Wider das Vergessen
Biografischer Vortrag über NS-Zeit im Schillergymnasium

Münster -

Erinnerungskultur für die nächste Generation: Am Schillergymnasium hat der Autor Paul Glaser Neuntklässlern über das Leben seiner jüdischen Tante Rosie und deren Überlebensgeschichte im Konzentrationslager Auschwitz erzählt. Nur ein Teil, einer unglaublichen Familiengeschichte.

Donnerstag, 17.01.2019, 22:00 Uhr
Paul Glaser bezog die Schüler in seinem Vortrag zu seinem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ immer wieder mit ein. Die Mädchen fragte er, wie man damals wohl einen guten Mann finden konnte – mit dem Nachsatz: „Tinder gab es noch nicht.“
Paul Glaser bezog die Schüler in seinem Vortrag zu seinem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ immer wieder mit ein. Die Mädchen fragte er, wie man damals wohl einen guten Mann finden konnte – mit dem Nachsatz: „Tinder gab es noch nicht.“ Foto: Matthias Ahlke

Paul Glaser ist ein ganz kleines bisschen aufgeregt. Kurz bevor der Niederländer am Donnerstagvormittag vor 90 Schülern in der Aula des Schillergymnasiums über das Leben seiner jüdischen Tante Rosie und deren Überlebensgeschichte im Konzentrationslager Auschwitz erzählt, checkt er ein letztes Mal die Technik.

„Vielleicht interessiert die alte Geschichte die jungen Leute gar nicht. Und dann noch auf Deutsch“, so seine Befürchtungen. Doch die sind schnell aus dem Weg geräumt. Die Neuntklässler hängen an den Lippen des Mannes, der 1947 in Maastricht geboren wurde und die Geschichte seiner Tante Rosie in dem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ dokumentiert hat.

Eine lebenslustige Dame

Dies entstand, nachdem Glaser vor vielen Jahren das Vernichtungslager Auschwitz besuchte. Dort entdeckte er einen Koffer aus den Niederlanden mit seinem Namen drauf. Und dieser wurde zum Ausgangspunkt einer 25 Jahre andauernden Suche nach dem verdrängten Teil seiner Familiengeschichte. Dabei erfuhr der Katholik – im Alter von 40 Jahren – von den jüdischen Wurzeln seiner Familie.

Glaser rekonstruiert in dem Buch das Leben seiner Tante Rosie, einer unternehmungslustigen, selbstbewussten und emanzipierten Tanzlehrerin aus Amsterdam mit Studios in ganz Europa. Ihre Geschichte, die sie durch sieben Konzentrationslager geführt hat, erzählte Glaser den Neuntklässlern des Schillergymnasiums äußerst lebhaft, unterstützt durch den Einsatz von Bildmaterial aus den 1930-er und 1940-er Jahren.

Besonders die Videoclips aus der Wochenschau, in denen Tante Rosie in – aus heutiger Sicht – altmodischer Kleidung tanzt, sorgt für Atempausen in einer bedrückenden Thematik. Immer wieder baut Glaser den Schülern Brücken in die Gegenwart, damit sie nachvollziehen können, was seine Tante erlebt hat.

Auftakt zu Schulprojekt

Glaser, der sich selbst nicht als Schriftsteller sieht („Ich war Krankenhausdirektor“), skizzierte einen authentischen Überlebensbericht, der zugleich vom Kampf zwischen Erinnern und Vergessen in einer Familie erzählt.

Der von den Schülern mit Applaus bedachte Vortrag ist eine Kick-off-Veranstaltung für ein Schulprojekt. „Im Holocaust-Gedenkjahr 2020 wollen wir zusammen mit Schülern aus Enschede ein Projekt zu dem Thema realisieren“, erklärte Andreas Nowak, stellvertretender Schulleiter und Geschichtslehrer am Schillergymnasium.

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