Interview mit jüdischer Studentin
„Ich will kein Opfer sein“

Münster -

Der Antisemitismus nimmt zu – überall in Europa, auch in Deutschland. Die münsterische Studentin Dana Glikman berichtet von ihren Erfahrungen – und betont, dass ihre Leidensfähigkeit durchaus begrenzt ist.

Samstag, 23.03.2019, 20:00 Uhr
Dana Glikman (26) ist Doktorandin an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU).
Dana Glikman (26) ist Doktorandin an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU). Foto: kal

Seit 15 Jahren lebt Dana Glikman in Deutschland. Geboren wurde die Jüdin in Jerusalem, ihre Eltern stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die 26-Jährige, die inzwischen deutsche Staatsbürgerin ist, lebt seit drei Jahren in Münster. An der Universität promoviert sie in Physikalischer Chemie. Unser Redakteur Martin Kalitschke sprach mit Dana Glikman über das Thema Antisemitismus.

Frau Glikman, europaweit nimmt der Antisemitismus seit Jahren immer mehr zu. Haben Sie auch schon mal negative Erfahrungen gemacht?

Dana Glikman: In meiner Jahrgangsstufe am Gymnasium in Düsseldorf waren mehrere jüdische Schüler. Da wurde von anderen Schülern durchaus mal beleidigend „Du Jude!“ gerufen. Vor einer Bibliothek in Münster habe ich mich vor ein paar Wochen mit einem Studenten unterhalten, der aus dem arabischen Raum stammte. Als ich sagte, dass ich Israelin bin, ließ er mich einfach stehen. Was meine Arbeit an der Universität betrifft, befinde ich mich allerdings in Sachen Antisemitismus in einer Blase, das ist dort kein Thema.

Bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in der vergangenen Woche beklagten gleich mehrere Redner den zunehmenden Antisemitismus. Was hören Sie von anderen Juden in Deutschland?

Glikman: Mein Bruder lebt in Berlin. Dort ist es wirklich schlimm geworden mit dem Antisemitismus. Meine Mutter hat ihm kürzlich aus Angst verboten, weiterhin die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Er hält sich allerdings nicht dran. Im Vorbeigehen ist er schon mal als „Drecksjude“ beschimpft und bespuckt worden. Aber mehr ist ihm zum Glück noch nicht passiert. Er ist sehr groß und kräftig, das schützt ihn vielleicht.

Was bewirken solche Erfahrungen bei Ihnen?

Glikman: Dass ich in der Schule beschimpft wurde, hat schon an mir genagt. Ich bin allerdings von meinen Eltern so erzogen worden, dass ich niemals zu einem Opfer werden soll. Das war meinen Eltern immer sehr wichtig. Ich glaube, dass es bereits einige Menschen frustriert hat, dass ich nicht auf ihre Bemerkungen über Juden eingegangen und so auch nicht zu einem Mobbingopfer geworden bin. Ich kenne aber auch Leute, bei denen das anders war.

Zum Beispiel?

Glikman: Eine russisch-stämmige Bekannte hat eine Hauptschule besucht und dort schlimme Erfahrungen gemacht. Sie musste schließlich die Schule wechseln.

Was glauben Sie – wird in Deutschland Antisemitismus ausreichend von der Öffentlichkeit registriert?

Glikman: Nicht genug, ist mein Eindruck. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland zwei jüdische Mädchen vergewaltigt und ermordet. In den jüdischen Zeitungen war das ein großes Thema. In anderen Zeitungen spielte es jedoch nur am Rande oder gar nicht eine Rolle, dass es sich bei den Opfer um Jüdinnen handelte. Auf der anderen Seite gibt es Personen oder Gruppen, die sich sehr stark mit dem Thema auseinandersetzen. Ahmad Mansour zum Beispiel, ein ganz toller Mensch, ich kenne ihn persönlich. Er spricht gezielt arabische Jugendliche an mit dem Ziel, ihren Antisemitismus und ihren Israel-Hass zu brechen. Oder das Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ aus Duisburg von Burak Yilmaz.

Was macht das Projekt?

Glikman: Der Verein fährt mit jungen Muslimen ins einstige Konzentrationslager Auschwitz. Dort sollen sie lernen, dem Judentum offen und vorurteilsfrei zu begegnen, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Wenn man sich mit dem Antisemitismus nicht aktiv auseinandersetzt, dann wird er sich weiter ausbreiten. Bei mir in der Schule war der Holocaust zwar jahrelang Thema – doch es ging nur um Daten und Ereignisse. Die Frage, wie es so weit kommen konnte, wurde hingegen nie diskutiert.

Sie sprachen vorhin von arabischem Antisemitismus – macht Ihnen auch der Antisemitismus von rechts Angst?

Glikman: Ja natürlich, die AfD macht mir große Angst, durch sie ist Rassismus salonfähig geworden. Dass sie zunächst die Migration begrenzen wollte, fand ich richtig, da auf diesem Weg auch Juden- und Israel-Hass importiert wird. Doch heute schürt die AfD selbst nur noch Angst und Hass. Nebenbei: Rechtsradikale sind auch eine Bedrohung für die muslimischen Mitbürger in diesem Land. Auf der anderen Seite glaube ich, dass sich der Islam noch stärker in die westliche Gesellschaft einfinden muss. Immerhin: Dieser Prozess hat bereits begonnen. Es wäre gut, wenn dabei Menschen wie Ahmad Mansour und der islamkritische Wissenschaftler Hamed Abdel-Samad von der Politik noch ernster genommen würden.

Noch einmal zurück zum Duisburger Auschwitz-Projekt. Würden Sie es begrüßen, wenn jeder Schüler einmal Auschwitz besucht?

Glikman: Ich war selbst noch nicht da und würde es mental auch noch nicht schaffen. Ich denke, es reicht, wenn man Auschwitz in Projektwochen thematisiert oder Gedenkstätten besucht. Es wäre auch gut, wenn jeder Nichtjude einmal einen Juden treffen würde. Doch so viele Juden gibt es ja leider nicht in Deutschland.

Haben Sie sich in Deutschland schon mal wirklich bedroht gefühlt?

Glikman: Ja, 2014, beim letzten Gaza-Krieg. Damals spielte ich mit dem Gedanken, meine Koffer zu packen und nach Israel zurückzugehen. Es herrschte eine sehr negative Stimmung gegenüber Juden und Israel. Meiner Einschätzung nach war damals die Polizei überfordert. Als ich in Düsseldorf für Israel protestierte, hatte ich wirklich Angst.

Sie sind dennoch geblieben. Für immer?

Glikman: Ich trage immer eine Kette mit Davidstern um den Hals. Wenn das nicht mehr möglich ist, ohne Angst zu haben, dann werde ich Deutschland in Richtung Israel verlassen. Dann will ich nicht, dass meine Kinder in einem solchen Land aufwachsen müssen. Aktuell sehe ich das aber noch nicht. Ich muss sagen, dass ich auch nur schweren Herzens meine Koffer packen würde, denn ich schätze Deutschland und die deutsche Gesellschaft sehr.

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