Bandendiebstahls-Prozess
Vier Einbrecher erzählen: Innenansicht eines Beutezugs

Münster -

Der Vorwurf lautet „Bandendiebstahl“. Die vor dem Landgericht Münster Angeklagten lieferten selbst ein Bild davon, was genau das heißt. Ein Einblick in die Organisation eines Beutezugs . . .

Freitag, 26.10.2018, 18:40 Uhr aktualisiert: 26.10.2018, 18:48 Uhr
Symbolbild 
Symbolbild  Foto: (c) www.nicht-bei-mir.de

Der Schaden war groß: Beute im Wert von 94 788 Euro fiel am 1. April 2017 einer Einbrecherbande in die Hände, die, wie berichtet, in das Lager einer münsterischen Fotohandlung eingestiegen war.

Der Ärger war größer: Denn nach dem Diebstahl hochwertiger Kameras, Objektive und Ferngläser habe es Lieferverzögerungen gegeben, die sich im Online-Geschäft sofort in schlechter Bewertung bemerkbar machen. Von Aufregung und Verwaltungsaufwand ganz abgesehen: Nur der Netto-Einkaufspreis wird von der Versicherung erstattet, nicht aber der Verkaufspreis, der mit 137 000 Euro deutlich höher gewesen wäre.

Einer der Geschäftsführer der Firma sagte am Freitag als Zeuge im Prozess gegen die vier geständigen Angeklagten aus. Den Verlust zu beziffern, sei nach einer raschen Inventur kein Problem gewesen – als Online-Händler müsse man den eigenen Bestand jederzeit genau im Blick haben. Teile der Beute wurden bei den Angeklagten in Rumänien sichergestellt. Die vier hatten deshalb die Flucht nach vorn angetreten: mit einem Geständnis, das einen Einblick in den Ablauf eines solchen Beutezugs gibt.

Die Angeklagten hatten demnach den Tipp von flüchtigen Bekannten bekommen: Hochwertige Kameras aus dem Lager deutscher Händler seien ein lohnendes Ziel. Einer der vier stellte als Zahlmeister seine Kreditkarte zur Verfügung; das Geld für Flug, Mietwagen und einfache Hotels wurde gemeinsam aufs Konto eingezahlt.

Goldene Regel in der Einbrecher-Branche

In Berlin – dem billigsten Flugziel von Bukarest aus – recherchierten die vier in einem Internetcafé nach geeigneten Zielen und stießen dabei auf Lager in Münster, Westerkappeln und Eschborn. Man sah sich tagsüber unauffällig vor Ort um, am Abend begann der Einbruch: Der Fahrer ließ seine drei Kollegen in einiger Entfernung aussteigen, um sie erst morgens um 6 Uhr wieder am Treffpunkt abzuholen. Niemals auf nächtlicher Straße allein unterwegs sein, immer den beginnenden Berufsverkehr abwarten, das ist offenbar eine goldene Regel der Branche.

Einer der Einbrecher blieb als Aufpasser vor dem Gebäude zurück; die beiden anderen kletterten aufs Dach, in das sie mit kurz zuvor im deutschen Baumarkt gekauftem Werkzeug – Blechschere, Kneifzange, mehrere Schraubendreher – ein Loch schnitten. Ein Täter kletterte ins Lager und bewegte sich dabei vor allem auf den Regalen, um den Bewegungsmeldern keine Angriffsfläche zu bieten. Gesucht wurden gezielt Kameras und Objektive bekannter Marken; die Beute wurde in mitgebrachten Taschen abtransportiert. War es noch nicht 6 Uhr, mussten die drei Aktiven zur Not noch einige Zeit in einem Gebüsch auf ihren Fahrer warten.

25 Prozent des Verkaufswertes

Nach Rumänien gelangte die heiße Ware per Kurierdienst. Sie von dort abzuholen, galt als risikoreich; hätte ja sein können, dass der Zoll die Pakete öffnet. Die Beute wurde schließlich reihum verteilt: Der Hallen-Kletterer durfte zuerst ein Stück auswählen, der Fahrer kam zuletzt an die Reihe. Verkauft wurde das meiste nach Anzeigen im Internet: Der Handel fand in der Regel auf einem rumänischen Parkplatz im Nirgendwo statt, die Käufer fragten nicht nach der Herkunft der erfreulich günstigen Kameras. Die Diebe erzielten vielleicht 25 Prozent des regulären Verkaufswertes ihrer Beute als Gewinn.

Soweit die übereinstimmende Aussage der vier Angeklagten, die bis zu diesem Zeitpunkt in verschiedenen Gefängnissen ohne Kontakt zueinander saßen. Die Tätertrennung wurde nach dem Geständnis aufgehoben. Unklar scheinen vor allem Details der Tatausführung zu sein: So berichtete der ermittelnde Polizeibeamte, dass seiner Einschätzung nach mehrere Täter im Lager gewesen sein müssen. Und schließlich steht die Frage im Raum, ob die vier nicht doch noch für weitere ähnliche Taten infrage kommen. Nur drei Einbrüche in Münster, Westerkappeln und Eschborn hatten sie zugegeben.

Der Prozess wird am 2. November um 9 Uhr fortgesetzt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6147382?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker