Verwaltungsgericht entscheidet in zwei Plagiatsverfahren
Doktortitel werden gestrichen

Münster -

Das Verwaltungsgericht Münster hat am Dienstag die Beschlüsse einer Kommission der medizinischen Fakultät bestätigt. Zwei Zahnärztinnen, die dagegen geklagt haben, müssen ihre Titel abgeben.

Dienstag, 15.01.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 15.01.2019, 19:54 Uhr
Der Anwalt der Klägerinnen und die Vertreter der medizinischen Fakultät bei der Verhandlung des Verwaltungsgerichts.
Der Anwalt der Klägerinnen und die Vertreter der medizinischen Fakultät bei der Verhandlung des Verwaltungsgerichts. Foto: Oliver Werner

Die beiden angehenden Zahnärztinnen wollten ihr Studium an der Universität Münster mit der Promotion abschließen – und sie folgten dabei streng den Anweisungen der betreuenden Professoren der medizinischen Fakultät. So jedenfalls legte es ihr Anwalt Paul Lodde vor dem Verwaltungsgericht dar. Das Gericht ließ die Sicht des Anwalts nicht gelten. Der Richter bekräftigte am Dienstag die Entscheidung der medizinischen Fakultät, den beiden Zahnärztinnen die Doktortitel abzuerkennen. Sie hätten keine eigenständige wissenschaftliche Arbeit erbracht und die Fakultät bei der Vorlage ihrer Dissertation getäuscht.

Zwar hatten beide im jeweils experimentellen Teil ihrer Arbeiten selbstständig gearbeitet, das stellten weder eine Kommission der Fakultät noch der Richter infrage. Aber: Einleitung und Diskussion der Labor-Ergebnisse, für die eine der Zahnärztinnen laut Anwalt ein Jahr mit Tierexperimenten im Labor forschte, steckten voller Plagiate, teils waren ganze Abschnitte fremden Texten entnommen, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen, so der Richter. Eine der Arbeiten war 21 Seiten lang, 17 davon enthielten Plagiate. Von den 40 Seiten der anderen Dissertation fand sich auf 19 Seiten Abgeschriebenes.

Konsequenzen für Betreuer

„Beide Promovendinnen haben erklärt, eigenständig gearbeitet zu haben“, betonte der Richter – da helfe es ihnen nicht, wenn sie sich bei der Arbeit an den Rat ihrer betreuenden Professoren gehalten hätten. Die beiden Frauen, deren Klagen vom Gericht zusammengefasst wurden, kennen sich nicht, sie promovierten zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Sie wurden aber jeweils von denselben beiden Professoren betreut. Diese waren auch Betreuer von zwei weiteren Doktorarbeiten, deren Verfassern die Titel von der Fakultät aberkannt wurden.

Plagiatsverfahren an der Universität Münster

23 an der medizinischen Fakultät verfasste Doktorarbeiten waren 2014 nach der Analyse der Internetplattform „Vroniplag Wiki“ in Plagiatsverdacht geraten. In acht Fällen, darunter die beiden jetzt am Verwaltungsgericht verhandelten, entschied die an der Fakultät gebildete Kommission, den betreffenden Verfassern die Doktortitel abzuerkennen. Fünf der Betroffenen haben gegen die Entscheidungen der Fakultät geklagt. Ein Verfahren wurde vor einem Jahr abschließend vom Oberverwaltungsgericht Münster geklärt – die Aberkennung des Titels höchstinstanzlich bestätigt. Neben den beiden am Dienstag beim Verwaltungsgericht entschiedenen Fällen sind zwei weitere Klagen anhängig, hier stehen die Urteile noch aus. 14 der 23 Verfasser, denen vorgeworfen wurde, abgeschrieben zu haben, kamen mit einer Rüge der medizinischen Fakultät davon, einer der Autoren war zum Zeitpunkt des Verfahrens verstorben. Auch die philosophische Fakultät hatte in der Vergangenheit vier Doktortitel aberkannt, die rechtswissenschaftliche Fakultät zwei. Das Uni-Rektorat hat aber keinen exakten Überblick über die Plagiatsverfahren – sie liegen in der Zuständigkeit der Fachbereiche.

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Die Universität reagierte nicht zimperlich, nachdem die Kommission der medizinischen Fakultät alle angezeigten Plagiatsverdachtsfälle geprüft hatte. Einem Professor, der eine Arbeit betreut hatte, die sich fast komplett als Plagiat entpuppte, entzog sie für eine begrenzte Zeit die Erlaubnis zur Drittmittelforschung.

Keine Auswirkung auf Zahl der Promotionen

Die beiden Zahnärztinnen, die nun nach dem Urteil des Gerichts ihre Titel abgeben sollen, hatten ihre Promotionen jeweils mit der Note „Magna cum laude“, also mit „sehr gut“, abgeschlossen, die Doktorväter lobten ihre Arbeiten in den höchsten Tönen, wie der Anwalt der Klägerinnen vor Gericht darlegte. Er kündigte an, Rechtsmittel beim Oberverwaltungsgericht einzulegen. Beide Frauen arbeiten als niedergelassene Zahnärztinnen in Praxen. Sollte das Oberverwaltungsgericht das aktuelle Urteil bestätigen, müssen sie ihre Praxenschilder ändern.

An der Universität hat die Auseinandersetzung mit dem Pfusch in wissenschaftlichen Arbeiten das Bewusstsein geschärft, wie Universitätssprecher Norbert Robers betont. Die Neigung zum Promovieren haben die Plagiatsverfahren aber nicht beeinträchtigt. Die Zahl der Dissertationen sei stabil, so Robers: Jährlich vergebe die WWU rund 800 Doktortitel.

Kommentar: Heilsamer Prozess

Das am Dienstag ergangenen Urteil des Verwaltungsgerichts im Streit über Plagiate lässt nichts an Eindeutigkeit offen. Wer den Doktortitel rechtmäßig führen will, muss in eigener Verantwortung die Anforderungen der Promotionsordnung befolgen. Auch wenn es stimmt, dass betreuende Professoren andere Ratschläge gegeben haben sollten.

Das neue Urteil und auch die vor einem Jahr ergangene Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts unterstreichen die Anforderung nach wissenschaftlicher Sorgfalt und Redlichkeit – nachdem an der an der medizinischen Fakultät der Uni Münster reihenweise Pfusch in Doktorarbeiten aufgefallen war.

Die überfällige Auseinandersetzung mit diesem Thema war und ist ein heilsamer Prozess: Sowohl für Studenten und junge Nachwuchswissenschaftler, die wissenschaftliche Arbeiten verfassen – und für Professoren und akademische Lehrer, die sie dabei begleiten. Sie alle sind jetzt wachsamer. Wer „Copy and Paste“ beim wissenschaftlichen Arbeiten billigt, erschüttert auch die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft.

(Karin Völker)

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