Björn Höckes radikale Thesen
Scharfer Blick hinter rechte Kulissen

Münster -

Jahrelang wollten viele dem Soziologen Andreas Kemper nicht glauben, dass AfD-Politiker Björn Höcke einst unter Pseudonym für ein rechtsradikales Blatt schrieb. Nun bezieht sich ausgerechnet der Bundesverfassungsschutz auf den Münsteraner.

Mittwoch, 30.01.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 31.01.2019, 08:41 Uhr
Seit dem Studium lebt der 55-jährige Soziologe Andreas Kemper, der in Nordhorn aufwuchs, in Münster. Seine Recherchen zur AfD und Björn Höcke haben Kemper jetzt zu einer wichtigen Quelle für das Bundesamt für Verfassungsschutz gemacht.
Seit dem Studium lebt der 55-jährige Soziologe Andreas Kemper, der in Nordhorn aufwuchs, in Münster. Seine Recherchen zu AfD und Björn Höcke haben Kemper jetzt zu einer wichtigen Quelle für das Bundesamt für Verfassungsschutz gemacht. Foto: Björn Meyer

Als vor zwei Wochen das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD als Prüffall und den sogenannten Flügel, eine als völkisch und nationalistisch eingestufte Gruppierung innerhalb der AfD, als Verdachtsfall einstufte, muss es Andreas Kemper (55) so vorgekommen sein, als habe man ihm nach Jahren unbezahlter Arbeit endlich seinen Lohn überreicht.

Seit Jahren schon forscht Kemper zur AfD. Dabei fand er heraus, dass der Politiker Björn ­Höcke und der rechte Publizist Landolf Ladig eine Person sein müssen. Lange wollte ihm kaum jemand glauben, nun hat der Bundesverfassungsschutz genau das in seinem Gutachten als „nahezu unbestreitbar“ bestätigt. Zudem bezieht sich der Verfassungsschutz auch an anderer Stelle auf Kempers Forschungen.

Unser Redakteur Björn Meyer sprach mit Kemper über vermeintliche Zufälle, gefährliche Strömungen und darüber, was Ladig alias ­Höcke wirklich möchte.

Herr Kemper, haben Sie manchmal Mitleid mit Angela Merkel?

Kemper: Ja, in der Tat. Ich hege manchmal Sympathien für Angela Merkel. Das ärgert mich, denn ich bin eigentlich kein CDU-Wähler (lacht).

Sie beide teilen aber ein Schicksal – Attacken von rechts.

Kemper: Stimmt, aber ich bekomme so gut wie nie persönliche Zuschriften. Das Ganze spielt sich eher in den sozialen Medien ab, häufig auch auf fremden Seiten. Ich mache bei Wikipedia mit und habe damals dafür gesorgt, dass bestimmte Leute, die da mitschreiben, Sachen nicht mehr posten dürfen, weil es gegen die Neutralität verstieß. Die Administratoren haben sich auf meine Seite gestellt. Daraufhin wurde von Rechten ein eigenes, kriminelles Wiki, genannt Wikimannia, gegründet, das sich der deutschen Rechtsprechung entzieht und in dem ohne Ende gehetzt wird. Da habe ich, als Ursache, den längsten Eintrag. Das ist alles erstunken und erlogen. Aber das Büro sitzt in Panama, die Server in der Türkei, mein Rechtsanwalt meint, wir könnten da nichts machen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der rechten Szene zu befassen?

Kemper: Relativ spät. Eigentlich beschäftige ich mich viel mit Bildungsbenachteiligung von Arbeiterkindern. Als dann die Thilo-Sarrazin-Diskussion mit Vererbung von Intelligenz aufkam, da habe ich mich an Paul Wulf (Anm. d. Red.: NS-Opfer aus Münster), der ein Bekannter von mir war, und sein Schicksal erinnert. Dann habe ich geschaut, wer Sarrazin unterstützt hat. Dabei bin ich auf Strukturen gestoßen, aus denen sich die AfD später entwickelt hat.

Sie beschäftigen sich aber nicht nur mit der AfD allgemein, sondern vor allem auch mit Björn Höcke.

Kemper: Genau, auf Höcke bin ich gekommen, weil ich der Erste war, der über die AfD ein Buch geschrieben hat. Daraufhin bin ich 2013 häufig zu Veranstaltungen eingeladen worden, um darüber zu sprechen. Ich habe aber nicht nur vorgetragen, sondern mir ist aus den verschiedenen Regionen Deutschlands auch einiges gespiegelt worden. Auch in Thüringen.

Bei Björn Höcke habe ich schnell gemerkt, dass er der am weitesten rechts stehende Typ ist, der gleichzeitig noch eine Zukunft haben kann mit seinem Hintergrund als Oberstudienrat. Also habe ich angefangen, tiefer zu recherchieren und bin bei ihm auf den Begriff „organische Marktwirtschaft“ gestoßen – eine Abwandlung der organischen Wirtschaft der Nazis.

Ich wollte wissen, woher Höckes Begriff kommt und habe nur einen einzigen Treffer bei Google gefunden – in einem Artikel von einem gewissen Landolf Ladig in der NPD-Eichsfeldstimme über ein Dorf in Thüringen, Bornhagen. Dort wohnt Björn Höcke. In dem Artikel wird sogar Höckes Wohnhaus bezeichnet. Eine Überzufälligkeit, die erklärungsrelevant ist. Ich habe also weiter geforscht, mit dem Ergebnis, dass sich jetzt das Bundesamt für Verfassungsschutz meinen Forschungen angeschlossen hat.

Bis dahin war es aber ein weiter Weg, oder?

