Bauen im Bestand: Größer und höher
Münsters Erscheinungsbild ändert sich deutlich

Münster -

Der Mangel an Wohnraum ist ein anhaltend drängendes Thema in Münster. Immer häufiger reagieren Bauherrn und Investoren darauf mit Neubauvorhaben, die bedeutend höher und wuchtiger daherkommen als die Nachbargebäude. Die veränderte Genehmigungspraxis der Stadt Münster fördert diesen Trend. Aber wie verändert sich dadurch das städtebauliche Gefüge in der Stadt? Unsere Zeitung hat sich umgesehen . . .

Samstag, 02.03.2019, 13:00 Uhr aktualisiert: 02.03.2019, 13:25 Uhr
Ein Anblick wie diesen an der Patronatsstraße in Hiltrup findet man an vielen Stellen im münsterischen Stadtgebiet. Ein älteres Einfamilienhaus und weitaus größere Mehrfamilienhäuser stehen direkt nebeneinander. 
Ein Anblick wie diesen an der Patronatsstraße in Hiltrup findet man an vielen Stellen im münsterischen Stadtgebiet. Ein älteres Einfamilienhaus und weitaus größere Mehrfamilienhäuser stehen direkt nebeneinander.  Foto: kb

Zu Beginn dieses Jahrzehnts war die Wohnungsnot in Münster noch nicht so dramatisch wie heute, aber sie war auf jeden Fall spürbar. In einem Gespräch mit unserer Zeitung machte der frühere Chef des städtischen Unternehmens Wohn- und Stadtbau, Klemens Nottenkemper, einen gleichermaßen einfachen wie viel diskutierten Vorschlag: Statt der vielerorts üblichen zwei- bis dreigeschossigen Bauweise solle eine vier- bis fünfgeschossige Bauweise „Standard“ in Münster werden.

Gebäude im Bestand könnten einfach um eine Etage aufgestockt werden, so der Geschäftsführer, bei neuen Häusern sollte es durchweg höher hinausgehen als in der Nachbarschaft.

„Verdichtung nach oben“

Nottenkemper nannte dies eine „Verdichtung nach oben“ und löste damit eine lebhafte Diskussion unter Stadtplanern und Kommunalpolitikern aus. Lob gab es postwendend vom ÖDP-Politiker Franz Pohlmann, der damals wie heute gegen den Flächenverbrauch kämpfte. Er schrieb: „Verdichtung in die Höhe ist allemal besser als der permanente Verbrauch landwirtschaftlicher Nutzflächen an den ausfransenden Stadträndern.“

Die Verdichtung in die Höhe ist allemal besser als der permanente  Flächenverbrauch.

Franz Pohlmann, ÖDP-Ratsherr

Nottenkemper skizzierte damals einen bereits bestehenden und sich inzwischen deutlich verstärkenden Trend. Neue Gebäude in bestehenden Quartieren sind nahezu ausnahmslos größer, höher und rücken häufig auch näher an die Straße ran.

Zusätzlichen Wohnraum schaffen

Unsere Zeitung hat eine Reihe von Fotos zusammengetragen, die dies belegen. Dabei ist ein weiterer Trend erkennbar: Immer mehr Flachdachgebäude bestimmen das Stadtbild, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass Flachdachgebäude bis in die oberste Etage hinein die vorhandene Grundfläche ausnutzen können.

Bauen im Bestand: Größer und höher

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  • An der Winkelstraße stoßen diese beiden Gebäude direkt aneinander.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Sehr unterschiedlich sind diese beiden Gebäude an der Hammer Straße. Welches Gebäude neu ist, bedarf keiner Frage.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Am Geistmarkt überragt ein neues Flachdachgebäude die Nachbarschaft ganz erheblich

    Foto: Klaus Baumeister
  • Eine Baustelle samt städtebaulichem Bruch an der Gartenstraße.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Wand an Wand aber unterschiedlich groß, hier an der kleinen Bahnhofstraße.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Alt und Neu in direkter Nachbarschaft an der Friedrich-Ebert-Straße.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Dieser Neubau an der Rudolf-von-Lange-Straße will buchstäblich hoch hinaus.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Dieser Altbau an der Von-Vincke-Straße hat einen deutlich größeren Nachbarn bekommen.

    Foto: Klaus Baumeister
  • So sieht Urbanisierung an der Marktallee in Hiltrup aus.

    Foto: Klaus Baumeister
  • Ein Anblick wie diesen ander der Patronatsstraße in Hiltrup findet man an vielen Stellen im münsterischen Stadtgebiet. Ein älteres Einfamilienhaus und weitaus größere Mehrfamilienhäuser stehen direkt nebeneinander.

    Foto: Klaus Baumeister

Auf jeden Fall ist unverkennbar, dass bei der Erteilung von Baugenehmigungen die Schaffung zusätzlichen Wohnraums einen höheren Stellenwert erhalten hat und dabei in Kauf genommen wird, dass neue Gebäude an vielen Stellen im Stadtgebiet gegenüber der benachbarten Bebauung eine dominante Wirkung entfaltet.

Dies fällt beim so genannten „Bauen im Bestand“ natürlich viel mehr auf als in Neubaugebieten, weil die Abstandsflächen geringer sind und von daher Brüche, Kanten und Versprünge buchstäblich ins Auge springen. Kein Zweifel: Münster wird urbaner – aber auch schöner?  

Kommentar zum Thema

Vor wenigen Tagen ging die Nachricht durch die Republik: 2,3 bis 2,7 Millionen neue Wohnungen könnten in Deutschland durch Nachverdichtung entstehen, so hat es das Pestel-Institut errechnet. Die Methoden sind hinlänglich bekannt: Aufstockung, Umnutzung, das Schließen von Baulücken und schlicht höhere Häuser.

In Münster ist dieser Trend längst erkennbar. Erkennbar ist aber auch, dass er längst nicht bei allen Einwohnern gut ankommt. Die Stadt ist in eine Situation geraten, die man durchaus als tragisch einstufen könnte.

Auf der einen Seite ist die Stadt so attraktiv, dass permanent neue Menschen in die Stadt strömen. Die Versorgung einer wachsenden Bevölkerung mit Wohnraum sorgt für einen städtebaulichen Wandel, auf den viele sogenannte Paohlbürger wiederum mit einem Gefühl der Entfremdung reagieren. Im schlimmsten Fall geht der Prozesses einher mit einem Ende der traditionell stark ausgeprägten Willkommenskultur. Die Balance zwischen Alt und Neu zu wahren, ist jede Anstrengung wert. (Klaus Baumeister)

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