Do., 08.11.2018

Ausstellung zum Nam June Paik Award im Kunstverein Auch die Antike hatte ihr Instagram

Andreas Angelikadis zeigt in einem Lattengerüst, das an archäologische Arbeitsgerüste oder Tempel erinnert, ein Video über Tongefäße, die zugleich Nachrichtenmedium waren.

Andreas Angelikadis zeigt in einem Lattengerüst, das an archäologische Arbeitsgerüste oder Tempel erinnert, ein Video über Tongefäße, die zugleich Nachrichtenmedium waren. Foto: Arendt / Westfälischer Kunstverein

Münster - 

Selbst wenn er Medienkunst betreibt, kommt der Grieche offenbar nicht an der klassischen Antike vorbei. Auf diesen Gedanken könnte kommen, wer das größte der fünf Werke betrachtet, die als Kandidaten für den Medienkunstpreis des Landes NRW im Westfälischen Kunstverein zu sehen sind. Denn wer sich ins Innere des kubischen Gebildes aus Holzlatten begibt, das von schwarzen Tüchern halb verhüllt ist, der erblickt auf drei Konsolen archäologische Objekte. Auf einem Fernsehschirm flimmert ein Video, in dem bemalte Vasen eine Rolle spielen – „das In­stagram der Antike“, sagt Jenni Henke vom Kunstverein. Und ist nicht das ganze Gebilde ein stilisierter halber Tempel?

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Andreas Angelikadis aus Athen ist der älteste der fünf Teilnehmer, die heute auf den mit 25 000 Euro dotierten Preis hoffen dürfen: Er wird um 16 Uhr im Erbdrostenhof vergeben, um 19 Uhr wird dann die Schau im Kunstverein eröffnet. Für den ist es eine Ehre, denn die Kunststiftung NRW vergibt den Preis alle zwei Jahre an einem anderen Ort – nach diversen Museen ist jetzt erstmals ein Kunstverein Kooperationspartner.

Und noch eine Besonderheit hat der Preis, wie Expertin Dorothee Mosters von der Kunststiftung erklärt: Die internationale Jury hat sich gestern nicht nur über die fünf Werke dieser „Shortlist“ den Kopf zerbrochen, sondern auch mit jedem der Künstler ein Gespräch geführt, um ihre Wahl zu unterfüttern. Das müssen die Ausstellungsbesucher nicht – sie dürfen sich vielmehr selbst ein Bild davon machen, wie etwa die in Berlin lebende Hanne Lippard im Vorraum einen bewusst karg anmutenden Beitrag installiert hat: Aus sechs Lautsprechern tönt ein englischer Text, der um die Frage kreist, was ein Körper ist. Gleichzeitig sieht der Betrachter durch die Glaswand des Raumes die Körper der vorbeieilenden Passanten, sieht auf dem Glas die geheimnisvolle Schrift, die sich als „we, you and everyone we know“ lesen lässt.

Das Geheimnis als lustiges Rätsel präsentiert der in New York lebende Franzose Antione Catala: Ein sattgrünes Gehege, das Kunstvereins-Direktorin Kristina Scepanski an amerikanische Kneipenarchitektur erinnert, beherbergt Kuriositäten wie drei gleiche Pullis oder den flatternden Buchstaben A, die als Bilderrätsel auf „Herzatrophie“ verweisen: Ist der klinische Gewebeschwund vergleichbar mit einem Schwund der Gefühle?

Die beiden anderen Künstler, Melanie Bonajo aus Amsterdam und Sondra Perry aus New York, verbindet die Verwendung der filmischen Blue-Screen-Technik – einer Blaufläche, vor der Schauspieler agieren, denen später elektronisch eine Kulisse hinzugezaubert wird. Perry zeigt im Film junge schwarze Basketballspieler, deren Aufnahmen später als Material für Videospiele zweckentfremdet wurden. Witzi­gerweise spielt sie zudem mit gescannten archäologischen Objekten, so dass eine Verbindung zum Werk des Griechen Angelikadis entsteht, während im Film von Melanie Bonajo die Dokumentaraufnahmen alter Menschen surreal in fremde Kulissen gestellt werden – und im Kapitel über alte und junge Menschen hängt im Hintergrund ein Basketballkorb. So nimmt man ungeahnte inhaltliche Fäden zwischen den konkurrierenden Kunstwerken wahr.

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Eröffnung der Ausstellung, die bis zum 3. Februar zu sehen ist, heute um 19 Uhr.



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