Kemper: Im März 2015 habe ich meine Erkenntnisse das erste Mal öffentlich gemacht. Damals wurde das aber von der Presse überhaupt nicht wahrgenommen. Erst als der Bundesvorstand der AfD selber, damals noch unter Lucke, das gelesen hat, haben die es ernst genommen und Björn Höcke aufgefordert, das mit mir gerichtlich zu klären.

Höcke hat ein Ultimatum bekommen – und verstreichen lassen. Er wusste, er konnte das nicht gewinnen. Dafür hat er ein Amtsenthebungsverfahren kassiert. Dann aber sind Lucke und Henkel selber ihrer Ämter enthoben worden. Frauke Petry wurde der neue Shootingstar der AfD, Alice Weidel trat in Erscheinung, und auch André Poggenburg wurde in den Vorstand gewählt. Er hat das Amtsenthebungsverfahren gegen Höcke beendet.

Damit war für die Presse das Thema vorbei. Die Zeitung Die Welt hat sich empört, dass Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel einem linken Blogger mehr Glauben schenken würden, als den eigenen Leuten. Dabei hätten sie das Ganze lieber mal überprüfen sollen. Geschrieben hat das Günther Lachmann, damals Chefreporter der Welt für die AfD. Jetzt ist Lachmann ein Berater Höckes. Die FAZ war übrigens auch nicht viel besser.

Jetzt aber räumt auch die FAZ ein, dass Ladig wohl doch Höcke ist.

Kemper: Das stimmt, allerdings haben sie in ihrem Artikel darüber meinen Namen nicht genannt. Eigentlich eine totale Unverschämtheit, denn die Ladig-Geschichte hängt nur mit mir zusammen (Kemper lacht). Erstmal (Anm. d. Red.: 2017) hatten sie aber auf einer ganzen Seite den „wahren“ Landolf Ladig präsentiert.

War das der gleiche Lan­dolf Ladig, den auch der rechte Verleger Thorsten Heise in einem Video präsentiert, das auf Youtube zu sehen ist?

Kemper: Nein, dabei ist interessant, dass beides am gleichen Tag stattgefunden hat. Heise hat Rigolf Hennig als Ladig präsentiert, einen völkischen Nationalisten und Holocaustleugner. Die Thüringer Allgemeine hat Heise geglaubt. Einem Mann, der zwölf Vorstrafen wegen Körperverletzung hat und einer der führenden Neonazis ist.

Aber es gab ja dann jetzt plötzlich zwei Ladigs.

Kemper: Genau, damit war natürlich klar: Irgendwer lügt, und im Zweifel beide. Zumal keiner erklären konnte, warum Höcke Ladig und Ladig Höcke zitiert, und warum Bornhagen in einem der Ladig-Texte vorkommt.

Wie haben Sie davon erfahren, dass sich der Verfassungsschutz auf Ihre Recherchen bezieht?

Kemper: Durch einen Tweet von Melanie Amann, die für den „Spiegel“ schreibt.

Was haben Sie als Erstes gedacht?

Kemper: Endlich! Das will ich lesen. Wenn man Björn Höcke und Landolf Ladig in dem Gutachten zusammenzählt, kommt man auf 647 Treffer in 438 Seiten. Das heißt, Höcke ist die zentrale Figur, was die Verfassungsfeindlichkeit der AfD angeht. Da spielt Landolf Ladig eine große Rolle, denn das sind die ungeschminkten Zitate von Höcke, aus einer Zeit, in der er noch nicht absehen konnte, dass er einmal bekannt werden würde.

Um das klar zu sagen: Ladigs Thesen sind radikal. Er sagt, dass Deutschland zwei Mal überfallen wurde. Erster und Zweiter Weltkrieg seien Angriffskriege auf Deutschland gewesen, weil die Deutschen so fleißig seien. Er redet von sich aufpotenzierenden Krisendynamiken, mit denen die Revolution in greifbare Reichweite rücke. Die nationale Bewegung solle sich an die Spitze dieser Revolution setzen, um dann die NS-Wirtschaftspolitik auf rassenbilogischer Grundlage wieder einzuführen.

Das ist der Ladig, von dem das Bundesamt für Verfassungsschutz sagt, dass es sich „nahezu unbestreitbar“ um Björn Höcke handelt. Geschrieben bei Thorsten Heise, einem Mann, der nicht nur Verleger und NPD-Politiker ist, sondern auch mit „Combat 18“ (Kampfgruppe Adolf Hitler) zu tun hat. Einem internationalem Rechts terrorismus-Netzwerk, das Anschläge auf der ganzen Welt verübt. Heise hält dort Vorträge. Und er ist ein guter Bekannter von Höcke, hat Höcke beim Umzug geholfen, als dieser nach Bornhagen gezogen ist.

Wohin wird sich die AfD in Zukunft entwickeln?

Kemper: Das ist nicht klar. Ich sage immer, die AfD hat drei Strömungen. Eine neoliberale, mit der alles unter Bernd Lucke angefangen hat. Die gibt es immer noch. Die wird vertreten durch Alice Weidel und Jörg Meuthen. Die sind auch problematisch, aber das sind keine Faschisten. Dann gibt es eine christlich-fundamentalistische Strömung. Die sind eher klein, aber auch wichtig.

Zum Beispiel für den ganzen Antifeminismus in der AfD. Und dann eben die völkisch-nationale oder auch ganz deutlich faschistische Strömung um Björn Höcke. Die ist am besten formiert, hat die klarsten Strukturen. Und die werden gerade noch einmal ausgebaut. Das ist einerseits für die Rest-AfD sicherer, gleichzeitig aber wird der Flügel auch noch einmal stärker: Und es gibt keine Bestrebungen, den Flügel rauszuschmeißen. Alexander Gauland hält seine schützenden Hände darüber. 

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