Meyer macht's: Redakteur im Schlaflabor
Die Vermessung der Nachtruhe

Münster -

Kaum einer redet darüber, aber Millionen tun es. Die Rede ist vom Schnarchen, das lästig ist, bisweilen aber auch auf konkrete Gefahren hindeutet. Der Schlaf unseres Redakteurs Björn Meyer stellt Schlafmediziner derweil vor ein Problem.

Sonntag, 24.03.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 24.03.2019, 11:39 Uhr
Nicht nur am Kopf, auch an Brust und Beinen wird der Patient bei der Polysomnographie im Schlaflabor verkabelt.
Nicht nur am Kopf, auch an Brust und Beinen wird der Patient bei der Polysomnographie im Schlaflabor verkabelt. Foto: Oliver Werner/ Meyer

Meine Ehe hat ein Problem. Ich schnarche. Das jedenfalls behauptet meine Frau. Ich selber bekomme davon aus nachvollziehbaren Gründen eher weniger mit – es sei denn, ich werde wach, wenn meine Frau mal wieder an mir rüttelt oder aus Verzweiflung, weil ich angeblich nicht aufwache, gegen meine Beine tritt.

So wie bei uns ist das, auch wenn niemand so wirklich gerne darüber spricht, in Millionen anderer Ehebetten auch. Rund jeder vierte Deutsche schnarcht laut Zahlen der Landeszen­trale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz. Für den Partner ist das mindestens lästig bis hin zu maximal unangenehm, für den Schnarcher drohen noch ganz andere Folgen. Trotzdem sucht längst nicht jeder einen Ausweg aus dieser Misere.

Kein erholsamer Schlaf mehr

„Viele haben Angst, dass, wenn sie zu uns kommen, sie für immer eine Schlafmaske tragen müssen“, sagt Schlafmediziner Dr. Hans-Jörg Vieregge, der gemeinsam mit Dr. Arne Wichmann, Dr. Uwe Hemmers und Dr. Bernhard Schmidt die Gemeinschaftspraxis für Lungen- und Bronchialheilkunde im Franziskus-Carré betreibt, zu der auch ein Schlaflabor gehört.

Männer, sagt Vieregge, kämen vor allem aus zwei Gründen. Weil sie von ihrer Frau geschickt würden, oder aber, weil sie bereits eine relevante Tagesmüdigkeit verspüren. „50 Jahre alt und übergewichtig. Das ist der klassische Fall, der zu uns kommt. Aber Schlafapnoe kann auch jüngere Menschen betreffen“, stellt Vieregge klar.

Schlafapnoe – unbewusste Atempausen, die mehr als eine Minute dauern können – kann die Ursache von vielem sein, was falsch läuft im Körper. Denn Schlafapnoe-Patienten haben keinen erholsamen Schlaf mehr. Müdigkeit, mangelndes Leistungsvermögen, Konzentrationsschwächen, sogar eine schwache Potenz können die Folge sein. Aber auch internistische Krankheiten wie etwa Bluthochdruck können aus Schlafapnoe resultieren.

Schauervorstellung: Schlaflabor

Sobald man gewisse Anzeichen erkenne, spätestens aber wenn die ersten Beschwerden auftreten, empfehle sich, die Situation genauer zu checken, rät Vieregge. Trockener Mund, häufiges Erwachen, Schweißausbrüche oder morgendliche Kopfschmerzen können auf Probleme hindeuten. Oder eben noch einfacher: „Ausgeprägtes Schnarchen ist die Vorstufe zur Atempause. Von dort ist der Weg nicht mehr weit“, sagt Vieregge.

Um zu erfahren, was im eigenen Schlaf los ist, gibt es Schlaflabore. Für so manchen eine Schauervorstellung. Auch ich komme mit einer Idee und einem mulmigen Gefühl zu Dr. Vieregge, um das Schlaflabor zu testen, und erfahre, dass ich bereits einen Schritt zu weit gegangen bin. „Zunächst messen wir ambulant“, holt Vieregge mich auf den Boden der Realität zurück. Für die sogenannte Polygraphie bekomme ich ein kleines Köfferchen ausgehändigt. Darin, aus Sicht eines Laien, enthalten: ein Kästchen, ein paar Gurte und Schläuche sowie ein Messgerät für den Puls. Das alles gilt es sich vor dem Zu-Bett-gehen anzulegen und dann eine Nacht zu schlafen.

