Tanz im Pumpenhaus
Existenzialistisch – irgendwie

Münster -

Der Mann am Klavier trägt Motorradhelm. Den wird er auch später nicht abnehmen, wenn er seine E-Gitarre traktiert. Die Tänzer selbst werden von einem Wesen in Latzhose und Schweißerbrille auf die Bühne geschleift. Dort liegen sie erst mal leblos herum, während eine Lautsprecherstimme das Publikum auffordert, sich von der Vorstellung nicht stören zu lassen und etwaige Telefongespräche oder Unterhaltungen mit dem Nebenmann möglichst laut zu führen.

Sonntag, 10.03.2019, 18:04 Uhr aktualisiert: 12.03.2019, 19:30 Uhr
Julio César Iglesias Ungo und Helder Seabra bei einem fast schon klassischen Pas de deux in der entspannteren Phase der schrillen Choreographie.
Julio César Iglesias Ungo und Helder Seabra bei einem fast schon klassischen Pas de deux in der entspannteren Phase der schrillen Choreographie. Foto: Álvaro S. Rodríguez

Das klingt alles recht amüsant – bis plötzlich eine mächtige Detonation das Pumpenhaus erschüttert und schrille Keyboard-Töne einsetzen. Es ist die Art von Musik, die Tote zum Leben erweckt. Und genau das macht sie mit den beiden am Boden liegenden Tänzern. Unter heftigen Impulsen bäumen sie sich auf, rollen aufeinander zu und übereinander hinweg. Irgendwann kommen sie auf die Beine und werden von der Musik erbarmungslos über die Bühne gehämmert und gepeitscht.

In „The Well in the Lake“ erzeugen Julio César Iglesias Ungo und Helder Seabra ein mittleres Weltuntergangsszenario, das von den Live-Musikern Christoph Heinze und Stijn Vanmarsenille kräftig befeuert wird. Düster und bedrohlich ging es zu bei der Uraufführung am Freitag im Pumpenhaus. Aber nicht nur. Denn das Thema der beiden Tänzer-Choreographen ist die Transformation. So begeben sie sich in immer wieder neue Entwürfe ihrer selbst, werden hineingerissen in Stimmungen und Situationen und am Ende wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Existenzialistisch irgendwie.

Nach dem spektakulären Auftakt folgt eine sanfte Phase. Umarmungen und weiche Kontaktimprovisationen bestimmen jetzt das Bild. Doch auch das hält nicht lange. Schon verwandeln sie sich in Gorillas und jagen sich kreischend über die Bühne. Nach dieser animalischen Einlage stehen Männerspiele auf dem Programm. Mit Theaterblut, das sie sich über den Körper schmieren, schließen sie Blutsbrüderschaft und feiern die so gewonnene Eintracht mit einem fast klassisch anmutenden Pas de deux. Dichter Bühnennebel und eine großzügig verabreichte Schlammpackung verwandeln die Szenerie zum Ende hin in ein Catch-as-catch-can. Es ist ein emotionaler Rundumschlag, den Iglesias Ungo und Seabra hier auf die Bühne bringen. Dabei überzeugen sie mit einem gut austarierten Wechsel zwischen ruhigen und dynamischen Passagen und setzen mit Anleihen von Hip-Hop bis Tango interessante Akzente.

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