Aktionsbündnis kämpft gegen das Insektensterben
Handeln, bevor es zu spät ist

Münster -

Mitglieder der Umweltorganisationen Bund, Nabu und Greenpeace wollen gemeinsam gegen Insektensterben und Artenschwund vorgehen. In Münster haben sie mit ihren Bestrebungen allerdings gerade erst eine Niederlage erlitten.

Samstag, 23.02.2019, 19:00 Uhr
Engagieren sich für die Umwelt: Rita Clausing (l.) und Brigitte Stork
Engagieren sich für die Umwelt: Rita Clausing (l.) und Brigitte Stork Foto: kal

Mehrere Umweltverbände haben sich in Münster zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen, das sich gegen Artenschwund und Insektensterben und für den Schutz von Böden und Gewässern einsetzt. Mit den Aktivistinnen Rita Clausing (Bund für Umwelt- und Naturschutz, kurz: Bund) und Brigitte Stork (Greenpeace) sprach unser Redakteur Martin Kalitschke.

Das Bienensterben ist im Moment in aller Munde. Wie schlimm ist das Insektensterben?

Brigitte Stork: Das merkt jeder, der eine längere Strecke mit dem Auto fährt. Es befinden sich kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe. Nach Untersuchungen aus Deutschland sind die Insektenbestände in den letzten 30 Jahren um über 75 Prozent, nach Untersuchungen in den Niederlanden sogar um 80 Prozent zurückgegangen.

Rita Clausing: Konkret für Münster gibt es keine Studien, aber wir leben hier natürlich nicht auf einer Insel der Glückseligen.

Stork: Studien kosten Geld, und die Industrie hat in den letzten Jahren solche Studien nicht gefördert.

Welche Arten sind besonders stark vom Insektensterben betroffen?

Stork: Es sind sehr viele Arten betroffen, unter anderem sind Wildbienen und auch Schmetterlinge massiv verschwunden. Man sieht fast nur noch Kohlweißlinge oder vereinzelt Zitronenfalter.

Clausing: Wenn ich früher bei Licht die Fenster offen gelassen habe, war die Wand schwarz vor Mücken. Heute sind da nur noch wenige.

Stork: Und es gibt ja längst nicht mehr „nur“ ein Insektensterben. Auch der Bestand an Vögeln, Fröschen, Echsen – also Tieren, die von Insekten leben – nimmt immer mehr ab.

Clausing: Wenn ich in Gievenbeck über die Felder laufe, sehe ich kaum noch Feldlerchen. Selbst die Spatzen, die in meiner Kindheit in Gruppen in Pfützen gespielt haben, werden immer weniger.

Wo liegen die Gründe?

Clausing: Zum einen in der Verarmung der Landschaft. Es gibt immer weniger Strukturen wie Gehölzränder, Hecken oder Wegeränder, die Lebensraum für Insekten bieten.

Stork: In Emsdetten sind kürzlich Felder zusammengelegt worden, Wallhecken wurden beseitigt – obwohl man das gar nicht darf.

Clausing: Mit der Flurbereinigung wurden bereits vor Jahrzehnten größere Strukturen geschaffen. Die Auswirkungen merken wir jetzt.

Stork: Durch den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden wurde diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Hinzu kommen Massentierhaltung, die viel Gülle produziert, und gerade im Münsterland der intensive Maisanbau, der viel Dünger benötigt.

Clausing: Ein weiteres Problem ist der Flächenverbrauch. Immer neue Straßen, immer neue Gewerbegebiete, eine wachsende Bevölkerung, die immer höhere Ansprüche an Wohnraum hat. Auch durch diese Entwicklungen wird der Lebensraum für Insekten und andere Arten immer kleiner.

Stork: Und der Raum, der übrig bleibt, wird immer intensiver bewirtschaftet.

Das alles hört sich besorgniserregend an.

Clausing: Der Artenschwund hat mittlerweile eine extreme Geschwindigkeit erreicht. Wir können es uns nicht mehr leisten, so weiterzumachen.

Stork: Vielleicht werden wir die Blüten dann irgendwann selber bestäuben müssen. Wie in China. In Kalifornien werden Bienenvölker über weite Strecken transportiert, um sie gezielt für Mandelblüten einzusetzen.

Im Zusammenhang mit dem Insektensterben fällt immer wieder der Name Glyphosat.

Clausing: Als dieses Pestizid auf den Markt kam, hieß es, dass es nur Pflanzen angreift. Das ist mittlerweile umstritten. Es gibt Untersuchungen, wonach es Regenwürmer schädigt, das Nervensystem von Insekten angreift und sogar bis zu den Menschen gelangen kann und da zum Beispiel Parkinson auslöst. In Frankreich ist Parkinson deswegen als Berufskrankheit bei Landwirten anerkannt.

Wie viele Landwirte in Münster nutzen Glyphosat?

Clausing: Alle, die konventionelle Landwirtschaft betreiben.

Ihr Aktionsbündnis hat von der Stadt gefordert, zumindest auf den von der Stadt verpachteten Landwirtschaftsflächen den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden zu verbieten.

Clausing: Bereits Ende der 1980er-Jahre hatte der Rat beschlossen, auf den von der Stadt bewirtschafteten Flächen kein Glyphosat anzuwenden. Für die 590 Hektar verpachteten Ackerflächen gilt das nicht. Die Stadt verweist auf die meist nur ein Jahr laufenden Pachtverträge. Daher sei eine Umstellung auf den ökologischen Landbau nicht möglich. Ertragseinbußen, die durch den Pestizidverzicht entstünden, wären deswegen für die Landwirte nicht ausgleichbar. Wir finden, dies könnte sehr wohl durch eine geringere Pacht ausgeglichen werden.

Stork: Jetzt hat die Politik beschlossen, dass ökologischer Landbau auf lediglich neun der 590 Hektar stattfinden soll.

Clausing: Ein Pestizid-Verbot auf die weiteren 581 Hektar auszudehnen, dazu konnte sich die Stadt nicht durchringen.

Stork: So wird dort weiter das biologische Gleichgewicht zerstört.

Sind Sie enttäuscht?

Clausing: Natürlich.

Stork: Sehr.

Clausing: Die Stadt will nachhaltig handeln. Wäre sie den Landwirten beim Pachtpreis entgegengekommen, dann wäre der Druck gesunken, viel produzieren zu müssen. Den Landwirten wäre es dann leichtgefallen, auf Pestizide zu verzichten.

Stork: Münster will klimaneutral werden, hat es aber versäumt, ein Signal zu setzen.

Clausing: Beim Thema Ökologie gibt es in Münster immer viele schöne Worte und PR-Aktionen. Doch die Taten lassen auf sich warten. Dass gerade eine Stadt wie Münster nur Lippenbekenntnisse von sich gibt, das macht uns einfach traurig. Aber das werden wir nicht so stehen lassen.

In Bayern ist das Volksbegehren für die Artenvielfalt ein großer Erfolg gewesen. Können Sie sich das auch in NRW vorstellen?

Stork: Auf jeden Fall. Wir wollen nicht abwarten, sondern der Politik zeigen, dass die Bürger etwas anderes wollen. Wir alle haben eine Verantwortung. Wir wollen nicht warten, bis es zu spät ist.

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