Aufgezeichnet werden Atemfluss- und Atempausen, Bewegungen von Bauch und Brustkorb, die Sauerstoffsättigung, die Intensität des Schnarchens, Puls und Blutdruck sowie die Schlafposition. Hört sich unbequem an und ist es auch – jedenfalls beim ersten Eindruck. „Ähm, wie viele beschweren sich denn, dass sie damit nicht einschlafen können“, frage ich ebenso vorsichtig wie grinsend die freundliche Arzthelferin, die mir das Gerät in der Praxis probeweise anlegt und dabei bereits alles Notwendige einstellt. „Irgendwann schläft man vor Erschöpfung ein“, entgegnet sie ohne große Regung. Ich grinse nicht mehr.

Leiden für die Wissenschaft

Noch am selben Abend lege ich mir das Gerät zu Hause selber an. Ich zurre Bauch- und Brustgurt fest, klemme die Nasenbrille fest und klippe ein Messgerät an meinen Finger. Das tut nicht weh, der durch das Gerät erzeugte Druck ist aber etwas zu stark, um einfach darüber hinwegzusehen. Sei es drum, alles klappt – bis ich an den letzten Punkt der Beschreibung komme. Per Schieberegler sei das Gerät anzuschalten. „Da hat die Dame aber nichts von gesagt“, denke ich mir, während ich krampfhaft versuche, an dem Gerät auf meiner Brust einen Regler zu finden. Es gelingt mir nicht.

Ich überprüfe genauer, ich schaue mir erste Videos im Internet an und öffne schließlich die ausführliche Beschreibung des Geräts online. Doch der Schalter bleibt verborgen. Irgendwann bemerke ich, dass mittlerweile ein grünes Lämpchen an dem Gerät leuchtet, es hat sich getreu der eingegebenen Uhrzeit von selber eingeschaltet. Genau so war es mir auch gesagt worden, erinnere ich mich jetzt ganz deutlich. Ich bette mich zu Ruhe und erwarte ob der Röhrchen in meinen Nasenlöchern das Schlimmste – und liege daneben, denn ich schlafe schnell ein.

Die ersten Stunden sind offenbar geruhsam. Erst als ich gegen 5 Uhr aufwache, habe ich ob der Schläuche einige Probleme, wieder einzuschlafen. Die Verbindung zum Blutdruckmesser hat sich verheddert. Aus Sorge, die Messung zu stören, lasse ich die Situation wie vorgefunden. Das hat zur Folge, dass ich nur noch auf einer Seite liegen kann. Drehe ich mich herum, muss ich einen Arm so stark anwinkeln, dass an Einschlafen nicht zu denken ist. Leiden für die Wissenschaft.

Schlafen um 22 Uhr

Am nächsten Morgen stehe ich wieder in der Praxis im Franziskus-Carré. Nach wenigen Minuten sind die Ergebnisse meiner Nacht ausgelesen. Ich nehme bei Dr. Vieregge Platz. Es ist der Moment, in dem Patienten die Wahrheit über ihren Schlaf erfahren. Zu meiner komme ich später.

Zwei Wochen darauf fahre ich abends zum Schlaflabor. Hier, zur Polysomnographie, kommt nur hin, wem durch die Polygraphie Schlafunregelmäßigkeiten offenbart wurden. In meinem Fall war der Termin aber ganz unabhängig davon bereits vereinbart. Ab 21 Uhr werden hier bis zu acht Patienten verkabelt. Mich hat man für 22 Uhr bestellt – nicht gerade meine übliche Schlafenszeit.

Verkabelt im Einzelzimmer

Dafür überrascht mich die Örtlichkeit. Keine Pritsche in einem sterilen Labor, in dem im Hintergrund das Piepsen irgendwelcher Messgeräte zu hören ist. Dafür ein Einzelzimmer mit Fernseher und eigenem Badezimmer. Da solle ich auch schleunigst noch mal hingehen, rät man mir, denn ist man erst mal verkabelt, ist ein Gang aufs stille Örtchen aus eigener Kraft nicht mehr möglich. Nachdem ich bettfertig bin, werde ich verkabelt.

Zusätzlich zu den bereits mobil vorgenommenen Messungen werden mittels EKG der Herzrhythmus und etwaige Störungen sowie per EEG die Aktivitäten des Gehirns gemessen, um die verschiedenen Schlafphasen zu ermitteln. Außerdem werden meine Beine verkabelt, um mögliche Bewegungsstörungen zu erfassen. Dazu blickt direkt neben dem Fernseher unter der Zimmerdecke eine Infrarotkamera auf mich herunter.

