Mo., 07.01.2019

Große Vielfalt am Finaltag des Internationalen Jazzfestivals Selbst Heavy Metal spielt mit

Grégory Privat mit seinem Trio (Chris Jennings, Bass, und Mathieu Edward, Schlagzeug) lässt das Publikum schwelgen.

Grégory Privat mit seinem Trio (Chris Jennings, Bass, und Mathieu Edward, Schlagzeug) lässt das Publikum schwelgen. Foto: Gunnar A. Pier

Münster - 

Die Grenzen ausloten und ausweiten – am dritten Tag des Internationalen Jazzfestivals Münster durchzieht dieses Motiv die meisten Konzerte im ausverkauften Theater. Für das Publikum bringt damit auch der Sonntag nicht nur neue Namen, sondern erfrischend neue Hörerlebnisse.

Von Hilmar Riemenschneider

Geradezu elektrisierend wirkt sich das bereits am frühen Nachmittag beim Auftritt des bayerischen Trios „LBT“ im Kleinen Haus aus: Techno und Elektro definieren die drei Jazz-Nerds schlicht als Genres, die sie konsequent analog erzeugen. Fast eine Stunde lang treibt Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber mit der Präzision eines Uhrwerks seine Mitspieler wie die Zuhörer durch den ansteckenden wummernden Beat. Bassist Maximilian Hirning und Leo Betzl am Piano zeigen sich ähnlich stoisch, wie sie ihre Motive immer und immer wieder spielen. Es sind aber keine Computer, sondern Musiker aus Fleisch und Blut an Instrumenten aus Holz und Metall, die sich nur manchmal Raum für Improvisationen nehmen.

Musikalisch gar nicht so weit entfernt macht sich etwas später im Großen Haus die ungarische Sängerin Veronika Harcsa mit ihrem Quartett an die Grenze zum Pop auf. Zusammen mit dem Gitarristen Bálint Gyémánt entwickelt sie so eigenwillige und eben doch auch eingängige Songs, die klare Struktur des Pop und vielschichtige Komplexität des Jazz vereinen. Harcsas Stimmfarbe variiert von grellen Scat-Einlagen bis hin zur eindringlichen Ballade in „Carpenters“-Manier.

Wenn Heavy Metall eine Jazz-Gattung wäre, Cellist Valentin Ceccaldi, Schlagzeuger Sylvain Darrifourcq und Manuel Hermia am Saxofon gehörten sicher zu ihren Stars. Den Rhythmus schwerer Maschinen oder einen quietschenden Mechanik erzeugt Darrifourcq mit einem bizarren Sammelsurium von Gegenständen. Gemeinsam mit den tiefen, oft und lang monotonen Cello-Motiven – manchmal klingen sie wie rückwärts abgespielte Musik – entsteht ein schwerer rockiger ­Groove. Der kreative Prozess ist Jazz, die sich darüber erhebenden Saxofon-Improvisationen sind es allemal.

Fotostrecke: Das Jazzfestival Münster 2019 in Bildern

Nach so vielen Grenz-Exkursionen schwelgt das Publikum genüsslich in hellen Klangfarben der leichten und fließenden Musik des Grégory Privat Trio. Der französische Pianist mit Wurzeln auf der Karibikinsel Martinique unterstreicht den elegischen, poetischen Charakter seiner Melodien mit elektronisch verfremdeter Falsettstimme und Synthesizer-Motiven. Das Zusammenspiel mit Bassist Chris Jennings und Drummer Matthieu Edward verstärkt diesen Eindruck von fast spiritueller Harmonie: Auch deren wenige Soli werden vom Trio getragen.

Das Finale des Jazzfestivals sprengt dann reihenweise Grenzen. Schon der Name der österreichischen Formation „Shake Stew featuring Queen Mu & The Golden Twaeng“ klingt nach viel Bohei. Die neunköpfige Truppe mit Bandleader Lukas Kranzelbinder (Bass) verleiht ihrem Konzert eine illustre Dramaturgie. Zwei Schlagzeuger, zwei Bassisten, drei Bläser sorgen für eine mächtige Klangfülle. Essenzielles Element: die Kunst des Auftritts. Erst wird Gitarrist Tobias Hoffmann alias „The Golden Twaeng“ in goldener Kluft mit einer schrägen Komposition im Stil der Italo-Western inszeniert. Wenig später schwebt Sängerin Angela Maria Reisinger als „Queen Mu“ im opulenten Goldumhang aus dem Bühnenboden empor und lässt ganz großes Kino entstehen, als die Musik mit ihrer in Umfang und Kraft ebenso opulenten Stimme zum Stil exotischer James-Bond-Soundtracks wechselt. Dazwischen gibt es ernstere Jazz-Kompositionen – aber alle höchst unterhaltsam. Und jede Wirrung der winterlich mühevollen Anreise aus Wien wert.



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