FDP-Ratsfraktionschef Jörg Berens im Interview
„Eine schwere Zeit“

Münster -

Münsters FDP hat turbulente Wochen hinter sich, der gewählte Vorstand ist zurückgetreten. Im Interview bewertet der neue FDP-Fraktionschef Jörg Berens die Situation.

Samstag, 09.02.2019, 16:00 Uhr
Neuer FDP-Ratsfraktionschef: Jörg Berens
Neuer FDP-Ratsfraktionschef: Jörg Berens Foto: Oliver Werner

Die FDP hat schwere Wochen mit dem Rücktritt des Vorstands hinter sich. Den Neuaufbau begleitet der neue Ratsfraktionschef Jörg Berens (39). Helfen könnte dem zweifachen Familienvater, dass er gerade selbst Erfahrung als Bauherr in Wolbeck sammelt. Im Hauptberuf ist er Social-Media-Manager bei einer Versandapotheke. Wie es mit der FDP weitergeht, verriet Berens im Interview unserem Redakteur Dirk Anger.

Bei der FDP scheint es dieser Tage drunter und drüber zu gehen zu: Wie beurteilen Sie die Situation?

Berens: Es geht aufwärts. Natürlich haben wir eine schwere Zeit in der FDP. Das Chaos ist aber sortiert, und der Neuanfang wird am 23. Februar mit der Neuwahl des Kreisvorstandes beginnen.

Wer trägt Verantwortung für die verfahrene Lage?

Berens: Ich will da gar nicht groß zurückschauen und irgendjemanden verantwortlich machen. Die Lage ist so, wie sie ist – ausgelöst durch verschiedene Rücktritte und andere, zum Teil auch äußere Einflüsse. Politik lebt davon, dass man tagesaktuell auf Dinge reagieren muss, und jetzt gehen wir mit dieser Lage um.

Was meinen Sie mit „äußeren Einflüssen“?

Berens: Wenn man in der Politik handelt, ist man nicht immer derjenige, der alles beeinflussen und steuern kann. Häufig kommen andere Faktoren dazu, mit denen man umgehen muss. Manchmal gelingt das weniger gut.

Der zurückgetretene Parteichef Lascasas wirft Ihnen vor, eigene Interessen über die der Partei zu stellen.

Berens: Ich habe mehrere Wochen als Fraktionsvorsitzender hinter mir, habe mehrere Sitzungen leiten dürfen und war auf dem gut besuchten Ortsparteitag der FDP Münster-Süd: Mir wird viel Vertrauen entgegengebracht, das ist mein Eindruck. Wir arbeiten bis dato in der Fraktion ganz hervorragend zusammen. Und auch meine Ausführungen auf dem Parteitag sind durchaus positiv aufgenommen worden. Insofern ist das eine Einzelmeinung, die ich zur Kenntnis zu nehmen habe.

Teilen Sie den Eindruck, dass die münsterische FDP tief gespalten ist?

Berens: Nein!

Sie waren doch politisch mal relativ eng mit Lascasas, wie auch auf einem Foto zu sehen ist: Was hat Sie auseinandergebracht?

Berens: Fotos sind immer Momentaufnahmen. Damals waren die Momente, wie sie waren. Heute sind sie andere. Auch da will ich keinen Blick nach hinten wagen, sondern nach vorne. Mir ist wichtig, dass die FDP zu alter Stärke zurückfindet. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Der zurückgetretene Vorsitzende ist Mitglied in Ratsgremien: Bleibt er das nach der deutlichen Kritik an Ihrer Person?

Berens: Unabhängig von der Kritik hat die Fraktion aktuell entschieden, diese und weitere Gremien mit anderen Personen zu besetzen. Selbstverständlich hatte der ehemalige Kreisvorsitzende Gelegenheit, sich im Vorfeld dazu zu äußern. Formal wird der Rat in seiner Sitzung am Mittwoch noch über die Umbesetzungen entscheiden.

Dass die FDP unter Ihnen als Kreisvorsitzender kein Bundestags- oder Landtagsmandat bekommen hat, wird Ihnen angelastet. Wie gehen Sie damit um?

Berens: Gelassen. Die Ergebnisse sind so, wie sie sind. Klar ist, wenn es um so eine Listenaufstellung geht, hat jeder Kreisverband seine eigenen Interessen und Kandidaten. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Ich habe mich damals in den Wettbewerb zu Karl-Heinz Busen gestellt. Ich habe bei der Listenaufstellung im Münsterland nicht gewinnen können – mit dem Ergebnis, dass Karl-Heinz Busen heute im Bundestag sitzt. Und da wünsche ich ihm allen Erfolg.

Sie sind als einziger im FDP-Vorstand verblieben: Was hat das in den vergangenen Tagen bedeutet ?

Berens: Viel telefonieren, viel organisieren und ein bisschen Standleitung zum Landesverband nach Düsseldorf halten. Mir ging es vor allem darum, elementare Dinge zu klären wie Kontoverfügung und Schlüsselgewalt zur Geschäftsstelle.

Haben Sie die Entwicklung so erwartet, als Sie Fraktionschef wurden?

Berens: Nein, natürlich nicht. Ich glaube, ich war wie viele andere auch überrascht über die Entwicklung.

Schadet das aktuelle Bild der FDP nicht auch der Ratsarbeit?

Berens: Nein. Parteien haben immer mal wieder Höhen und Tiefen – auch die FDP. Im Moment sind wir in einem Tief, wobei ich tatsächlich glaube, dass die Talsohle durchschritten ist. Und die Ratsfraktion hat in der Vergangenheit ausgezeichnet, dass sie so etwas wie der Stabilitätsanker liberaler Politik in Münster ist. Und das wird auch so bleiben.

Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgängerin Carola Möllemann-Appelhoff?

Berens: Wir werden mal gucken, ob wir in der Kommunikation etwas schneller werden, andere Mittel einsetzen, etwa durch die stärkere Einbeziehung von Social Media. Außerdem möchte ich versuchen, die Vernetzung der einzelnen Mitglieder der erweiterten Fraktion hinsichtlich neuer Ideen weiter voranzubringen. Ansonsten setze ich auf die gleiche gute Teamarbeit.

Welche Schwerpunkte inhaltlicher Art wollen Sie bis zur Wahl 2020 setzen?

Berens: Die drängenden Probleme, die die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt betreffen, sind natürlich die Schwerpunkte in unserer Arbeit. Unser Markenkern ist und war unter Carola Möllemann-Appelhoff die Schaffung neuer Kita-Plätze. Da werden wir weiter der Motor bleiben. Der Kita-Navigator ist uns ein Dorn im Auge. Er muss deutlich transparenter und kundenorientierter sein. Solider Haushalt bleibt für uns ein Thema. Und natürlich drängt die Frage nach Wohnraum. Beim Thema Mobilität fehlt mir ein Gesamtkonzept unter Einbeziehung aller Verkehrsträger.

Was bedeutet der Wechsel an der Fraktionsspitze mit Blick auf die Wahl 2020?

Berens: Schon ein Signal, dass wir langsam einen Generationswechsel einläuten.

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