Bundesfreiwilligendienst am Theater
„Kreativer geht es nicht“

Münster -

Paula Brocke und Tabea Stockbrügger sehen sich nicht nur als „Mädchen für alles“. Auch wenn sie Büroarbeit leisten und Handreichungen übernehmen. Aber eben auch Regie-Hospitanzen. Die beiden jungen Frauen sind Bundesfreiwillige am Jungen Theater Münster.

Sonntag, 17.03.2019, 17:26 Uhr aktualisiert: 17.03.2019, 18:34 Uhr
Bundesfreiwilligendienst am Theater: „Kreativer geht es nicht“
Tabea Stockbrügger (l.) und Paula Brocke haben vom Parkett aus gerade die Bühnenprobe zum Jugendstück „Gespräch mit ­Astronauten“ im Kleinen Haus verfolgt. Foto: Gunnar A. Pier

Aufgepustete Bälle kullern auf der Bühne herum. Eine Igelmaske liegt achtlos auf dem erhöhten Steg. Eine Schaufensterpuppe ist in Frischhaltefolie eingewickelt, Kunstrosen sprießen daraus hervor. Plötzlich eine laute Stimme: „Bin ich in dieser Szene schon im Einkaufswagen?“, fragt Schauspielerin Sandra Spicher ins Mikro. Dabei hockt sie bereits in dem giftgrünen Vehikel auf Rollen. „Ja!“, ruft ihr Paula Brocke zu. „Von Anfang an.“

Die junge Frau sitzt in der ersten Stuhlreihe. Auf ihrem Schoß liegt ihr „Regiebuch“, auf dessen Seiten sie beständig etwas mit Bleistift notiert. „Ich schreibe auf, wo die Schauspieler in der jeweiligen Szene stehen und welches Requisit sie brauchen. Oder welches der vier Mikrofone wann von wem benötigt wird.“

Gemeinnütziger Dienst

Die 18-Jährige ist eine von zwei Bundesfreiwilligen, „Bufdis“ genannt, die in dieser Spielzeit gemeinnützigen Dienst am Jungen Theater Münster leisten. Als „Bufdi“ ist Paula Brocke bei der Inszenierung von „Gespräche mit Astronauten“, für die hier im Kleinen Haus geprobt wird, als Hospitantin dabei.

Bundesfreiwilligendienst am Theater Münster

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  • Paula Brocke (links) absolviert ihren Bundesfreiwilligendienst (BuFDi) im Theater Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke (links) absolviert ihren Bundesfreiwilligendienst (BuFDi) im Theater Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Tabea Stockbrügger (links) und Paula Brocke absolvieren ihren Bundesfreiwilligendienst (BuFDi) im Theater Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke ist Regie-Hospitantin und behält besonders die Requisiten im Auge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke ist Regie-Hospitantin und behält besonders die Requisiten im Auge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke ist Regie-Hospitantin und behält besonders die Requisiten im Auge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Peter Hägele betreut die, die ihren Bundesfreiwilligendienst (BuFDi) im Theater Münster absolvieren.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke ist Regie-Hospitantin und behält besonders die Requisiten im Auge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Bundesfreiwilligendienst am Theater Münster Foto: Gunnar A. Pier
  • Paula Brocke ist Regie-Hospitantin und behält besonders die Requisiten im Auge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Tabea Stockbrügger sucht im Fundus des Theaters passende Kostüme heraus.

    Foto: Gunnar A. Pier

Die Münsteranerin hat vor einem Jahr am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Abitur gemacht. Ihre Mutter gab ihr den Tipp mit dem Bundesfreiwilligendienst am Theater. Paula bewarb sich – und wurde genommen. „Ich selbst habe schon viel Theater gespielt“, erzählt sie am Rande der Probe, „aber eher bei freien Gruppen. Das Theater Münster hatte ich bisher nicht so auf dem Schirm“, gibt die junge Frau lachend zu. „. . . auch wenn das jetzt irgendwie unlogisch klingt.“

Es hat Tradition, dass wir Bundesfreiwillige am Theater beschäftigen.

Dramaturg Peter Hägele

Dramaturg Peter Hägele, der mit dem Regisseur, der Regieassistentin und der Video-Einspielerin ebenfalls im Parkett hockt, sagt: „Es hat Tradition, dass wir Bundesfreiwillige am Theater beschäftigen.“ Und setzt nach: „Immer zwei. Und meistens junge Damen!“ Wieso das? Hägele zuckt die Achseln: „Frauen sind bei den schönen Künsten einfach stärker vertreten.“

Paula trägt eine karierte Bluse und robuste Schuhe mit Blumenmuster. „Sechs Wochen dauert der Probenprozess für ein neues Stück“, erzählt sie im Flüsterton, um Regisseur Gregor Tureček nicht beim Gespräch mit den Akteuren zu stören. „Die ersten vier Wochen haben wir auf der Probebühne gearbeitet, seit dieser Woche sind die Bühnenproben dran.“

Wellensittiche als Requisiten

Für den Einwand der Probenbeobachterin, nach 45 Minuten immer noch nicht genau zu wissen, worum es in dem Stück eigentlich geht, hat Paula Blocke ein verständnisvolles Lächeln übrig. „Das ist ganz normal. Ein Stück entwickelt sich“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir liegen diesmal sogar sehr gut in der Zeit.“ Die junge Frau weiß, wovon sie spricht. Beim Weihnachtsstück „Meisterdetektiv Kalle Blomquist“ hat sie auch schon hospitiert.

