Interview mit Prof. Leidinger
„Eine herbe Ernüchterung“

Münster -

Zeit für ein Fazit: Prof. Dr. Paul Leidinger hat nach 22 Jahren sein Amt als Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft (DTG) Münster niedergelegt. Im Interview spricht der pensionierte Geschichts-Professor über das angespannte deutsch-türkische Verhältnis und die Rolle der DTG in Münster.

Sonntag, 21.10.2018, 08:00 Uhr
Prof. Dr. Paul Leidinger wurde 1932 in Werl geboren und war bis 1997 Professor für Geschichte und Didaktik der Geschichte an der WWU Münster.
Prof. Dr. Paul Leidinger wurde 1932 in Werl geboren und war bis 1997 Professor für Geschichte und Didaktik der Geschichte an der WWU Münster. Foto: Pjer Biederstädt

In der vergangenen Woche legte Prof. Dr. Paul Leidinger nach 22 Jahren sein Amt als Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft (DTG) Münster von 1916 e. V. in die Hände seines bisherigen Vizepräsidenten Dr. Ulrich Hillebrand. Im Interview mit Redakteur Pjer Biederstädt spricht der 86-jährige pensionierte Geschichts-Professor der WWU über die Ursachen für das angespannte deutsch-türkische Verhältnis und die Rolle der DTG in Münster.

Bereitet Ihnen das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland Sorge?

Prof. Dr. Paul Leidinger: Ja, natürlich sind die seit einigen Jahren in der Ära des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan eingetretenen politischen Spannungen zwischen unseren beiden Ländern eine herbe Ernüchterung, nachdem wir jahrzehntelang einen freundschaftlichen Kontakt zur Türkei, den dortigen Amtsstellen und Ansprechpartnern und vor allem auch zu türkischen Bürgern dort und hier gepflegt haben und noch weiter pflegen.

Woher rühren diese politischen Spannungen?

Leidinger: Die politischen Spannungen haben mehrere Ursachen: Erstens außenpolitisch in den globalen weltpolitischen Veränderungen, die sich mit der Auflösung des sozialistischen Machtblocks in Russland und Ostmitteleuropa seit 1990 und mit den nachfolgenden kriegerischen, terroristischen, religiösen und machtpolitischen Entwicklungen im Nahen Osten bis in die jüngste Zeit ergeben haben. Die Türkei ist von diesen Entwicklungen durch ihre geografische Lage in der Nachbarschaft und zwischen den Konfliktparteien besonders erfasst worden.

Inwiefern?

Leidinger: Die Türkei war als NATO-Mitglied seit 1952 ein besonders enger, zuverlässiger und vor allem auch militärisch starker Bündnispartner für die westliche Welt. Diese Bindungen haben durch die aufgezeigten politischen Veränderungen zu einer stärkeren Ausformung einer national und islamisch orientierten Politik der Türkei in der Ära Erdogans als Ministerpräsident seit 2002 geführt.

Welche weiteren Problemaspekte gibt es darüber hinaus?

Leidinger: Das zweite Problem ist ein innenpolitisches, das mit dem Islam zu tun hat und seit der Gründung der Republik Türkei 1923 in der Nachfolge des Osmanischen Reiches relevant ist. Der Staatsgründer Atatürk hat mit der Ablösung der Sultansmonarchie durch eine Republik und mit den durchgesetzten, westlich orientierten Staatsreformen Verhältnisse geschaffen, die nie einer demokratischen Zustimmung des fast ausschließlich muslimischen Staatsvolkes unterzogen wurden, aber vor allem dessen religiöse Lebensgrundlagen betrafen. Dies hat nach dem Zweiten Weltkrieg unter den verschiedenen Militärregimen, die durch die AKP Erdogans seit 2002 abgelöst wurden, immer wieder zu Spannungen zwischen Staat und muslimischer Bevölkerung geführt.

Inwieweit wirken sich diese Veränderungen auf die deutsch-türkischen Beziehungen aus?

Leidinger: Die mit der Gründung deutsch-türkischer Gesellschaften seit 1914 verstärkten Beziehungen zwischen beiden Ländern sind trotz des damals begonnenen Ersten Weltkriegs nicht politisch und militärisch ausgerichtet gewesen, sondern zivilgesellschaftlich. Diese Ausrichtung ist bis heute eine auch von der Satzung seit den 1950er Jahren festgelegte Aufgabe der Deutsch-Türkischen Gesellschaften, zu denen die in Münster seit 1916 gehört. Sie untersagt bewusst politische Stellungnahmen. Sie will damit auch bei Eintreten politischer Kontroversen weiterhin Gesprächsfähigkeit und Kontakte ermöglichen, ohne inzwischen völkerrechtlich festgelegte politische und humane Grundwerte aufzugeben, die weiterhin Maßstab internationaler Beziehungen zwischen Staaten sein müssen.

Ende September hat Deutschland den türkischen Präsidenten empfangen. Es gab viel Kritik daran. Wie stehen Sie zu diesem Empfang?

Leidinger: Staatsbesuche haben ein bestimmtes Zeremoniell, das sollte man einhalten, vor allem wenn man den Dialog mit der Türkei zur Lösung von Problemen erfolgreich weiterführen will.

1996 sind Sie Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft geworden. Wie fällt Ihr Fazit nach 22 Jahren im Amt aus?

Leidinger: Wir haben durch Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen in die Türkei das Bewusstsein für beide Länder und ihre geschichtliche Verbundenheit, die auch in den an der Universität Münster angesiedelten wissenschaftlichen Forschungsfächern begründet ist, weiter gefördert. Ich persönlich habe mich in all den Jahren intensiv mit der türkischen Geschichte beschäftigt und den Kontakt mit den hier lebenden türkischen Mitbürgern und vor allem Studierenden gesucht. Dadurch habe ich ein Verständnis für die Türkei gewonnen, aber auch festgestellt, wo Grenzen des deutsch-türkischen Dialogs bestehen, die man überwinden muss.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6132906?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker