Gewalt gegen Ärzte
„Faustrecht auf der Straße nimmt zu“

Münster -

Verbale und physische Gewalt gegen Ärzte und Pflegepersonal nehmen seit Jahren zu, beklagt die Ärztekammer und fordert Gegenmaßnahmen auch von der Politik. Bei einem Symposium berichteten Mediziner von Gewalterfahrungen und Projekte des Gegensteuerns.

Samstag, 09.03.2019, 09:00 Uhr
Vor dem Start des Symposiums: der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst (r.), mit Bernd Schnäbelin, Leiter des Referats Rettungswesen im NRW-Gesundheitsministerium.
Vor dem Start des Symposiums: der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst (r.), mit Bernd Schnäbelin, Leiter des Referats Rettungswesen im NRW-Gesundheitsministerium. Foto: hö

Die Behinderung und Gewalt gegenüber Rettungskräften wird seit einiger Zeit beklagt. Die verbalen wie tätlichen Angriffe auch auf Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern und Praxen haben inzwischen ein Ausmaß angenommen, das die Ärztekammer bewegte, am Freitag ein Symposium mit dem provokanten Titel „Respektlos, aggressiv, gewalttätig: Helfer in Not!“ mit über 100 Teilnehmern zu veranstalten.

„Es ist ein gesellschaftliches Problem“, stellte Ärztekammer-Präsident Dr. Theodor Windhorst im Gespräch mit unserer Zeitung klar: „Das Faustrecht auf der Straße nimmt zu. Und die Frustrationstoleranz sinkt immer weiter.“ Daher fordert die Ärztekammer neben Schutzmaßnahmen ein verbindliches flächendeckendes Meldesystem, worin alle Fälle von verbaler und körperlicher Gewalt angezeigt werden müssen.

Keine bundesweite Statistik

Windhorst moniert, dass es derzeit keine bundesweite Statistik zur Problematik der steigenden Gewaltbereitschaft gebe, die alle Bereiche des Gesundheitswesens abdecke. Mit den gewonnenen Erkenntnissen müssten Maßnahmen entwickelt werden, um solche Gewaltakte zu verhindern. Dazu gehöre auch, eventuelle No-Go-Areas, in denen sich Übergriffe häufen, zu identifizieren, um Ärzte dort bei Einsätzen polizeilich zu schützen.

Windhorst fordert darüber hinaus, Ärzte und weiteres medizinisches Personal in die Regelung des Paragrafen 115 des Strafgesetzbuchs aufzunehmen. Ein Paragraf, der Widerstand und Angriffe gegen Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter mit Strafe belegt.

Zudem sollten Deeskalationstrainings und Konfliktgesprächskurse von der Akademie für medizinische Fortbildung in Westfalen-Lippe für die betroffenen Berufsgruppen angeboten werden.

Acht Wochen - fünf Einsätze mit Gewalt

Wie drängend das Problem inzwischen ist, wurde während des Symposiums in einer Podiumsdiskussion mit Erfahrungsberichten von Ärzten und Rettungskräften deutlich. „Allein in den vergangenen acht Wochen hatten wir fünf Einsätze mit Gewalttätigkeiten“, berichtete der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Steinfurt.

Und: „In den letzten fünf Jahren kam es zu einer starken Zunahme von verbalen Attacken und tätlicher Gewalt.“ Eine Einschätzung, die auch der Chefarzt der zentralen Notaufnahme im Evangelischen Klinikum Bethel bestätigte. Der Angehörige eines Patienten, dem die Wartezeit zu lang erschien, sei ihm sprichwörtlich an die Gurgel gegangen, so Dr. Hans Werner Kottkamp.

Es braucht Gegenmaßnahmen

Über Notrufketten, die Einschaltung eines Sicherheitsdienstes und Deeskalationstrainings für die medizinischen Mitarbeiter berichtete Susanne Hinzen, die das Qualitätsmanagement für Krankenhäuser in Hagen und Wuppertal leitet. Die einhellige Meinung: Ohne Gegenmaßnahmen geht es nicht mehr.

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