Münsterische Ärztin arbeitet ehrenamtlich im Slum
Interview: „Schwer, Kinder sterben zu sehen“

Münster -

Die German Doctors sind eine international tätige Nichtregierungsorganisation, die unentgeltlich arbeitende Ärztinnen und Ärzte in Projekte auf den Philippinen, in Indien Bangladesh, Kenia und Sierra Leone entsendet. Dr. Janina Schenke aus Münster hat 2018 in Nairobi für die Organisation gearbeitet.

Sonntag, 20.01.2019, 09:00 Uhr
Wenige Kilometer entfernt vom Zentrums Nairobis liegt der Slum Mathare Valley
Wenige Kilometer entfernt vom Zentrums Nairobis liegt der Slum Mathare Valley Foto: privat

Die Ärztin Dr. Janina Schenke aus Münster hat im vergangenen Jahr ehrenamtlich im zweitgrößten Slum Nairobis, dem Mathare Valley, gearbeitet. Was die 36-jährige Internistin, die bereits zum zweiten Mal mit dem Verein German Doctors in ausländischen Kliniken praktizierte, in Kenia erlebt hat, erzählt sie im Gespräch mit unserem Redakteur Pjer Biederstädt.

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Ärztin in einem kenianischen Slum vorstellen?

Dr. Janina Schenke: Mit vier bis sechs Ärzten aus unterschiedlichen Fachabteilungen habe ich in einer Ambulanz zusammengearbeitet. Es gibt zudem einen Langzeitarzt, der drei Jahre vor Ort ist. Die anderen Mediziner – oft sind Kinder-, Frauen- und Hausärzte dabei – leisten in ihrem Jahresurlaub, im Ruhestand oder, so wie ich, in der Zeit zwischen zwei Stellen für einen Zeitraum von sechs Wochen ihren Beitrag in der Gesundheitsversorgung benachteiligter Menschen. 

Gibt es Kooperationen zwischen den German Doctors und den lokalen Medizinern?

Schenke: Wir arbeiten eng zusammen, übergeben einander Patienten. Außerdem schulen wir sie einmal in der Woche – und umgekehrt. Denn wir wissen einfach nicht um die Besonderheiten eines Slums.

Welche Besonderheiten sind das?

Schenke: Als Arzt fragt man sich anfangs, warum die Menschen dort so wenig trinken. Der Grund ist ganz einfach: Für den Toilettengang muss man häufig bezahlen. Außerdem kommt es nicht selten zu sexuellen Übergriffen gegen Frauen, die sich zum Urinieren hinhocken. Deshalb treten häufiger Harnwegsinfekte auf, um ein Beispiel zu nennen.

Wie sieht es aus im Mathare Valley?

Schenke: Es sieht dort schon so aus, wie man sich einen Slum vorstellt. Es ist sehr dreckig, es riecht nicht gut. Und Gewalt ist ein großes Thema.

War es für Sie gefährlich dort?

Schenke: Es gibt Teile im Slum, in die man nicht gehen kann. Das sind zum Teil unsichtbare Grenzen. Wir haben auch Walking Tours, also quasi Hausbesuche, gemacht, bei denen wir aber begleitet wurden. Ich weiß nicht, wie die das untereinander regeln, dass uns da nichts passiert ist. Es hat aber geklappt. Vielleicht auch, weil die German Doctors schon seit 1997 vor Ort sind und die Arbeit im Valley anerkannt ist.

Wer kommt in die Tagesklinik?

Schenke: In erster Linie Slumbewohner. Im Mathare Valley leben über 400 000 Menschen. Und es kommen viele, denn die medizinische Versorgung in der Ambulanz der German Doctors ist fast kostenlos. Die Patienten müssen lediglich eine für dortige Verhältnisse erschwingliche Patientenkarte kaufen.

Ist Andrang mit sechs Ärzten zu bewältigen?

Schenke: Eigentlich haben wir immer alle Patienten geschafft. Ich war schon einmal in Kalkutta, da war der Andrang noch größer. Dort mussten die Patienten morgens stempeln und dann galt: Frauen und Kinder zuerst.

Mit welchen Krankheiten wurden Sie in Nairobi vorwiegend konfrontiert?

Schenke: Wir sind alle Menschen. Daher gibt es dort Krankheiten, die es hier auch gibt. Hoher Blutdruck, sexuell übertragene Krankheiten oder Schmerzen. Erschöpfungssyndrome sind wegen der widrigen Lebensbedingungen an der Tagesordnung. Im Vergleich zu Deutschland sind die Fallzahlen von HIV und Tuberkulose dort natürlich viel höher.

Welche kulturellen Unterschiede haben Sie in der Patientenbehandlung wahrgenommen?

Schenke: Häufig waren die Patienten, bevor sie zu uns kamen, schon bei lokalen Heilern. Aberglaube spielt eine große Rolle. Das muss nicht negativ sein, solange sie keine toxischen Gemische einnehmen. Aber am Ende hilft bei einer sexuell übertragenen Krankheit das Antibiotikum doch effektiver.

Welche Auswirkung hat die Arbeit auf Sie persönlich?

Schenke: Für mich ist es in erster Linie spannend, so nah mit einer anderen Kultur in Kontakt zu kommen. Außerdem praktiziert man Medizin dort, wie man es eigentlich machen will – jenseits des ganzen bürokratischen Apparats, der hierzulande dazugehört.

Und auf emotionaler ­Ebene?

Schenke: Für mich war es besonders schwer zu sehen, dass Kinder sterben, nur weil sie dort geboren worden sind und nicht bei uns, wo die medizinische Versorgung besser ist. Man weiß, dass sie bei uns normal hätten leben können. Das ist ungerecht.

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