Der aus Münster stammende Burgschauspieler Gerd Böckmann wird heute 75
Entschleunigt, gelassen, dankbar

Münster/Wien -

Gerd Böckmann zählte in Deutschland über Jahrzehnte zu den prägenden Schauspielern. Am 11. Januar 2019 wird der langjährige Burgschauspieler mit Wurzeln in Münster 75 Jahre alt. Heute blickt Böckmann, der in Wien lebt, aber noch regelmäßig Münster besucht, im Gespräch mit unserer Zeitung dankbar zurück auf eine erfüllte Zeit zwischen Theater, Film und Fernsehen. Die Bühne und die Musik bildeten dabei stets ein Stück kultureller Heimat.

Donnerstag, 10.01.2019, 14:58 Uhr aktualisiert: 10.01.2019, 19:20 Uhr
Gerd Böckmann bei einem Besuch in Münster auf der Treppe des Picasso-Museums.
Gerd Böckmann bei einem Besuch in Münster auf der Treppe des Picasso-Museums. Foto: Jürgen Peperhowe

Burgschauspieler in zwei langen Etappen, tragende Rollen im deutschen Fernsehen, Filmbegegnungen mit Weltstars wie Donald Sutherland, Lauren Bacall und Dennis Hopper: Der aus Münster stammende Schauspieler Gerd Böckmann hat in seinem Leben viel erreicht und erlebt. Entsprechend dankbar und entspannt blickt der Wahl-Wiener auf seine Karriere zurück. „Ich sitze hier nicht und kaue an den Fingernägeln. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, etwas zu verpassen“, sagt Böckmann gut gelaunt kurz vor seinem heutigen 75. Geburtstag (11. Januar) im Gespräch mit unserer Zeitung.

Berufliche Herausforderungen sucht er nicht mehr, er lässt spannende Dinge lieber auf sich zukommen und hält das alles mit seinem Privatleben und kulturellen Interessen in der Waage. Zwischen seinem ferienhäuslichen Refugium auf Sardinien, Kunstgalerien und der reichhaltigen Musikwelt in Wien, wo Böckmann den Goldenen Saal des Musikvereins praktisch als zweites Wohnzimmer betrachtet, gibt es genug zu erleben. Regelmäßig besucht Gerd Böckmann seine hochbetagte Mutter in Münster und isst dann auch schon mal – weitgehend inkognito – einen Grünkohl im Alten Gasthaus Leve.

In der Serie und in dem Buch unserer Feuilleton-Redaktion mit dem Titel „Heimat ist nicht nur ein Ort“ meldete er sich 2016 mit einem spannenden Beitrag über seine kulturelle Heimat zwischen Theater und Musik zu Wort.

Der vielseitige Charakterschauspieler, 1944 im sächsischen Chemnitz geboren, kam als kleiner Bub mit seinen Eltern über die noch nicht gänzlich verriegelte grüne innerdeutsche Grenze in den Westen. Die Eltern stammen aus Wuppertal. Vater Werner Böckmann (1920-1994) bekam Mitte der 1950er Jahre eine Stelle als Kammermusiker in Münster und war jahrzehntelang als Klarinettist und Saxofonist im Sinfonie­orchester und an der Musikhochschule eine feste Größe. Klar, dass der Sohn früh im nagelneuen, 1956 mit Donnerschlag eröffneten Stadttheater Theaterluft schnupperte und sein Herz prompt an die Bühne verlor. Kurz vor dem Abitur am Schillergymnasium, eine Zeit, die er wegen einiger alter Nazi-Lehrer als besonders bedrückend empfand, landete Böckmann gewissermaßen einen Befreiungsschlag und ging mit fliegenden Fahnen über den Weißwurstäquator an die Otto-Falckenberg-Schule nach München. Der Weg des jungen Schauspielers führte ab Mitte der 60er Jahre schwungvoll nach oben. Er spielte fortan an den größten deutschen Bühnen, unter anderem am Schillertheater Berlin, am Thalia Theater, dem Hamburger Schauspielhaus, dem Bayerischen Staatsschauspiel in München, dem Schauspielhaus Zürich und bei den Salzburger Festspielen. Von 1977 bis 1986 und von 1999 bis 2009 gehörte er in zwei prägenden Etappen dem Wiener Burgtheater an.

Einem großen Publikum wurde Böckmann durch Auftritte in Film und Fernsehen bekannt. Zu nennen wären hier nicht nur Gastauftritte in „Derrick“, „Der Alte“ und im „Tatort“, sondern zugleich Rollen als Christian in dem Fernsehfilm „Buddenbrooks“ (1979, an der Seite von Ruth Leuwerik und Martin Benrath), als Eichmann in „Die Wannseekonferenz“ (1984) sowie in international besetzten Kinofilmen wie „The Venice Project“ (1999), „Uprising“ (2001) oder „Kaland“ (2011).

„Die Zeit zwischen 30 und 40 war sicher die fruchtbarste“, sagt Böckmann. „Morgens in Berlin gedreht, abends in Hamburg auf der Bühne. Da fühlte man sich schon sehr lebendig“, meint er rückblickend. Unvergessene Begegnungen und die Zusammenarbeit mit herausragenden Regisseuren wie Giorgio Strehler (1921-1997) und Rudolf Noelte (1921-2002) fallen Böckmann als besonders prägend ein.

Vor allem das Musikleben seiner Wahlheimat Wien, wo er seit 40 Jahren lebt, hat es Böckmann angetan. Wie oft hat er mit bekannten Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt (1929-2016) Wort- und Musikprogramme gestaltet! „Mittlerweile habe ich zu vielen Sängern und Musikern engere Kontakte als zu Schauspielkollegen“, erklärt Böckmann. „Das ist sicher kein Zufall“, ergänzt er mit Blick auf seine familiären Wurzeln und seinen Vater, den Orchestermusiker. Dass das Sinfonieorchester in Münster in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, freut Böckmann, den Sohn des Kammermusikers und Musikfreund, gleich doppelt.

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