Tagung zu politischen Botschaften in der deutschen Musik
„Pop kann großen Einfluss nehmen“

Münster -

Ist Pop politisch? Aber wie! Welche Botschaften in welcher Musik versteckt sind, will Dr. Kerstin Wilhelms vom Germanistischen Institut der WWU während einer Tagung in Münster herausfinden. Wir haben vorab mit ihr darüber gesprochen.

Dienstag, 26.03.2019, 10:00 Uhr
In manchen Liedern sind die politischen Botschaften eindeutig, beispielsweise im Punk. Im Schlager wie von Helene Fischer hingegen eher unterschwellig, sagt Dr. Kerstin Wilhelms vom Germanistischen Institut der WWU.
In manchen Liedern sind die politischen Botschaften eindeutig, beispielsweise im Punk. Im Schlager wie von Helene Fischer hingegen eher unterschwellig, sagt Dr. Kerstin Wilhelms vom Germanistischen Institut der WWU. Foto: Jens Kalaene/dpa

Von Mittwoch bis Freitag (27. bis 29. März) veranstaltet das Germanistische Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) die Tagung „The Sound of Germany“. Gemeinsam mit Dr. Immanuel Nover von der Universität Koblenz möchte Dr. Kerstin Wilhelms von der WWU mit den Teilnehmenden herausfinden, welche politischen Botschaften es im deutschen Pop gibt. Redaktionsmitarbeiterin Melanie Ploch hat mit ihr gesprochen.

Wie politisch ist der deutsche Pop?

Dr. Kerstin Wilhelms: Man kann nicht sagen: Der deutsche Pop ist zu 75 Prozent politisch. Die Frage richtet sich auf die Art und Weise, wie Pop politisch ist. Das kann er einerseits sein, indem er deutliche Botschaften enthält, andererseits indem er selbst zum Politikum wird. Das merkt man derzeit an einigen Debatten, zum Beispiel nach der Echo-Preis-Verleihung oder bei den Konzerten in Chemnitz im letzten Jahr. Pop kann natürlich auch kritisch und subversiv sein.

In der Tagung sollen auch Antisemitismus und Sexismus eine Rolle spielen. Kennt man das nicht eher vom deutschen Rap?

Wilhelms: Der deutsche Rap ist ein wichtiger Bestandteil des deutschen Pop. Der Pop-Begriff ist breit: Wir untersuchen zum Beispiel auch Neo-Schlager à la An­dreas Gabalier. Der Hip-Hop und der Rap gehören auf jeden Fall auch dazu. Grundsätzlich gibt es schon politische Strömungen im Pop, wo man diese klaren Botschaften eher findet, zum Beispiel im Punk, aber auch im Hip-Hop, während man zum Beispiel im Schlager nicht sofort danach suchen würde. Trotzdem finden sich auch dort durchaus politische Inhalte, denen wir nachgehen müssen.

Gibt es Pop-Strömungen, denen man bestimmte politische Richtungen zuweisen kann?

Wilhelms: Es ist alles vorhanden. Man kann in verschiedenen Bereichen suchen. Jedoch lässt sich sagen, dass wir linke Botschaften zum Beispiel eher im Punk finden. Der Schlager scheint auf den ersten Blick überhaupt nicht politisch. Da wird es dann erst mit dem zweiten Blick politisch.

Gibt es da Beispiele?

Wilhelms: Vor einigen Wochen hat Andreas Gabalier einen Preis verliehen bekommen. Daraufhin gab es in den sozialen Netzwerken und Medien eine Diskussion darüber, ob man jemandem einen Preis verleihen kann, der so offensichtlich ein – vorsichtig formuliert – traditionelles Geschlechterbild propagiert oder der zu homophoben Äußerungen neigt. Das sind Bereiche, wo auch der Schlager politisch wird. Wir sehen im gesamten Schlager, dass es eine gewisse Unterrepräsentiertheit von queeren Identitäten oder auch Menschen mit Migrationshintergrund gibt.

Gibt es auch andere Strömungen innerhalb des Pops, die für politische Weltbilder stehen?

Wilhelms: Es ist schwierig, das in Genres einzuordnen. Der Punk-Rock zum Beispiel ist traditionell eher ein linkes Feld. Doch es gibt auch Phänomene wie Böhse Onkelz oder Freiwild, die Punk machen, aber in einem ganz anderen politischen Kontext stehen.

Warum positioniert sich Musik politisch?

Wilhelms: Jede Art kultureller Kommunikation ist immer politisch. Es ist schwierig, gar nicht politisch zu sein, auch wenn man das nicht beabsichtigt. Selbst wenn Helene Fischer sich nicht politisch positionieren möchte, kann man die Texte doch darauf untersuchen, welches Geschlechterbild vermittelt wird. Pop muss nicht unbedingt von sich aus politisch intendiert sein, um politisch zu sein. An verschiedenen Skandalen sieht man, dass Pop-Phänomene, die gar nicht politisch gemeint waren, zum Politikum werden können.

Welchen Einfluss hat der deutsche Pop?

Wilhelms: In Zahlen ist das schwierig zu messen. Jedoch ist der Pop ein Alltagsphänomen; er ist omnipräsent um uns herum – und das den ganzen Tag: beim Einkaufen, beim Autofahren und beim Aufstehen, wenn der Radio-Wecker klingelt. Pop ist ein Medium, das, dadurch, dass er leicht konsumierbar ist, eine starke Verbreitung erfährt. Allein deshalb hat der Pop großes Potenzial, Einfluss zu nehmen und politische Positionen und Meinungen zu verbreiten. Da bietet der Pop zum Beispiel Jugendlichen sicherlich verschiedene Identitäts- und Identifikationsangebote.

Um welche Musiker wird es in Ihrer Tagung gehen?

Wilhelms: Das wird unterschiedlich sein: Wir untersuchen Schlager, wie Helene Fischer und Andreas Gabalier, Hip-Hop wie Alligatoah, oder Feine Sahne Fischfilet aus der Rock-Ecke. Wir versuchen, ein breites Feld der deutschen populären Musik abzudecken.

Zum Thema

Tagung „The Sound of Germany“, 27. März ab 13 Uhr, 28. und 29. März jeweils ab 10 Uhr, Germanistisches Institut, Schlossplatz 34, Raum 116. Jeder ist willkommen, keine Anmeldung nötig.

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