garten gekippt

Mittlerweile sind die Umbauarbeiten vom Bauordnungsamt stillgelegt worden. Abboud erzählt, dass sich Nachbarinnen und Nachbarn beschwert hätten, unter anderem wegen einer starken Staubbelastung. Anfangs sei der Schutt einfach in den Garten gekippt worden.

Dirk Lohaus, Leiter des Bauordnungsamtes, will sich zu Details nicht äußern. Nur so viel: „Das alles sah nicht so aus, wie wir uns eine Baustelle vorstellen.“

Modernisierung und Mieterschutz

Der Gesetzgeber hat die Regelungen zum Mieterschutz sehr streng ausgelegt. In manchen Fällen –  wie bei Eigenbedarf – kann ein Vermieter eine Kündigung aussprechen. Diese wurde aber im Fall der Diepenbrockstraße nicht angesprochen. Kein Wunder: „Es liegt überhaupt kein Grund für eine Kündigung vor“, erklärt Ulla Fahle vom Mieter-Schutzverein Münster. Es bestehe ein unbefristetes Mietverhältnis, und aufgrund der langen Dauer betrage die Kündigungsfrist hier mindestens neun, vielleicht sogar zwölf Monate. Die Zustände in dem großteils entkernten Haus hält sie für unhaltbar, auch im Hinblick auf den Winter. „Das ist eine fürchterliche Situation.“

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Demo für mehr bezahlbaren Wohnraum

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  • Am Mittwoch (10. Oktober) demonstrieren rund 50 Menschen auf der Windthorststraße für mehr Wohnraum für Studierende. Der AstA der WWU hatte zu der Demonstration aufgerufen.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • „Weil Wohnheime saniert werden, fallen viele Wohnmöglichkeiten weg“, sagte Luca Horoba, AStA-Referent für Soziales und Wohnen, vor der Demonstration.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Mit vielen kreativen Schildern machen diese Studentinnen ihrem Ärger Luft.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Kreativ waren die Plakat-Schreiber allemal.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt
  • Studenten gehen für Wohnraum auf die Straße Foto: Pjer Biederstädt

 

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