Insolvenzverschleppung und gewerbsmäßiger Betrug
Online-Händler bringt Hunderte Kunden ums Geld

Münster -

Kunden machten Anzahlungen für Badewannen, Whirlpools oder Couchgarnituren: Doch der Online-Handel lieferte nicht. Für einen Schaden von mehr als 630.000 Euro steht nun der frühere Geschäftsführer vor Gericht.

Montag, 25.03.2019, 18:15 Uhr aktualisiert: 26.03.2019, 12:01 Uhr
Das Landgericht in Münster verhandelt den Fall eines inzwischen insolventen Online-Handels. 
Das Landgericht in Münster verhandelt den Fall eines inzwischen insolventen Online-Handels.  Foto: dpa

In den ersten Jahren scheinen die Geschäfte zu laufen. Der Online-Handel mit Möbeln und Sanitärprodukten eröffnet sogar einen Ausstellungsraum an der Siemensstraße. Doch als ein neuer Lieferant keine langen Zahlungsziele mehr einräumt, gerät das Geschäftsmodell ins Wanken. Von einem „Schneeballsystem“ spricht die Staatsanwältin in ihrer Anklage, weil nur dank neuen Kundenanzahlungen ältere Geschäfte finanziert werden konnten. Im Mai 2012 soll die Gesellschaft zahlungsunfähig und überschuldet gewesen sein.

Keinen Insolvenzantrag gestellt

Dennoch habe der damlige Geschäftsführer entgegen seiner gesetzlichen Verpflichtung keinen Insolvenzantrag gestellt, sondern stattdessen die Bücher geschönt sowie weitere Bestellungen und Geld in dem Wissen entgegengenommen, die Waren wohl nicht mehr liefern zu können. So jedenfalls stellt die Vertreterin der Anklage die Geschäftspraxis dar. In rund 440 Fällen soll Kunden dadurch ein Schaden von insgesamt mehr als 630 000 Euro entstanden sein. Dafür muss sich seit Montag ein heute 43 Jahre alter Mann aus Münster wegen Insolvenzverschleppung, Bankrotts und gewerbsmäßigen Betrugs vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts verantworten.

Anwalt kündigt Geständnis an

Die Zeichen stehen für den bislang vorstrafenfreien Groß- und Außenhandelskaufmann gut, im Fall eines umfangreichen und glaubhaften Geständnisses, was sein Anwalt ankündigt, mit einer maximal zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung rechnen zu müssen. Denn angesichts des komplexen Sachverhalts macht das Gericht nach klärendem Vorgespräch mit dem Angeklagten und der Staatsanwaltschaft einen solchen Verständigungsvorschlag. Dabei soll der Großteil der Fälle eingestellt werden.

Ich glaube, dass wir einen guten Mittelweg wählen.

Der Vorsitzende Richter

„Ich glaube, dass wir einen guten Mittelweg wählen“, erklärt der Vorsitzende Richter ans Publikum im Saal gewandt. Andernfalls würde sich das Verfahren „sehr, sehr lange hinziehen“. Und eine wesentlich höhere Strafe sei am Ende nicht zu erwarten, stellt das Gericht klar. Schließlich wirkt sich auch die schon lange Dauer des gesamten Verfahrens, das wegen dringender Haftsachen immer wieder zurückstehen musste, zugunsten des Angeklagten aus.

Als Gabriele Heerdt all das hört, schüttelt sie nur mit dem Kopf. Sie ist eines der vielen Opfer. 2700 Euro für eine Ledercouch habe sie dem Angeklagten einst überwiesen, bekommen hat sie nichts. Zum Prozessauftakt ist sie aus Dortmund angereist, um zu gucken, wie die Justiz mit ihrem Fall und den vielen anderen umgeht.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6497031?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker