Interview mit Comedian Ingmar Stadelmann
„Wir leben in gefilterten Blasen“

Münster -

Ingmar Stadelmann kommt nach Münster. Im Kap. 8 am Idenbockplatz stellt der 38-jährige Stand-up-Comedian sein neues Programm „Fressefreiheit – Ein Meinungsstresstest“ vor. Wir haben vorab mit ihm darüber gesprochen.

Donnerstag, 17.01.2019, 11:00 Uhr
Ingmar Stadelmann hat als Stand-up-Comedian viele Preise gewonnen. Unter anderem wurde der 38-Jährige 2014 als „Bester Newcomer“ mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet.
Ingmar Stadelmann hat als Stand-up-Comedian viele Preise gewonnen. Unter anderem wurde der 38-Jährige 2014 als „Bester Newcomer“ mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Foto: Robert Maschke

Am morgigen Freitag stellt Stand-up-Comedian Ingmar Stadelmann im Kap. 8 am Idenbockplatz (20 Uhr) sein neues Programm „Fressefreiheit – Ein Meinungsstresstest“ vor. Vorher hat er unserem Redakteur Pjer Biederstädt im Interview verraten, was digitale Scheuklappen mit uns machen, wieso er Münster mit Rio de Janeiro verbindet und warum sein Kollege Serdar Somuncu ein Geschenk von ihm nicht angenommen hat.

Wie geht es Ihrer Lippe?

Ingmar Stadelmann: Sie meinen wegen des Plakats mit dem zugenähten Mund?

Genau.

Stadelmann: Bei mir war das ja Make-up. Aber die Grundidee stammt vom russischen Performance-Künstler Pjotr Pawlenski. Der hat sich in Moskau tatsächlich den Mund zugenäht als Protest gegen unterdrückte Meinungsfreiheit unter Präsident Putin. Bei einer anderen Aktion hat er sich seinen Hodensack auf dem Roten Platz festgenagelt. Ich fand das aber etwas zu überkomplex für ein Plakat. (lacht)

Warum haben Sie dieses Motiv für das Plakat gewählt?

Stadelmann: Gute Comedy ist immer ein Abbild der Gesellschaft. Wie frei wir sind, erkennen wir daran, wie frei wir lachen. Und da ist leider die Facebookisierung des Abendlands in vollem Gang.

Wie meinen Sie das?

Stadelmann: Alles, was uns nicht gefällt, wird entliked. Wir setzen uns digitale Scheuklappen auf und leben in unserer gefilterten Blase. So haben wir es online gelernt, und so setzen wir es im echten Leben fort. Wir denken, es löst Probleme, wenn wir Menschen nicht mehr aus dem Mittelmeer vorm Ertrinken retten. Als würden die Probleme mit den Menschen ertrinken. Der Gag dabei: Einige halten ihre Blase für ein objektives Abbild der Realität. Dabei ist es in Wahrheit Zensur. Selbstzensur. Man will nicht hören, was einem nicht gefällt. Im Prinzip näht also jeder selbst anderen den Mund zu. Man will Dinge abschalten. Aber das ist falsch. Wir sollten nichts weglassen, wir sollten über alles sprechen, über alles Witze machen, über alles lachen, über alles nachdenken.

Ursprünglich sollte Ihr Programm „Der Metzger mit dem Florett“ heißen. Warum lautet der Titel nun doch „Fressefreiheit“?

Stadelmann: Das stimmt nicht ganz. Ursprünglich wollte ich die Show „Bei Hagen Rether sitzen auch dumme Menschen“ nennen. „Fressefreiheit“ ist ursprünglich ein Wortspiel von Serdar Somuncu gewesen, der mir den Titel dann freundlicherweise überlassen hat. Ich hatte ihm im Gegenzug einen zweiwöchigen Türkei-Urlaub geschenkt, den er mysteriöserweise ablehnte. Wahrscheinlich ist er zu bescheiden für sowas.

Was steckt hinter dem Namen „Fressefreiheit“?

Stadelmann: Ein schmerzbefreiter Ritt durch die deutschen Lach-Instanzen und die Chance, mit zwei bis drei schlauen Gedanken nach Hause zu gehen. Getreu meinem Motto „Comedy ist ein Kann-Angebot“ gucken wir, wohin uns der Abend so führt.

Welche Themen liegen Ihnen derzeit besonders am Herzen?

Stadelmann: Klischees bekämpfen. Ängste auslachen. Das seltsame Sexualverhalten von Delfinen. Jens Spahn. Argumente für Europa und die Frage, warum halten wir eigentlich alles, was wir hier so haben, für selbstverständlich?

Woran denken Sie, wenn Sie an Münster denken?

Stadelmann: Tatsächlich an einen meiner ersten großen Auftritte zusammen mit Luke Mockridge bei der Hörsaal-Comedy-Tour von dem Radiosender 1Live. Da gab es eine Form der Hysterie, die ich jetzt eher im Karneval in Rio erwartet hätte. Wünsch ich mir natürlich ähnlich jetzt bei meiner Show.

Zum Thema

Freitag, 20 Uhr, Kap. 8, Idenbrockplatz 8, VVK ab 23 €, ermäßigt ab 11,50 € im Internet unter planb-tickets.de oder eventim.de.

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