Torsten Sträter: „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“
Sokrates der Comedy-Kultur

Münster -

Torsten Sträter: Das ist der Sokrates der deutschen Comedy-Kultur. Mit seinem Programm „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“ hob er den Kongresssaal aus den Angeln, (fast) ohne Megafon-Fortissimo und Zoten-Kikeriki, ein Mann mit Mütze und blickdichter Lesemappe, der Fragen stellt, die schon Antworten geben: „Wie löst die ARD wohl die letzte Folge der Lindenstraße auf?“ Und vertieft sich in eine Mutter-Beimer-Vision als Untoter, die alles nur geträumt hat: Serienwahn ist, wenn alle im Kitsch wühlen und sich im Siebten Himmel wähnen.

Sonntag, 31.03.2019, 17:30 Uhr aktualisiert: 02.04.2019, 18:26 Uhr
Torsten Sträter hat die Ruhe weg. Und in der Ruhe liegt die Kraft für seine zündenden Sprüche.
Torsten Sträter hat die Ruhe weg. Und in der Ruhe liegt die Kraft für seine zündenden Sprüche. Foto: Moseler

Ein Tisch, ein Stuhl, ein Laptop, eine Tasse Kaffee, eine Flasche, ein Glas – klassisches Sträter-Setting. Die Vorhänge im Hintergrund leuchten violett, die Deckenverschalung strahlt knallrot wie eine Heizsonne. Anfangs tummeln sich eifrige Zwischenrufer im Parkett, einer brüllt Unverständliches. „Freu’ mich, dass du hier bist, zahlender Gast, obwohl du klingst, als wärst du ermäßigt reingekommen“, pariert Sträter lässig – rhetorische Tiefenentspannung im tendenziellen Yoga-Modus.

Es geht noch eine Weile hin und her, offensichtlich dominieren medial Eingeweihte und Superfans die kumpelhafte Großwetterlage. Dann ein unüberhörbar freundschaftliches Bekenntnis zu Dieter Nuhr: „Der hat mich bekannt gemacht, geiler Typ.“ Münster kriegt sein Fett ab: „Sieht aus, als fahren hier alle Liegefahrrad.“ Berlin-Bashing wird zur Show-Exposition, die unvermeidliche Flughafen-Pointe ist auch dabei.

Es sind die Mysterien der digitalen Welt, die dem Mann aus Waltrop definitiv Irritationen bescheren. Die Medien als Komplizen: „Warum machen die Tagesthemen was über die Produktmesse von Apple? Die sollen Nachrichten senden und nicht Reklame!“ Wozu viertausend Stunden Musik in der „Cloud“, Staubsauger-Roboter oder Glühbirnen mit Handyfunktion? Zwischen Moden als Marotten und dem Zeitgeist als Hirngespinst fällt der Satz des Abends: „Ist doch schön, wenn’s nicht eilt.“ Das klingt, als beschwöre Sträters Märchenonkel-Bariton die „gute, alte Zeit“.

Aber Sträter will nicht verstehen, Sträter kultiviert Staunen als Vorbedingung allen Verstehens: Denn es ist nie zu spät, unzeitgemäß zu sein.

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