Der Dienst im Büro des Jungen Theaters, das sich am Bült befindet, will natürlich auch erledigt werden. „Ich gucke die Post durch, checke die Mails, recherchiere nach Info-Material, um Mappen für die neuen Stücke zu erstellen.“ Manchmal muss sie Kostüme aus dem Fundus holen. Oder Requisiten besorgen, die das Theater nicht vorhält. Frischhaltefolie etwa. Oder, wie jüngst, zwei Wellensittiche.

Bundesfreiwilligendienst

Im Bundesfreiwilligendienst (BFD) engagieren sich Frauen und Männer (als Bufdis oder Bundesfreiwillige bezeichnet) für das Allgemeinwohl, insbesondere im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich sowie im Bereich des Sports, der Integration und des Zivil- und Katastrophenschutzes. Er ist 2011 als Initiative zur freiwilligen, gemeinnützigen und unentgelt­lichen Arbeit in Deutschland eingeführt worden. Der Bundesfreiwilligendienst wurde von der Bundesregierung als Reaktion auf die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 und damit auch des Zivildienstes geschaffen. Er soll die bestehenden Freiwilligendienste „Freiwilliges Soziales Jahr“ und „Frei­williges Ökologisches Jahr“ ergänzen und das bürgerschaftliche Engagement fördern. Ziel ist es unter anderem, das Konzept des Freiwilligendienstes auf eine breitere gesellschaftliche Basis zu stellen, da der Bundesfreiwilligendienst auch für Erwachsene über 27 Jahre offen ist.

...

Tägliche Anreise aus Dortmund

Inzwischen hat sich auch Tabea Stockbrügger im Kleinen Haus eingefunden. Die 19-Jährige mit dem auffälligen hellblauen Tuch im Haar reist täglich aus Dortmund an. Auch sie hat vor einem Jahr Abitur gemacht und in der Schulzeit Theater gespielt. Und Cello. Für den Bundesfreiwilligendienst, so sagt Tabea, „habe ich mich entschieden, um den Theaterbetrieb besser kennenzulernen“.

Während Paula donnerstags mit Schauspielerin Andrea Spicher den Jugendclub betreut, kümmert sich Tabea montags und samstags um das TheaterJugendOrchester-Projekt. 24 Teilnehmer zwischen 16 und 23 Jahren umfasst es. Derzeit laufen die Proben für das Musical „Schöne Neue Welt“, das Ende April Premiere hat.

Ich richte die Bühne ein und räume sie zwischen zwei Vorführungen auf. Ich begrüße die Eltern und Kinder und erzähle etwas über das Konzept des Stückes.

Tabea Stockbrügger

Daneben, so erzählt Tabea im Büro, hat sie Vorstellungsdienste bei den „Krabbelkonzerten“ für Kleinkinder und bei Produktionen des Jungen Theaters. Was das bedeutet? „Ich richte die Bühne ein und räume sie zwischen zwei Vorführungen auf. Ich begrüße die Eltern und Kinder und erzähle etwas über das Konzept des Stückes.“

Auf einem großen Plan im Büro sind auch die Seminare verzeichnet, bei denen Paula und Tabea als Bufdis pädagogisch begleitet werden. Beim ersten haben sich Bundesfreiwillige aus ganz Deutschland getroffen. Inzwischen tauschen sich die 27 Bufdis, die in städtischen Einrichtungen eingesetzt sind, im Jugendinformations- und Bildungszentrum an der Hafenstraße aus. Dort hat die Koordinationsstelle ihren Sitz.

Das Theater Münster in Bildern

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  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Szene aus "Gloria".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Theater um 1956

    Foto: Erwin Schwarzer (Wiesbaden), Städtische Bühnen Münster
  • Götz Alsmann beim Neujahrskonzert am 1. Januar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Szene aus dem Stück "Gloria"

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Beim 10. Sinfoniekonzert am 5. Juli 2016 im Theater Münster spielen das Sinfonieorchester Münster, das Philharmonische Orchester Hagen, der Konzertchor Münster und die Capella Vocale Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura die Sinfonie Nr.2 c-Moll von Gustav Mahler.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Theater von außen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Generalmusikdirektor Golo Berg.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 30. März 2013 ist der Sänger Tim Fischer mit seinem Programm "Zarah ohne Kleid" zu Gast im Großen Haus des Theaters Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Podiumsdiskussion am 29. April 2013 im Kleinen Haus des Theaters Münster zum Auftakt der Diskussionsreihe "Wie viel Kultur braucht eine Stadt - und wozu?" (von links): Kathrin Tiedemann (Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Forum Freies Theater, Düsseldorf), Prof. Dr. Ulrike Haß (Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Theaterwissenschaft,
    Ruhr-Universität Bochum), Prof. Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters Berlin/Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein), Stefan Keim (Westdeutscher Rundfunk/WDR, Köln), Dr. Hans-Georg Küppers (Kulturreferent der Stadt München/Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetags), Matthias Lückertz (Vorsitzender der Kaufmannschaft Münster/Vorsitzender der »Initiative Starke Innenstadt Münster e.V.«) und Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg (Direktor der Katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus, Münster/ MDL).

