Di., 20.11.2018

„Seicento vocale“ sang „Friedensrufe“ in der Petrikirche Dramatik des Scheiterns berührend vermittelt

„Seicento vocale“ heißt das noch junge Ensemble von Alexander Toepper und Jan Croonenbroeck.

„Seicento vocale“ heißt das noch junge Ensemble von Alexander Toepper und Jan Croonenbroeck. Foto: Christoph Schulte im Walde

Münster - 

Aus der Geschichte lernen? Man darf bezweifeln, ob dies dem Homo sapiens nachhaltig gelungen ist. Stattdessen ziehen sich Kriege wie eine anthropologische Grundkonstante durch alle Zeitalter. Was dabei auf der Strecke bleibt: die Humanität. Daran zu erinnern, ist Aufgabe auch der Musik.

Von Chr. Schulte im Walde

Aus der Geschichte lernen? Man darf bezweifeln, ob dies dem Homo sapiens nachhaltig gelungen ist. Stattdessen ziehen sich Kriege wie eine anthropologische Grundkonstante durch alle Zeitalter. Was dabei auf der Strecke bleibt: die Humanität. Daran zu erinnern, ist Aufgabe auch der Musik. Sei es, dass sie sinnloses Gemetzel anprangert oder visionär einen Gegenentwurf zu Elend und Leid beschreibt. Oder beides. Mit seinem höchst intelligent zusammengestellten Programm widmete sich das Ensemble „Seicento vocale“ am Sonntag in der Petrikirche genau diesem Thema, das von trauriger Aktualität ist.

Wenn sich ein Komponist wie Ernst Krenek im Jahr 1932 mit Texten aus dem Umfeld des Dreißigjährigen Krieges beschäftigt, unterstreicht der Komponist deren Zeitlosigkeit: Der Erste Weltkrieg war noch nicht ganz vergessen, der Zweite warf seine Schatten voraus. „Tu die Waffen ab!“, heißt es an einer Stelle. Und dies gekleidet in eine Musik, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten ist. Der Soldatenhelm als Nistplatz für Schwalben, Spieß und Degen als Pflug und Spaten . . . das hat Krenek mit größter Sensibilität ausgedeutet.

Und mit ihm „Seicento vocale“, das noch junge, von Alexander Toepper und Jan Croonenbroeck geleitete Ensemble. In den kaum drei Jahren seines Bestehens zog es bereits große Aufmerksamkeit auf sich. Kein Wunder, denn gesungen wird auf absolut hohem Niveau, wie auch Max Regers Hebbel-Requiem op. 144 b belegte. Oder die schlichten, aber so unglaublich dichten Brahms-Vertonungen, darunter „In stiller Nacht“ (Friedrich Spee) oder „Schnitter Tod“. Wer eine derartige Suggestivkraft entwickelt wie das rund 30-köpfige Ensemble, hat die Textbotschaft durch und durch verinnerlicht und kann sie berührend vermitteln.

Noch mehr gilt dies für das packende Melodram „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, von Viktor Ullmann als Internierter des KZ Theresienstadt Anno 1942 komponiert. Als Zuhörer spürte man in jedem Augenblick die Dramatik des Scheiterns eines Soldaten, für die Ullmann elektrisierende Klavier-Klänge fand, großartig in Szene gesetzt von der Pianistin Cornelia Weiß. Weit davon entfernt, „nur“ Begleitung zu sein, übernahm sie hier die tragende Rolle.

Tief beeindruckt zeigte sich das Publikum nach den letzten Tönen: erst gespannte Stille, danach großer Beifall.



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