Interview mit Historikern
Wie sollte Münster mit Kriegerdenkmälern umgehen?

Münster -

An vielen Stellen im Stadtgebiet befinden sich Kriegerdenkmäler aus dem vergangenen Jahrhundert. Wie soll Münster mit ihnen in Zukunft umgehen? Unsere Zeitung sprach mit Prof. Dr. Thomas Großbölting und Dr. Sabine Kittel vom Historischen Seminar.

Samstag, 16.02.2019, 19:00 Uhr
Prof. Dr. Thomas Großbölting vom Historischen Seminar der Universität Münster mit seiner Mitarbeiterin Dr. Sabine Kittel. Auf dem Foto blättern sie im Buch „Kriegerdenkmäler in der Friedensstadt“, das im Aschendorff Verlag erschienen ist (9,90 Euro).
Prof. Dr. Thomas Großbölting vom Historischen Seminar der Universität Münster mit seiner Mitarbeiterin Dr. Sabine Kittel. Auf dem Foto blättern sie im Buch „Kriegerdenkmäler in der Friedensstadt“, das im Aschendorff Verlag erschienen ist (9,90 Euro). Foto: Oliver Werner

Sie stehen entlang der Promenade und im Schlossgarten, am Orléans-Ring und auf dem Waldfriedhof Lauheide: Denkmäler, die in der Regel im 20. Jahrhundert errichtet wurden und an Kolonialzeit oder Weltkriege erinnern. Viele von ihnen sind heute umstritten. Wie soll Münster mit seinen Kriegerdenkmälern umgehen? Darüber sprach unser Redakteur Martin Kalitschke mit Prof. Dr. Thomas Großbölting und Dr. Sabine Kittel vom Historischen Seminar der Universität Münster.

Herr Großbölting, Münster ringt, wieder einmal, um den Umgang mit seinen Kriegerdenkmälern. Es gibt sogar Politiker, die deren Abriss fordern. Was halten Sie davon?

Großbölting: Nicht viel. Dahinter steckt die schräge Vorstellung, dass von solchen Denkmälern eine kontaminierende Gefahr ausgehen könnte. Doch die sehe ich nicht. Wenn meine Kinder an ihnen vorbeifahren, dann entsteht bei ihnen nicht automatisch chauvinistisches Gedankengut. Indem Denkmäler stehen bleiben, stellen sie Momente des Anstoßes dar, die der Selbstvergewisserung der heutigen Gesellschaft dienen können.

Kittel: Das sehe ich genauso. So lange sie da sind, werden auch Debatten über sie geführt. Und das ist gut so.

Diskussionen über den Umgang mit Kriegerdenkmälern scheinen in regelmäßigen Abständen auszubrechen.

Kittel: Ja, sie schwappen immer wieder hoch, ich würde sagen: alle 20 oder 30 Jahre. Mitte der 1980er-Jahre beschäftigten sich verschiedene Initiativen sehr stark mit dem Train-Denkmal am Ludgerikreisel und damit mit der deutschen Kolonialgeschichte. Ergebnis dieser geschichtskulturellen Aushandlung war ein kommentierendes Schild, das man aus heutiger Sicht nur als Kompromiss bezeichnen kann und das man heute so nicht mehr dort aufstellen würde.

Der Blick auf die Geschichte ändert sich demnach immer wieder. Gibt es eigentlich einen Grund, warum solche Diskussionen regelmäßig aufs Neue geführt werden?

Großbölting: Da geht es natürlich auch stark um eine Selbstvergewisserung.

Kittel: Auf beiden Seiten, bei Anhängern und bei Gegnern von Kriegerdenkmälern, besteht das Bedürfnis, sich zur ursprünglichen Aussage des Denkmals zu positionieren. Die Kritiker etwa distanzieren sich davon, heute noch den Soldatentod zu heroisieren.

Großbölting: Zum aktuellen Diskurs hat sicherlich auch der Aufstieg der AfD beigetragen.

Einer Partei, die auch mal die Verdienste der Wehrmacht lobt – was ja Kriegerdenkmäler auch tun. Das sorgt natürlich auf der anderen Seite für eine Gegenreaktion.

Großbölting: In Münster scheiterte die AfD bei der letzten Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde. Da ist die Motivation in der Stadtgesellschaft groß, dass es dabei bleibt. Und da gehört es dann auch dazu, sich mit Themen von kollektiver Identität und Nationalismus zu beschäftigen. Neben der Selbstvergewisserung geht es dabei aber zuweilen auch um Symbolpolitik.

Die allein reicht freilich nicht, um die Diskussion über Kriegerdenkmäler am Laufen zu halten.

Großbölting: Ein interessantes Projekt gibt es in Leipzig. Mithilfe eines digitalen Stadtinformationssystems erhält man Informationen über historische Orte. Ein erläuterndes Schild neben einem Denkmal machen solche digitalen Angebote allerdings nicht überflüssig.

Kittel: Wir dürfen gespannt sein, welche Überlegungen die Stadt Münster in den vergangenen Monaten hierzu entwickelt hat. Denn bei uns wird ja seit Längerem immer wieder die fehlende Positionierung der Friedensstadt Münster zu ihren Krieger- und Ehrendenkmälern beklagt.

Rund um die Promenade stehen etliche Denkmäler. Ist es nicht so, dass die meisten Menschen sie überhaupt nicht mehr wahrnehmen, weil sie irgendwie dazugehören?

Großbölting: Es gibt durchaus eine Nichtbeachtung, für viele Menschen sind sie inzwischen Stadtmöbel – wie Laternen. Wenn sie abgeräumt würden, würden sie jedoch vermutlich vielen fehlen – weil sie eine leere Stelle hinterlassen.

Kittel: Ich denke, dass viele Menschen die Denkmäler wahrnehmen. Beim Tag des offenen Denkmals werden Führungen angeboten, die sind jedes Mal sehr gut besucht. Die Menschen wollen offenbar doch ab und zu wissen, woran sie täglich unbewusst vorbeigehen.

Heute werden kaum noch Denkmäler gebaut. Warum eigentlich nicht?

Kittel: Das letzte große Denkmal war das Holocaust-Mahnmal, und auch das hatte lange gedauert. In Münster gibt es die Stolpersteine und die Paul-Wulf-Skulptur, auch das sind Denkmäler. Ihnen liegt aber eine andere Aussage und Intention zugrunde.

Großbölting: Heute entstehen Denkmäler meist als Reaktion auf und gegen eine überkommene Repräsentationskultur. Umgekehrt ist es heute eher unüblich, beispielsweise Kanzler wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl oder andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit einem Denkmal zu ehren.

Der Sinn von Denkmälern hat sich also geändert?

Großbölting: Die, die sie aufstellten, taten es in erster Linie für sich selbst – nicht für die Toten, an die die Denkmäler erinnern sollten. Sie wollten mit dem Denkmal eine Botschaft aussenden, die ihnen wichtig war.

Wurde diese Botschaft auch empfangen?

Großbölting: Robert ­Musil sagte einmal: Denkmäler werden nur dann wahrgenommen, wenn sie aufgestellt oder wenn sie abgerissen werden. Heute können wir hinzufügen: oder, wenn sie bewusst in Szene gesetzt werden.

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