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 20. Mai 2013 geben Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys ein Konzert im Theater Münster, Großes Haus. Das Programm trägt den Titel "Musik für schwache Stunden...".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der damalige Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura beim Neujahrskonzert am 1. Januar 2015.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Neujahrskonzert am 1. Januar 2015 mit Götz Alsmann und der Alsmann-Band, der Sopranistin Henrike Jacob, Fabrizio Ventura und dem Sinfonieorchester der Stadt Münster im Theater Münster / Großes Haus.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Neujahrskonzert am 1. Januar 2015 mit Götz Alsmann und der Alsmann-Band, der Sopranistin Henrike Jacob, Fabrizio Ventura und dem Sinfonieorchester der Stadt Münster im Theater Münster / Großes Haus.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 22. Oktober 2015 ist Frank Goosen mit dem Programm "Durst und Heimweh - Geschichten von unterwegs" zu Gast im Kleinen Haus des Theater Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 24. Oktober 2015 ist Ulrike Kriener mit dem Programm "Und wenn es Liebe wär'..." im Kleinen Haus des Theaters Münster zu Gast.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nur noch Formsache waren im August 2015 die Unterschriften unter dem Vertrag: Bis Ende der Spielzeit 2021/22 bleibt Dr. Ulrich Peters (l.) Generalintendant in Münster. 

    Foto: Presseamt Münster/ MünsterView / Witte
  • Beim 10. Sinfoniekonzert am 5. Juli 2016 im Theater Münster spielen das Sinfonieorchester Münster, das Philharmonische Orchester Hagen, der Konzertchor Münster und die Capella Vocale Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura die Sinfonie Nr.2 c-Moll von Gustav Mahler.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Beim 10. Sinfoniekonzert am 5. Juli 2016 im Theater Münster spielen das Sinfonieorchester Münster, das Philharmonische Orchester Hagen, der Konzertchor Münster und die Capella Vocale Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura die Sinfonie Nr.2 c-Moll von Gustav Mahler.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der damalige Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura beim Neujahrskonzert am 1. Januar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der damalige Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura beim Neujahrskonzert am 1. Januar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Gebäude bei Nacht im Februar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Gebäude bei Nacht im Februar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Robert Atzorn liest mit Angelika Atzorn "Arthur und Adele", Kleines Haus im Theater Münster am 10. Februar 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Thorsten Schmid-Kapfenburg, 2. Kapellmeister am Theater Münster,

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dr. Ulrich Peters beim Pressegespräch im Theater Münster am 1. März 2017.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Pressegespräch im Theater Münster am 1. März 2017. Hintere Reihe v.l. Intendant Dr. Ulrich Peters, Schauspieldirektor Frank Behnke, Julia Dina Hesse (Leiterin Junges Theater), Generalmusikdirektor Golo Berg (ab Saison 2017/18)
    Vordere Reihe v. l. Hans Henning Paar (Künstlerischer Leiter Tanztheater), Verwaltungsdirektorin Rita Feldmann, Operndirektorin Susanne Ablass

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Stefan Veselka, 1. Kapellmeister am Theater Münster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Gebäude um 1956.

    Foto: © Stadtmuseum Münster, Sammlung Heller
  • Linn Sanders (oben), Bálint Tóth, Carolin Wirth in "Ronja Räubertochter".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Claudia Hübschmann, Linn Sanders, Andrea Spicher in "Demut vor deinen Taten, Baby".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Ilja Harjes und Hubertus Hartmann in "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Christian Bo Salle und Bálint Tóth, Statisterie in "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Mirko Roschkowski, Gregor Dalal und Sebastian Campione in "Der Freischütz".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Foto: Jürgen Peperhowe
  • Foto: Oliver Berg
  • Foto: Oliver Berg
  • Maria Bayarri Pérez und Keelan Whitmore in "Back, Immortalis".

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Mit den Schauspielern auf Augenhöhe

Dass sie mit den Schauspielern des Theaters auf Augenhöhe arbeiten, dass sie auch bei Premierenfeiern oder Proben-Bergfesten eingeladen sind, gefällt beiden. Aber anders als Tabea, die sich vorstellen kann, in Zukunft im künstlerischen Bereich zu arbeiten, weiß Paula, dass ihr Weg nicht zum Theater führten wird. „Ich bin seit September erwachsener geworden, habe viel Positives dazugelernt.“ Aber sie hat auch erfahren: „Wenn du Schauspieler bist, musst du mit Herzblut dabei sein.“ Was aber den Bundesfreiwilligendienst am Theater betrifft, urteilt sie: „Kreativer als hier kriegt man es nicht.“

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