Um 5.30 Uhr auf dem Schlaf gerissen

„Sie werden nicht gut schlafen“, sagt mir Schwester Vanessa. Ich schätze – sie hat nicht nur recht – sondern auch ihre Ehrlichkeit. Damit die Kabel gut halten, werden sie zusätzlich am Körper festgetapt. Das leichte Ziepen an meinen Beinen lässt mich das nicht vergessen.

Bevor Schwester Vanessa geht, erklärt sie mir noch in aller Ruhe das folgende Prozedere. Zwischen 4.30 und 5.30 Uhr werde ich entkabelt, höre ich sie sagen. Ich bin mir sicher, ich habe mich verhört. „Vier-Uhr-dreißig?“, frage ich nach. „Wahrscheinlich etwas später“, sagt sie, und ich meine, ein Lächeln in ihrem Gesicht wahrzunehmen.

Wieder schlafe ich den Umständen entsprechend gut ein. Wohlweislich bin ich am Tag zuvor extra spät ins Bett gegangen. Doch ab 2 Uhr, nach vielleicht knapp drei Stunden Schlaf, wache ich regelmäßig auf. Um 5.06 rechne ich damit, dass jeden Moment jemand ins Zimmer kommt. Offenbar meint man es aber gut mit mir. Erst gegen 5.30 Uhr werde ich aus meinem erneuten Schlaf gerissen. Bevor ich mich versehe, sind bereits sämtliche Verkabelungen – und das Tape – von meinem Körper per schnellem Ziehen entfernt.

Gute Konzepte für größere Probleme

Auf meinem Nachttisch liegt ein Gutschein für ein Frühstück in der Mitarbeiterkantine. Den, so erfahre ich später, bekommt jeder Patient des Schlaflabors. Gegen 7.45 Uhr haben sich Dr. Vieregge und Dr. Wichmann bei mir angekündigt. Bis dahin kann ich meine Zeit frei einteilen. Ich sollte jetzt vermutlich meine Eindrücke der Nacht aufschreiben, bin dafür aber viel zu müde.

Nach dem Frühstück habe ich mich gefangen. Dr. Vieregge ist früher als angekündigt im Schlaflabor. Beim Blick auf meine Daten sagt er: „Sie haben aber gut geschlafen.“ Offenbar sind meine Daten, wie schon bei der mobilen Messung, wenig besorgniserregend. Lediglich das bei der mobilen Messung gefällte und von mir zu Hause stolz verkündete Urteil: „Sie haben ja kaum geschnarcht“, wird korrigiert. Phasenweise, unabhängig von der Schlafposition, hat sich das elende Gerät erdreistet, ein Schnarchen aufzuzeichnen.

Das deckt sich zu meinem Missfallen mit den Beschreibungen meiner Frau. Alles andere passt, gute Sauerstoffsättigung, rund 30 Prozent Tiefschlafanteil. „Bleiben Sie schlank, dann bekommen Sie vermutlich keine Probleme“, sagt Dr. Vieregge. „Hier fängt eigentlich unser Problem an. Für die größeren Probleme haben wir gute Konzepte“, sagt der hinzugekommene Dr. Wichmann.

Kein Fall für den Schlafmediziner

Für denjenigen, der nur schnarche, gebe es dagegen weniger Möglichkeiten. Gewicht reduzieren und mit dem Rauchen aufhören, sind zwei mögliche Lösungsansätze, die zumindest in meinem Fall entfallen. Wobei, auch das macht Vieregge deutlich: „Auch Normgewicht schließt die Entwicklung von Schnarchen und Atempause nicht aus.“

Eine Lagerungsbandage oder eine Zahnschiene, eine sogenannte progenierende Ausbissschiene, kommen zudem als mögliche Lösungen in Betracht. Abgeraten wird mir dagegen von „einer ganzen Menge Schund aus dem Internet“, so Wichmann. Fortan sei ich aber kein Fall mehr für den Schlafmediziner, sondern wenn überhaupt eher für den Hals-Nasen-Ohrenarzt. Für mich bedeutet das: Ich bin kerngesund. Nur meine Frau, die hat ein Problem.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6489912?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker