So., 18.11.2018

Arbeitsüberlastung am Uniklinikum Pflege ohne Arbeitsmarkt

Thomas van den Hooven ist Pflegedirektor am Universitätsklinikum Münster

Thomas van den Hooven ist Pflegedirektor am Universitätsklinikum Münster Foto: UKM

Münster - 

Am Uniklinikum Münster gab es von Beschäftigten im vergangenen Jahr so viele Überlastungsanzeigen beim Personalrat wie nie. Pflegedirektor Thomas van den Hooven erklärt im Interview, wie es dazu kommt – und was unternommen wird, um die Arbeitsbelastung in den Griff zu bekommen.

Der Pflegekräftemangel beherrscht die Diskussion im Gesundheitswesen. Am Universitätsklinikum Münster haben Beschäftigte im vergangenen Jahr eine Rekordzahl von sogenannten „Überlastungsanzeigen“ geschrieben. Der Personalrat registrierte – wie berichtet – 1610 solcher Meldungen, ein großer Teil davon aus dem Pflegebereich. Über die Arbeitssituation der Pflegekräfte sprach der Pflegedirektor des UKM, Thomas van den Hooven, mit unserer Redakteurin Karin Völker.

Geht es bei Überlastungsanzeigen immer um Arbeitsüberlastung von Mitarbeitern?

van den Hooven: Das Instrument der Überlastungsanzeige gibt es eigentlich in jedem größeren Betrieb, jedes Krankenhaus arbeitet damit. Es geht dabei darum, dass Mitarbeiter die Pflicht haben, auf Situationen aufmerksam zu machen, die Schaden für Patienten, Mitarbeiter und damit den Klinikbetrieb haben können. An allen Krankenhäusern gibt es derzeit sehr viele Überlastungsanzeigen.

Die meisten Überlastungsanzeigen aus der Mitarbeiterschaft kamen von Pflegekräften. Wie groß ist denn dieser Anteil?

van den Hooven: Von den 1610 Überlastungsanzeigen des vergangenen Jahres erreichten den Personalrat rund 1100 aus den Bereichen Pflege und Service. Ich bekomme solche Meldungen der Beschäftigen fast jeden Tag auf den Tisch – und gehe allen nach. Wir prüfen dann Abläufe in den betroffenen Abteilungen. Die Überlastungsanzeigen sind im Normalfall begründet.

Worum geht es dabei konkret?

van den Hooven: 90 Prozent der angezeigten Mängel beziehen sich tatsächlich auf die schwierige Personalsituation. Wenn etwa einzelne oder gleich mehrere Mitarbeiter sich krankmelden, müssen wir immer spontan handeln. Probleme in den Arbeitsabläufen und eine hohe Arbeitsbelastung entstehen aber auch, weil etwa bestimmte Geräte ausfallen oder ganz einfach weil es manchmal Stau vor den Fahrstühlen gibt.

Wie viele der 10 600 Beschäftigen des UKM arbeiten denn in der Pflege?

van den Hooven: Wir haben 2000 ganze Stellen, nicht alle Pflegekräfte arbeiten Vollzeit. Im Pflegebereich arbeiten 2500 Kolleginnen und Kollegen.

Viele Krankenhäuser klagen über den Fachkräftemangel in der Pflege, in der Vergangenheit auch immer wieder das UKM. Wie viele Stellen sind im UKM denn momentan in der Pflege nicht besetzt?

van den Hooven: Momentan haben wir 130 bis 140 Stellen offen, die Lage war schon schwieriger. In diesem Jahr sind es immerhin rund 50 offene Stellen weniger als im Vorjahr. Wir haben in diesem Jahr ja gezielt Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland angeworben.

Ist die Suche nach Personal in Lateinamerika und Asien also ein Erfolg?

van den Hooven: Wir haben jetzt 140 neue Mitarbeiter aus dem Ausland eingestellt und hoffen, dass wir bis Ende des ersten Quartals 2019 insgesamt rund 200 Stellen mit Fachkräften aus dem Ausland besetzt haben werden. Dann werden wir bei der Anwerbung von internationalen Pflegekräften vorerst pausieren. Es braucht rund eineinhalb Jahre Zeit, bis die Kolleginnen und Kollegen etwa aus Brasilien und anderswo bei uns integriert sind. Sie sollen sich ja auch bei uns wohlfühlen und bei uns bleiben. Damit das gelingt, können wir nicht unbegrenzt viele Fachkräfte aus dem Ausland auf einmal einstellen.

Die Anwerbung der ausländischen Pflegekräfte soll aber langfristig weitergehen?

van den Hooven: Dazu gibt es keine Alternative, denn die Personalgewinnung ist wirklich sehr schwierig. Man kann durchaus sagen, dass der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte zusammengebrochen ist.

Wie ist denn das Interesse junger Menschen am Pflegeberuf? Kann das UKM alle Ausbildungsstellen in der Pflege besetzen?

van den Hooven: Da gibt es keine Probleme, für unsere 225 Azubi-Stellen in der Pflege haben wir auch immer hinreichend viele gute Bewerberinnen und Bewerber. Viele von ihnen haben Abitur – und wir brauchen ja auch gute Leute in der Pflege. Wir schauen uns bei jeder Bewerbung genau an, welche Motivation dahintersteht. Rund 25 der von uns ausgebildeten Pflegekräfte verlieren wir aber wieder, weil die jungen Leute ein Medizinstudium beginnen.

Wenn Pflegekräfte so gefragt sind, findet jeder bei Bedarf schnell neue Arbeit. Wie hoch ist denn die Fluktuation in dem Bereich am UKM?

van den Hooven: Rund 230 Pflegekräfte haben im vergangenen Jahr gekündigt. Das ist eine Zahl, die momentan dem Durchschnittswert allgemein an Krankenhäusern in Deutschland entspricht. Aber für jede Pflegekraft, die uns verlässt, müssen wir ja Ersatz finden.

Das UKM hatte wegen des Pflegekräftemangels Stationen und einzelne Betten geschlossen. Ist das weiterhin so?

van den Hooven: 50 Betten werden weiter nicht betrieben, weil Fachkräfte fehlen. Das gebietet das Verantwortungsbewusstsein. Es kommt außerdem immer mal wieder vor, dass wir einzelne Betten schließen – etwa wenn Überlastungsanzeigen kommen.

Was tut das UKM denn abseits der Personalgewinnung, um die Situation der Beschäftigten in der Pflege zu verbessern?

van den Hooven: Wir versuchen, Arbeitsprozesse besser zu steuern, das Zusammenwirken von Ärzten, Pflegern und Patientenservice besser aufeinander abzustimmen. Wir setzen aber auch Supervision und Coaches ein, um die Zusammenarbeit in Teams zu verbessern. Wenn wir auf Überlastungsanzeigen nicht oder unzureichend reagierten, würde sich die Spirale der Arbeitsbelastung noch weiter verstärken. Die Politik hat lange angesichts der Pflegekräfteversorgung geschlafen. Hier muss wirklich eingegriffen werden.



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