Schenke einen Augenblick
Theologiestudent Stephan Orth initiiert Projekt gegen Einsamkeit

Münster -

Mit einem orangefarbenen Button können Menschen anderen Personen signalisieren, dass sie Zeit und Lust zu einem Gespräch haben. Die Idee zu dieser Aktion unter dem Motto „Blickpunkt Menschen“ hatte der münsterische Theologiestudent Stephan Orth, der auch im Vorstand des Pfarreirates St. Lamberti mitarbeitet.

Freitag, 14.12.2018, 17:04 Uhr aktualisiert: 14.12.2018, 17:45 Uhr
Der Theologiestudent Stephan Orth will mit einem orangen Punkt Menschen verbinden.
Der Theologiestudent Stephan Orth will mit einem orangen Punkt Menschen verbinden. Foto: Marion Fenner

„Blickpunkt Menschen“ heißt die Aktion, die Stephan Orth, Vorstandsmitglied des Pfarreirates St. Lamberti, ins Leben gerufen hat. Damit will der 26-jährige Student der katholischen Theologie einen Beitrag gegen die Vereinsamung der Gesellschaft leisten. Unsere Redakteurin Marion Fenner hat mit ihm über die Beweggründe und Ziele dieser Aktion gesprochen.

Wie kamen Sie auf die Idee, vereinsamte Menschen in den Blickpunkt zu nehmen?

Stephan Orth: Eigentlich war es eine Aktion in Augsburg, von der ich gehört habe. Dort wurde festgestellt, dass sich in großen Miet­s­häusern oft nicht einmal direkte Nachbarn kennen. Mithilfe eines roten Punktes an der Haustür, genannt „Open.dot“, konnten Mieter andere Bewohner einladen, einfach einmal bei ihnen zu klingeln, um sich gegenseitig kennenzulernen. Ich fand die Idee gut und wollte sie in den Alltag übertragen.

Sind denn wirklich so viele Menschen einsam?

Orth: Ja, Einsamkeit ist ein sehr verbreitetes Phänomen mit vielen Ursachen.

Und die sind...

Orth: Zum einen ist das die Trennung von einem Partner, mit der auch oft ein Teil der Freunde verschwindet. Auch ein Todesfall kann ursächlich sein. Auf der anderen Seite ist Einsamkeit gelegentlich durch persönliche Umstände bedingt, wie durch einen Umzug in eine andere Stadt aufgrund einer beruflichen Veränderung. Nur weil jemand viele Arbeitskollegen oder Kommilitonen hat, heißt das nicht, dass er nicht einsam ist. Zudem kann Krankheit einsam machen.

Gibt es konkrete Zahlen?

Orth: Verschiedene Studien haben sich damit beschäftigt. Die Splendid Research GmbH hat im Jahr 2017 ermittelt, dass sich mehr als jeder zehnte Deutsche häufig oder ständig einsam fühlt. Jeder Dritte ist gelegentlich einsam. Der größte Anteil derer, die sich laut der Studie einsam fühlen, sind die 18- bis 39-Jährigen, danach kommen die über 60-Jährigen. Viele gaben an, dass es ihnen schwerfällt, Menschen kennenzulernen. Ein niedriges Einkommen und damit eine geringere Möglichkeit zur Teilhabe am öffentlichen Leben, kann ebenfalls eine Rolle spielen.

Wie definieren Sie Einsamkeit?

Orth: Einsam ist, wer sich einsam fühlt.

Wie wollen Sie Menschen aus dieser Situation heraushelfen?

Orth: Ich will den Menschen Mut machen, herauszugehen und andere anzusprechen. Als Zeichen habe ich einen orangefarbenen Button gestaltet, mit dem Menschen signalisieren können, dass sie gerne angesprochen werden wollen.

Trauen sich die Menschen, sich mit diesem für jeden sichtbaren Zeichen als einsam zu outen?

Orth: Der Button soll nicht signalisieren ,Ich bin einsam, bitte sprecht mich an‘. Er ist ein Zeichen, dass der Träger sich Zeit für ein Gespräch nehmen will, offen für neue Kontakte ist, aus welchen Gründen auch immer. Sinn der Aktion ist es natürlich nicht, einsame Menschen zu stigmatisieren sondern eher Hemmschwellen zu nehmen neue Leute kennenzulernen.

Tragen Sie ebenfalls diesen Button?

Orth: Ja, weil auch ich mir Zeit für andere Menschen nehmen will. Und wenn ich auf dem Weg zu einem Termin bin und wirklich keine Zeit habe, dann kann ich den Button einfach abnehmen. Es ist ein niedrigschwelliges einfach einzusetzendes Symbol unter dem Motto: Schenke Zeit, schenke einen Augenblick, zeige es mit dem orangen Punkt.

Wie bringen Sie Ihren Anstecker und damit auch Ihre Idee unter die Menschen?

Orth: Wir haben insgesamt 4000 Buttons bei Kaufleuten, in Kirchen, Gaststätten auf den Weihnachtmärkten und anderen öffentlichen Einrichtungen verteilt. Auf unserer Internetseite www.blickpunkt-menschen.de gibt es Hintergrundinformationen. Auf dem Button befindet sich bewusst kein Text, er soll einfach nur auffallen.

Haben Sie schon erste Rückmeldungen erhalten?

Orth: Es gab sehr positive Rückmeldungen auf unsere Auftaktveranstaltung. Viele finden die Idee gut. Bezüglich erster Kommunikationssituationen haben wir noch keine Rückmeldungen bekommen. Es sind schon viele Anstecker verteilt und ich habe auch schon Personen mit dem orangefarbenen Button in der Stadt gesehen.

Und auch angesprochen?

Orth: Nein, leider nicht, in diesem Augenblick fehlte es mir an Zeit, das wird aber garantiert nachgeholt.

Glauben Sie, mit dieser Aktion viele Menschen aus der Einsamkeit herauszuholen?

Orth: Jeder Einzelne, den wir erreichen ist ein Erfolg. Es reicht schon, wenn wir das Thema Einsamkeit aus der Tabuzone holen und die Gesellschaft dafür sensibilisieren, dass sich viele Menschen auch in ihrer unmittelbaren Umgebung einsam fühlen könnten. Um das zu ändern reichen kleine Schritte. Einigen Menschen kann das sicher helfen, aus ihrer Einsamkeit auszubrechen und ihnen Mut machen, künftig leichter auf Menschen zuzugehen.

Wie kann so ein Gespräch mit einem Fremden geführt werden?

Orth: Dafür gibt es keine Regeln, das kann einfach nur eine kleine Plauderei im Café oder am Glühweinstand sein oder eine Einladung zu einem gemeinsamen Besuch eines Gottesdienstes. Es geht nur darum, zuzuhören und für den Anderen Zeit zu schenken. Der Button ist ein Zeichen der Offenheit für zwischenmenschliche Beziehungen.

Wenn alle Buttons verteilt sind, geht die Aktion dann weiter?

Orth: Ja, es gibt viele Ideen. Auf keinen Fall soll das jetzt begonnene Projekt im Sande verlaufen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Farbe orange als Symbol weiterverwenden. So könnte in einem Café oder Restaurant auf einem Tisch etwas orangefarbenes stehen, als Zeichen dafür, dass dort nur Menschen Platz nehmen, die sich Zeit für ein Gespräch nehmen wollen.

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