So., 06.01.2019

Große Kontraste zwischen Experiment und begnadetem Musizieren Trilogie der Kontrabassisten

Kadri Voorand, singendes Energiebündel am Klavier, war der Publikumsliebling am Samstag.

Kadri Voorand, singendes Energiebündel am Klavier, war der Publikumsliebling am Samstag. Foto: Gunnar A. Pier

Münster - 

Seinen Ausgang nahm der zweite Tag des Internationalen Jazzfestivals mit dem Konzert Florian Walters, des Westfalen-Jazz-Preisträgers 2019. Mit seinem Projekt Feldmodul für das von ihm selbst entworfene Bassinstrument Tubax sowie Live-Elektronik und Live-Video lotet der Musiker aus Hamm nach eigenem Bekunden Grenzbereiche des Hörens und Sehens aus, was dazu führte, dass sich nicht wenige Zuhörer fragten, ob sie einer Rauminstallation mit Klang oder einem Konzert beiwohnten.

Von Stefan Herkenrath

Mit der folgenden Band, „Impermanence“, einer portugiesisch-schwedischen Kooperation, konnte das Publikum erheblich mehr anfangen, auch wenn die technischen Möglichkeiten der Musiker nicht immer mit dem Gestaltungswillen der Ensembleleiterin, der Trompeterin Susanna Santos Silva, Schritt halten konnten. Immerhin war hier zum ersten Mal ein Bass zu hören, auf den die Ensembles bis dahin verzichtet hatten.

Das sollte sich im Laufe des Abends noch grundlegend ändern, auch wenn zunächst „Perpetual Motion“ die Musik des in Münster verstorbenen New Yorker Minimalisten Moondog ebenfalls ohne Bass zele­brierte. Die repetitiven Melodiefragmente des stets im Wikingerkostüm auftretenden Musikclochards wurden vom französisch-amerikanischen Ensemble gleichermaßen als Absprungbrett für inspirierte Improvisationen wie auch für elektronische Verfremdungen genutzt. Dabei reichte die eingesetzte Klangpalette von Saxofonen, Flöte, Klavier und Gitarre über Live-Elektronik bis hin zur Spieluhr, die im Duett mit der akustischen Gitarre Phil Giordianis für einen der intimsten Momente sorgte.

Fotostrecke: Das Jazzfestival Münster 2019 in Bildern

Ganz im Sinn der von Festivalmacher Fritz Schmücker beschworenen Ästhetik der Brüche bot das Konzert der estnischen Musiker Kadri Voorand und Mikhel Mälgand hierzu einen maximalen Kon­trast. Kadri Voorand ist eine ebenso begnadete Sängerin wie Pianistin, aber vor allem ist sie ein hyperaktives Energiebündel, das kaum weiß, wohin mit den Einfällen. Ihre Stimme verfügt über einen erstaunlichen Ambitus und ein wunderbares Timbre, ihr Klavierspiel steht dem in nichts nach, ihre Spontanität, ihre Lust am wohlbeherrschten Chaos machte sie im Nu zum Publikumsliebling. Mit Mikhel Mälgand am Kontrabass stand ihr ein kongenialer Partner zur Seite, dessen Spiel rhythmisch-harmonisch äußerst komplex war. Gleichzeitig eröffnete er den Reigen großartiger Bassisten, die allen folgenden Bands ihren Stempel aufdrücken sollten. In Erik Friedlanders Band „Throw a Glass“ war das Mark Helias, der mit dem überragenden Uri Caine am Piano und dem ebenfalls Standards setzenden Ches Smith am Schlagzeug Momente absoluter Intensität schuf. Schade nur, dass das Cello des Bandleaders, vielleicht auch aufgrund eines undifferenzierten Sounds, nicht mit den Bandkollegen mithalten konnte.

Den Höhepunkt der Trilogie hervorragender Kontrabassisten bildete der Franzose Henri Texier, der mit seinem Sand Quintet den Festivalabend beschloss. Wer Texier kennt, wurde nicht enttäuscht. Die Art und Weise, in der der Altmeister seine Basslinien und Akkorde gestaltete, sie zum Zentrum und Ausgangspunkt der musikalischen Entwicklung macht, ist ebenso unverwechselbar wie die Präzision seines Spiels. Mit seinem Sohn Sébastien, dem Gitarristen Manu Codija, dem Schlagzeuger Gautier Garrigue und Francois Corneloup am Baritonsaxofon hat er langjährige Weggefährten an seiner Seite, die in der Lage sind, auch einen „simplen Blues“ zum Erlebnis werden zu lassen. Und so war das Theater auch um ein Uhr nachts noch voll besetzt. Was kann man mehr verlangen?



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