Faszinierender Tanz-Theater-Abend
Vom furchtbaren Fremdsein

Münster -

Auf den ersten Blick wirken sie so uniform, die zwölf Menschen in ihren weißen Overalls. Doch das täuscht oder ändert sich, wie so manches an diesem Abend. So versucht mehrmals eine Frau, sich der großen Gruppe anzuschließen, und wird ignoriert, abgewiesen. Später führen die verschiedenen Sprachen zum Streit. Die Figuren sind einander ähnlich und doch fremd.

Sonntag, 21.10.2018, 15:52 Uhr aktualisiert: 21.10.2018, 17:56 Uhr
Das schwarze Maskenwesen hat sich schon zum vierteiligen „Bürokratier“ verwandelt und setzt dem Fremden (Bálint Tóth) zu.
Das schwarze Maskenwesen hat sich schon zum vierteiligen „Bürokratier“ verwandelt und setzt dem Fremden (Bálint Tóth) zu. Foto: Oliver Berg

Das Fremdsein in unterschiedlichen Facetten ist ein zentraler Aspekt dieses „Tanz-Theater-Abends“ im Kleinen Haus, der seine Figuren in unbekannte Gebiete führt, in „Unknown Territories“. Wie es auch den Bauhaus-Künstlern widerfuhr, die vor den Nationalsozialisten in die USA flohen. Eine Ausstellung im Landesmuseum wird ab dem 9. November diesem Thema gewidmet sein und hat den Theaterabend angestoßen, ohne dass nun ein Bauhaus-Ballett entstanden wäre. Die Verbindung schaffen vielmehr übergeordnete Aspekte wie das Fremdsein, schafft aber auch der Gedanke des interdisziplinären Schaffens, an dem sich Tanztheater-Chef Hans Henning Paar und Schauspiel-Dramaturg Michael Letmathe orientiert haben.

So steht im Mittelpunkt der knapp 80-minütigen Aufführung ein Schauspieltext von Aiat Fayez, der die Nöte von Einwanderern in einer Ausländerbehörde schildert. Wie die einzelnen Menschen als bloße Nummern behandelt und von der Bürokratie geknechtet werden, das setzen die Tänzer mit ihrem je eigenen Sprech-Akzent und mit verblüffenden Gesten um, die dem Text zu allgemeingültiger Symbolik verhelfen. Das amtlich-gnadenlose Gegenüber der weißen Bittsteller ist ein schwarzes Maskenwesen (Kostüme: Bernhard Niechotz), das sich im Verlauf der Handlung vervielfacht und immer mehr zu einem kafkaesken Fantasie-Insekt mutiert – das wirkt komisch und schrecklich zugleich. Um so schöner, wenn sich aus den hoffenden Menschen ein clowneskes Frauenduo herausbildet oder gar eine weiße Frau einen der dunklen Männer demaskiert und sie einander umfangen wie zwei sehnende Seelen.

Leitmotiv und Rahmen des Abends ist eines von drei Gedichten Wisława Szymborskas mit der prägnanten Zeile „Geändert hat sich nichts“, das auf erschreckend kühle Weise das Machtins-trument der Folter beschreibt. Mit diesen Texten, vorwiegend gesprochen von den Schauspielern Simon Mantei und Bálint Tóth, und mit getanzten Bildern der Flucht übers Meer, zu denen sich aus dem Wort Schwimmen das Wort Menschen schält, ist der aktuelle politische Bezug akzentuiert, während Sven Stratmanns Projektionen auf den Bühnenelementen von Luis Cres­po zwischen kristallinen Elementen, Flora und Fauna changieren.

Die suggestive Computermusik von Fabian Kuss führt besonders in den beiden großen Ensembleszenen zu einer magnetisierenden, spannungsvoll gesteigerten Choreografie. Sie trägt entscheidendend dazu bei, dass dieses Tanz-Theater nicht plakativ, sondern faszinierend vielfältig daherkommt. Euphorischer Premierenapplaus.

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Nächste Aufführungen: 24. Oktober, 3., 9. und 23. November

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