Im Probenraum mit dem Trio Größenwahn
Komposition zur Not im Bulli

Münster -

Tausende Bands, Ensembles und Solokünstler musizieren auf Münsters Konzertbühnen. Das Publikum bekommt das Endprodukt präsentiert, doch die Entstehung bleibt im Verborgenen. In unserer Serie „Im Probenraum mit…“ schauen wir in die Werkstätten der Klangkünstler. Die sind immer ein Ort des Übens. Aber nie ausschließlich, sondern auch Wohnstube, Schlafzimmer oder Raum für Visionen. Im neuen Teil hat die Band Trio Größenwahn ihre Türen für uns geöffnet.

Mittwoch, 03.04.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 03.04.2019, 17:36 Uhr
Ihr Jugendtraum erfüllt sich am 29. Mai – der große Auftritt im Großen Haus des Stadttheaters vor 950 Zuschauern: Das „Trio Größenwahn“ (Christoph Kopp links, Lotta Stein und Christian Manchen rechts) begleitet Live-Zeichner Robert Nippoldt.
Ihr Jugendtraum erfüllt sich am 29. Mai – der große Auftritt im Großen Haus des Stadttheaters vor 950 Zuschauern: Das „Trio Größenwahn“ (Christoph Kopp links, Lotta Stein und Christian Manchen rechts) begleitet Live-Zeichner Robert Nippoldt. Foto: pesa

Der alte Güterbahnhof wirkt wie eine kleine dreieckige Insel zwischen unendlich vielen Gleisen. Die Hallen und Gebäude aus den Fünfziger Jahren werden seit 2006 nicht mehr von der Bahn genutzt, sondern von Dienstleistern und Kreativen wie der Ateliergemeinschaft Hafenstraße. Im Obergeschoss eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes, schreiben, lektorieren und illustrieren rund 20 Künstler Bücher. In schöner Regelmäßigkeit wird aber das Atelier des preisgekrönten Zeichners und Buchgestalters Robert Nippoldt von Menschen mit Federboa, Schiebermütze, Charlestonhose und Al-Capone-Schuh aufgesucht.

Das „Trio Größenwahn“ hat dort seinen Probenraum. Sängerin Lotta Stein, Pianist und Akkordeonist Christian Manchen, Kontrabassist und Snaredrummer Christoph Kopp sowie „Ersatzspieler“ Philip Ritter studieren ihre Zwanziger-Jahre-Songs ein, die die Live-Zeichnungen von Nippoldt kongenial in der Bühnenshow „Ein rätselhafter Schimmer“ begleiten. Im Hauptberuf sind sie Grafikdesignerin, Lehrer, Sozialarbeiter und Journalist. Aber bereits im Probenraum springen sie in eine andere Zeit, eine andere Musik, ein anderes Lebensgefühl. Dieser Zeittunnel steht am alten Güterbahnhof.

Nachbarn als Testpublikum rekrutiert

Obwohl man auf die Gleise spucken könnte, ist das Haus überraschend gut isoliert. „Bei den Proben wird auch einiges mit der Kamera ausprobiert, und wir machen auch visuelle Film-Noir-Licht- und Schatten-Experimente während des Musizierens mit Robert, der mit seiner Ukulele den Takt angibt“ sagt Christian Manchen. „Dort rekrutieren wir auch schon mal Ateliernachbarn als Testpublikum für neue Nummern“, sagt Lotta Stein.

Viele Ideen entstehen auf langen Autofahrten zu ihren Konzerten quer durch die Republik. „Man kann schon sagen, dass Christians Bulli unser zweiter Probenraum ist. Dort hat Christian mal aus dem Kopf einen vierstimmigen Chorsatz arrangiert und uns eingetrichtert.“ Es gibt nur einen Haken. „Leider hat keiner mitgeschrieben, und aus der Nummer ist nie etwas geworden.“

Süßes als Wachmacher

Denn eines kennzeichnet die Proben von „Trio Größenwahn“: Keine Probe ist wie die andere, es wird sehr viel besprochen, assoziiert, weitergesponnen, improvisiert und herumgealbert, etwa wenn der ehemalige Punk-Musiker Kopp mit dem Kontrabass wieder Rock‘n‘Roll tanzt. „Manche Probenzeit fällt auch sehr verkürzt aus, weil wir uns erstmal alles, was so passiert ist, erzählen müssen“, gesteht Manchen mit einem Lächeln. „Ich bin immer heilfroh, dass Robert meist einen riesigen Vorrat an Süßigkeiten im Atelier hat, die er loswerden will. Das hält wach.“ Genau diese herzliche Mischung lässt ihre moderne Zwanziger-Jahre-Musik so charmant und authentisch erscheinen.

Der musikalische Feinschliff steht im inoffiziellen, dritten Probenraum an: Manchens Wohnung im Kreuzviertel. Mit ihrem „Schimmer-Notizbuch“ sorgt Lotta Stein mit fröhlicher Autorität für Disziplin und Ordnung: „Da gibt es eine Liste mit allen To-Dos drin, die gründlich abgearbeitet werden.“

Wie zum Beispiel ihr Jugendtraum. „Als wir am Anfang noch vor 40 Leuten spielten, träumten wir vom Stadttheater-Gig“, sagt Christian. Am 29. Mai ist es soweit. Vor 950 Zuschauern präsentieren sie ihre Amüsier-Schau „Ein rätselhafter Schimmer“ mit Ausstellung und Zwanziger-Jahre-Party als Extras. Die Lindy-Hop-Tänzer „MonSwing“ und Tobias Karsten (Münster) sowie der Berliner Schellack-DJ Stephan Wuthe sind Spezialgäste. Konzertbesucher in Zwanziger-Jahre-Outfit bekommen auf der Party ein Freigetränk. Also auch Pianist Christian Manchen. Der lässt sich zu jedem Auftritt von seinen Kollegen die Hosenträger mitbringen. Als Glücksbringer.

Das Trio im Netz

Informationen zum Programm gibt es hier .

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