Walter-Benjamin-Oper im Pumpenhaus
Letzte Stunden eines großen Denkers

Münster -

Die letzten Stunden des Philosophen, Kulturkritikers und Übersetzers Walter Benjamin waren von völliger Verzweiflung geprägt. In der 2014 uraufgeführten Kammeroper „Port Bou“ zeichnet der zeitgenössische US-amerikanische Komponist Elliot Sharp Bilder davon. Bislang wurde das Werk nur ein einziges Mal, 2015 in Berlin, in Europa aufgeführt. Derzeit tourt ein Ensemble mit dem Bassbariton Nicholas Isherwood, der Pianistin Jenny Lin und dem Akkordeonisten William Schimmel damit durch NRW. In dem mit Filmszenen der Projektionsdesignerin Jeanine Higgins unmittelbar verwobenen multimedialen Werk führte Sharp selbst auch die Regie. Am Freitagabend war – in Kooperation mit Cuba Kultur – Station im Pumpenhaus.

Sonntag, 16.12.2018, 16:06 Uhr aktualisiert: 17.12.2018, 16:38 Uhr
Sänger Nicholas Isherwood, Pianistin Jenny Lin und William Schimmel am Akkordeon im Pumpenhaus
Sänger Nicholas Isherwood, Pianistin Jenny Lin und William Schimmel am Akkordeon im Pumpenhaus Foto: Coppel

Sharps Kammeroper „Port Bou“ ist nach einem kleinen spanischen Grenzort, unmittelbar an der Mittelmeerküste benannt. Benjamin, Sohn einer jüdischen Familie aus Deutschland, war 1940 auf der Flucht vor den Nazis in Begleitung der Widerstandskämpferin Lisa Fittko dorthin gekommen, und wollte eigentlich via Portugal in die USA fliehen. Doch wegen eines neuen Dekretes beabsichtigten ihn die spanischen Behörden wieder zurück nach Frankreich zu senden. Das wollte Benjamin nicht mehr erleben und nahm sich am 26. September 1940 das Leben.

Sharps Musiksprache lässt sich kaum eingrenzen. Er verwendet sie nicht als postmoderne Klischee-Collage, sondern fließend und genreübergreifend als eigenes Mittel, als künstlerisches Zeugnis völliger Verzweiflung. Mit Isherwood, Lin und Schimmel waren überaus versierte Experten für die Aufführung des anspruchsvollen Werkes engagiert. Trotz heftiger Erkältung meisterte Nicholas Isherwood seine Rolle, wie auch die beiden Instrumentalisten, bravourös.

Sharps erdrückendes Dokument ist nicht bloß eine Zeichnung, ein Vermächtnis über die letzten Stunden des großen Gelehrten Walter Benjamin, sondern gibt zugleich jedem politisch und religiös Verfolgten eine Stimme: Es ist hochaktuell!

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