Lage in Münsters britischer Partnerstadt York
Der Brexit-Streit: Nur Ratlosigkeit verbindet

Münster -

Das Brexit-Chaos wühlt die Menschen in Münsters britischer Partnerstadt York auf. Auf die Frage, wie es nach der Abstimmung im Parlament nun weitergehen soll, haben alle dieselbe Antwort: no idea.

Mittwoch, 16.01.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 16.01.2019, 21:41 Uhr
Ulrike Bulle (l.) aus der englischen Partnerstadt York engagiert sich in der Initiative „York4 Europe“ und ist, wie bei dieser Demo in vergangenen Jahren häufig für den Verbleib in der EU auf die Straße gegangen.
Ulrike Bulle (linkes Bild) aus Münsters englischer Partnerstadt York engagiert sich in der Initiative „York4 Europe“, die erst kürzlich auch die – ziemlich eindeutige – Stimmungslage Yorker Bürger zum Brexit einholte. (Bild rechts unten). Im Schatten der historischen Kathedrale (rechts oben) gab es wiederholt Demonstrationen für den Verbleib in der EU. Die gebürtige Yorkerin Rachel Rasing (rundes Bild), arbeitet an der Uni Münster und hat inzwischen auch einen deutschen Pass . . . Foto: privat

Ulrike Bulle hat schon vor Monaten für den 28. März vorsichtshalber Flüge für sich und die beiden Kinder gebucht. Flüge nach Deutschland, das eine ihrer beiden Heimatländer. Die 47 Jahre alte Buchhändlerin lebt in diesem Jahr seit 20 Jahren in York, Münsters britischer Partnerstadt. Sie hat Mann und zwei Kinder, aber bisher keine britische Staatsbürgerschaft. „Ich dachte nie, dass das einmal nötig sei – ich fühlte mich als EU-Bürgerin“, sagt Bulle. Am Tag nach der Abstimmungsniederlage für Theresa Mays Brexit-Deal im Londoner Parlament empfindet Ulrike Bulle – sie fällt beim Erzählen ins Englische – das Leben wieder einmal als „extreme stressful“.

Und auch die Deutsche Renni Prelle, ebenfalls seit 20 Jahren mit Mann und Tochter in York zu Hause, fühlt sich unwohl: „Der Brexit hat alles verändert. Ich halte manches Mal meinen Mund, da ich nicht will, dass andere Leute meinen Akzent hören“, schreibt Prelle in einer Mail. Sie gehört wie ­Ulrike Bulle zu der Gruppe „York 4Europe“ – etwa 600 Bürger der rund 260 000-Einwohner-Stadt gehen seit dem Brexit-Votum regel­ mäßig auf die Straße, um fürs Bleiben zu demonstrieren.

 „No idea“

Sie sind „Remainer“ im Brexit-Streit, der Großbritannien spaltet, wie kein anderes Thema. Das sagt auch Gemma Dylan, Radioreporterin für die BBC in York. Beide Yorker Abgeordneten im Unterhaus haben am Dienstagabend gegen Mays Deal gestimmt, aber aus völlig anderen Beweggründen, erklärt sie. Die Labour-Abgeordnete habe mit ihrem Nein den eigenen Parteichef Jeremy Corbyn stützen wollen, der andere Parlamentarier, „ein Tory-Rebell“, sagte Nein, weil er befürchtet habe, Mays Brexit-Deal führe dazu, dass Großbritannien am Ende faktisch doch an die EU gebunden bleibe. Wie es nun weitergeht? „No idea“, seufzt Gemma Dylan. Die große Ratlosigkeit, was nun werden soll, ist derzeit das große verbindende Gefühl.

Keith Orrell, Bürgermeister des hübschen York, ist in seinem repräsentativen Amt zur Neutralität verpflichtet. Seine Stadt stimmte vor zweieinhalb Jahren mit 58 Prozent fürs Bleiben in der EU – viele von ihnen hoffen noch auf einen sanften Ausstieg. So wie Bill Eve. „Nichts deprimiert mich mehr als der Brexit“, fasst Bill Eve von der lokalen Umweltinitiative Edible York seine Gefühls­lage zusammen.

Ungesicherte Studienaufenthalte

Auch Rachel Rasing, gebürtige Yorkerin, denkt mittlerweile kaum noch an ­etwas anderes. Sie beobachtet das Brexit-Chaos mit wachsender Besorgnis von Münster aus. Hier unterrichtet sie seit vielen Jahren Studierende am Englischen Seminar der Universität; seit 23 Jahren lebt sie in Deutschland. Seit einem Jahr hat sie neben dem britischen auch den deutschen Pass – „so bleibe ich EU-Bürgerin“. „Unsere Studierenden wissen nicht mehr, ob sie ihre geplanten Studienaufenthalte in Großbritannien absolvieren können“, erzählt Rachel Rasing von großer Unruhe an ihrem Institut.

Ulrike Bulles Vater lebt in Osnabrück – ob sie am 28. März den Flug auf den Kontinent nimmt, weiß sie nicht. Ihr Mann, ein Brite, ist besorgt. Ulrike Bulle: „Er fürchtet, ich kann nicht mehr zurück.“

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