Do., 15.11.2018

Interview mit Kampfmittelbeseitiger In Münster liegen noch Tausende Bomben im Boden

Vermehrte Bautätigkeit sorgt unter anderem dafür, dass in den vergangenen Jahren wieder zunehmend Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg aufgetaucht sind.

Vermehrte Bautätigkeit sorgt unter anderem dafür, dass in den vergangenen Jahren wieder zunehmend Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg aufgetaucht sind. Foto: dpa/Bezirksregierung Arnsberg

Münster - 

Vermutlich liegen noch Tausende in Münster unter der Erde: Die Rede ist von Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Einmal im Jahr, so ein Experte, detoniere eine solche Bombe im deutschsprachigen Raum von ganz allein.

Von Björn Meyer

Seit 2014 ist Klaus Bekemeier (61) Leiter des Dezernats 22 bei der Bezirksregierung Arnsberg, das auch für die Kampfmittelbeseitigung in Münster zuständig ist. Unser Redakteur Björn Meyer sprach mit Bekemeier über Zufallsfunde, Explosionen und Selbstdetonationen sowie Tausende Bomben, die in Münster vermutlich noch unter der Erdoberfläche liegen.

Mehr als 600 000 Bomben sollen über Münster im Zweiten Weltkrieg abgeworfen sein. Zehn bis 20 Prozent davon sollen Blindgänger sein. Liegen wirklich noch so viele Bomben unter der Erde?

Bekemeier: Eine genaue Zahl kann ich natürlich nicht nennen. Klar ist, Münster ist massiv bombardiert worden. Es gab hier schon zu Zeiten des Dritten Reichs Kasernen. Es gab einen Eisenbahnknotenpunkt und die Schifffahrtswege. Alles strategische Ziele. Allerdings kann man im Umkehrschluss nicht sagen, dass alle Bomben, die nicht explodiert sind, noch unter der Erde liegen.

Unterlagen über Bombenentschärfungen haben wir erst ab 1967. Aber vorher ist eben schon viel passiert. Wir haben Bomben an Orten gefunden, wo klar war, dass sie dort nicht heruntergekommen sind. Rund 20 Stück haben wir mal nahe der A2 im Kreis Unna gefunden. Die hat da vielleicht jemand in den Wirren der Kriegs- oder Nachkriegszeit abgelegt, damit sie erstmal aus der Stadt heraus waren.

Warum tauchen denn in den vergangenen Jahren vermehrt Blindgänger auf?

Bekemeier: Ein Grund ist die Konjunktur und die vermehrte Bautätigkeit. Zudem hat das Land NRW Anfang der 2000er-Jahre von den Briten die Nutzung von rund 300 000 Luftaufnahmen für eine immense Summe erworben, die damals vor, während und nach den Bombardierungen gemacht wurden.

Fotostrecke: Bombenfund im Klinik-Viertel

Wie lassen sich die Blindgänger denn auf diesen Ausnahmen erkennen?

Bekemeier: Kleine, dunkle Löcher neben den großen Kratern deuten auf Blindgänger hin. Ich würde sagen, zu 80 Prozent liegen wir mit solchen Verdachtspunkten richtig. Allerdings liegt unsere letztendliche Trefferquote, was Blindgänger angeht, bei etwa 40 Prozent, was eben damit zusammenhängt, dass es bereits vor uns Aktivitäten gegeben haben kann.

Wie gehen Sie bei den Untersuchungen vor Ort vor?

Bekemeier: Zuallererst: Zuständig ist die Kommune, die dann unter Einbeziehung des Kampfmittelbeseitigungsdienstes die notwendigen Arbeiten veranlasst. Suchen nach und Umgang mit Munition ist in NRW nur dem Kampfmittelbeseitigungsdienst gestattet. Zentrale Idee der Bohrungen ist, dass wir bislang noch nie eine Bombe gefunden haben, die genau senkrecht in die Erde eingetreten ist.

Es wird also genau an der Einschlagstelle ohne Druck eine senkrechte Bohrung vorgenommen, in die dann ein elektromagnetisches Messgerät eingeführt wird. Insgesamt werden letztendlich in einem Umkreis von sechs Metern 37 dieser Löcher gebohrt, und zwar bis zu einer Tiefe von acht Metern, in der die Bombe liegen kann. Dabei gilt es allerdings zu beachten, ob sich seit dem Krieg die Bodenhöhe an der Stelle verändert haben kann.

Fotostrecke: Bombe in Gremmendorf entdeckt

Im münsterischen Klinikviertel wurde eine 250-Kilo-Fliegerbombe gefunden. Was passiert, wenn größere Bomben gefunden werden?

Bekemeier: Im Klinikviertel war genau das die Sorge, denn Pi mal Daumen kann man sagen, dass pro Brutto-Kilogramm, also Sprengstoff und Metall, einen Meter im Umkreis evakuiert werden muss. Im Klinikviertel hätte das bei einer größeren Bombe bedeutet, weitaus mehr Gebäude im Klinikviertel evakuieren zu müssen. Rund 70 Prozent der von uns gefundenen Bomben sind genau diese 250-Kilo-Bomben. Weitere 20 Prozent sind kleinere Bomben.

Die restlichen zehn Prozent noch größere, also 500-Kilogramm oder sogar 1,5-Tonnen-Bomben, die sogenannten HC 4000. Davon haben wir in NRW aber erst fünf gefunden, drei in Dortmund, eine in Herne und eine Paderborn. Im Grunde sind das gar keine Bomben, sondern Luftminen, die die Dächer abdecken und so einen Feuersturm mit Brandbomben ermöglichen sollten.

Wie gefährlich sind die Weltkriegsbomben denn heute eigentlich noch?

Bekemeier: Das hängt vor allem mit dem Zünder zusammen. Meistens sind das Aufschlagzünder, die erst bei großen Erschütterungen losgehen. Es gibt aber auch vorgespannte Zünder, die so konzipiert sind, dass sie beim Ausbauen auslösen sollen. Und es gibt Zeitzünder mit Aceton. Welcher Zünder es letztendlich ist, wissen wir erst, wenn dieser freigelegt ist.

Pro Jahr gibt es im deutschsprachigen und ehemals deutschsprachigen Raum etwa eine Selbstdetonation pro Jahr. Einfach so. Zudem sind rund 30 Prozent der Bombenfunde Zufallsfunde, wenn diese Bomben nicht frühzeitig erkannt werden, dann wird‘s gefährlich. Die 1,5-Tonnen-Bomben etwa sehen alten Badeöfen sehr ähnlich.

Wie viele Bomben haben sie im vergangenen Jahr geborgen, und wie lange werden wohl noch Bomben gefunden?

Bekemeier: Im vergangenen Jahr haben wir 105 gefunden. Und ich denke, dass wir wohl noch zwei oder drei Jahrzehnte Bomben im Boden finden werden.



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