Uraufführung des Weihnachtsoratoriums der Zint-Brüder
„Wir müssen friedsam werden“

Münster -

Manche Schurken der Weltgeschichte bleiben unsterblich – zu denen zählt auch der Kindermörder Herodes. In der Weihnachtsgeschichte missdeutet er als machtversessener Potentat die „Geburt des Messias“: Beim „neugeborenen König der Juden“ kann es sich nur um einen Usurpator handeln! In Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ erklärt Herodes: „... forschet fleißig nach dem Kindlein, wenn ihr’s findet, sagt’s mir, dass ich komme und es anbete!“ Seine Worte hätten zu den folgenreichsten der Weltgeschichte werden können. Auch im Weihnachtsoratorium von Sebastian Zint, das in der Adventskirche seine Uraufführung feierte, wird Herodes’ Intriganz zitiert – und klingt die Musik unscheinbar, als sei der barbarische König bereits ein erledigter Fall.

Sonntag, 16.12.2018, 16:06 Uhr aktualisiert: 17.12.2018, 16:38 Uhr
Der Chor „StimmWerk“ stand im Zentrum der Uraufführung eines neuen Weihnachtsoratoriums in der Adventskirche.
Der Chor „StimmWerk“ stand im Zentrum der Uraufführung eines neuen Weihnachtsoratoriums in der Adventskirche. Foto: Moseler

Zints Opus scheint bewusst als Alternative zur konzertanten Übermacht von Bachs Wunderwerk konzipiert, sein naiv-volksnaher Tonfall abstrahiert auch dort von Dramatik, wo sie plausibel wäre. Die klassischen Stationen der Geburt Jesu, Zitate aus Lukas- und Matthäusevangelium, werden von Texteinwürfen des Komponisten kontrastiert, die, angelehnt an Paul Gerhardts Kirchenlieddichtung, persönliche Perspektiven auf die Weihnachtsgeschichte einflechten. Projektionen von Manuel Zint setzten sich parallel zur Musik mosaikartig zu einer bunten Fensterrose zusammen.

Der Chor „StimmWerk Münster“ unter Leitung des Komponisten interpretierte das Werk konsequent als Erzählung jenseits allen Zweifels mit verhaltener Diktion, die sich auf prosaische Glaubensgewissheit konzentrierte. Dazu gehörten unbezweifelbare Tonalität, liedhafte Melodik und rhythmische Klarheit, die den schlichten Charakter des Oratoriums über jede moderne Krisis hinweg trugen. Die viermalige „Anbetung des Sterns“ diente, vom Chor mit lyrischer Inbrunst vorgetragen, als zyklisches Motiv, während die Sopranistin Lara Langguth hier theatralische Akzente setzte. Dörte Steindorff-Schulte übernahm als Sprecherin weite Partien des Textes, die sie mit beinahe liturgischer Intensität las und derart auf die religiöse Bedeutung eines Festes abhob, als sei dessen Kern restlos dem Kommerz ausgeliefert worden.

Arnold Ogrodnik entlockte dem Kontrabass einige rabenschwarze Töne, Anne-Sophie Lahrmann verstand sich am Klavier als pastorale Begleiterin. Zints Finalzeile behielt das letzte Wort: „Wir müssen friedsam werden in dieser schnellen Zeit, doch seh’n wir allenthalben: Der Weg dahin ist weit!“ Herzlicher Beifall.

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