Großdemonstration der Bauern
Die Bühne der Ministerin: Julia Klöckner stellt sich Protestlern

Münster/Neuenkirchen -

„Wir schaffen es nicht mehr.“ Viele Landwirte fürchten um ihre Zukunft und sind am Donnerstag auf die Straße gegangen. Die Antwort der Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) gefiel dabei nicht jedem.

Donnerstag, 04.04.2019, 19:10 Uhr aktualisiert: 04.04.2019, 20:49 Uhr
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner warb in ihrer Rede um mehr Ehrlichkeit und Kompromissfähigkeit.
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner warb in ihrer Rede um mehr Ehrlichkeit und Kompromissfähigkeit. Foto: Wilfried Gerharz

Arno Londong ist seit fünf Uhr morgens unterwegs. Die grüne Mütze sitzt im münsterischen Regen nicht mehr ganz passend auf dem Kopf, den Traktor hat er abgestellt und ist jetzt mit seinen Kollegen aus Neukirchen-Vluyn auf dem Domplatz angekommen. „So geht es nicht weiter“, sagt der 54-Jährige Bauer vom Niederrhein. Kopfnicken bei seinen mitgereisten Kollegen. „Immer stärkere Auflagen, die hohe Pacht, dazu das Preisdiktat im Handel, ich könnte echt heulen und hinwerfen.“

6000 Bauern haben sich zur Kundgebung auf nach Münster gemacht, mit Trillerpfeifen im Mund, Plakaten in der Hand. Und jeder Menge Angst und Wut im Herzen. Konkret geht es bei der Kundgebung um die Düngeverordnung und die verschärften Auflagenforderung der EU. In Wahrheit wohl um mehr. „Hier kämpft ein Berufsstand ums Überleben“, sagt Johannes Röring. Anerkennendes Kopfnicken der Versammelten, Beifall. Und der westfälische Bauernpräsident fügt hinzu: „Wir wissen, dass wir uns verändern müssen. Aber wir wollen fachgerechte Vorschläge, die uns Luft zum Atmen geben.“

Auch Julia Klöckner spürt die besonders angespannte Stimmung auf dem Platz vor dem Dom. Beschützt von Polizei und Sicherheitskräften bahnt sich die Bundesministerin ihren Weg vom Zelt hoch auf die Bühne. Trillerpfeifen, vereinzelt Buhrufe – aber auch Beifall und Anerkennung, dass sie anders als ihre Kabinettskollegin Svenja Schulze nach Münster gekommen ist. Klöckner zieht auch in ihrer Rede nicht zurück, wirbt um Ehrlichkeit, spricht von der Kunst des Kompromisses. „Die Lautstärke des Protestes ersetzt nicht die Qualität der Argumente“, redet sie in das Grummeln der Zuhörer hinein. „Ich weiß, dass Ihr Protest auch der Angst um ihre Zukunft entspringt.“

Appell an Nicht-Zuhörer

Klöckner verfällt manchmal in ihren pfälzischen Dialekt, spricht von ihrem elterlichen Hof, ihren Bekannten aus dem Dorf. Anbiedernd wirkt dies an diesem Vormittag nicht. „Wir haben bei der Düngeverordnung und dem Grundwasserschutz einen echten Zielkonflikt – und ich sehe, dass auch Ihr Berufsstand nicht immer einig ist.

Ackerbauern gegen Tierhalter, Tierhalter gegen Gemüsebauern – das geht nicht.“ Die CDU-Politikerin nimmt Parolen auf den Plakaten und Zwischenrufe auf, baut sie geschickt in ihre Rede ein. „Wenn Sie hier rumbrüllen, können Sie nicht zuhören. Ich dachte, dafür sind Sie gekommen?“, ruft sie einem vorlauten Nicht-Zuhörer zu. Hoffnungen, das Nitrat-Problem verflüchtige sich mit der angekündigten Neuausrichtung der Messstellen, bringt die CDU-Politikerin schnell wieder auf den Boden zurück. „Es glaube mal niemand, dass sich das Problem damit erledigt.“

Um 13.30 Uhr ist die Kundgebung zu Ende. Landwirt Londong startet seinen Traktor. Drei Stunden wird seine Rückfahrt zum Niederrhein dauern. Danach geht es in den Stall, bis spät in die Nacht bei seinen Tieren. Hat sich sein Kommen gelohnt? „Doch, ich habe verstanden, dass die Sache so einfach nicht zu lösen ist.“

Landwirte protestieren gegen Dünge-Verordnung

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  • Zahlreiche Landwirte sind am Donnerstagmorgen mit ihren Traktoren nach Münster gekommen, um gegen die geplante Verschärfung der Düngeverordnung zu protestieren.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Auf dem Schlossplatz stellten die Landwirte ihre Fahrzeuge zu Dutzenden ab, um von dort zur Kundgebung auf dem Domplatz zu gehen.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Mit Schildern untermauerten die Bauern ihre Forderungen. 

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Tausende Landwirte sind auf dem Domplatz zusammengekommen. 

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Matthias Ahlke
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  • Mit Plakaten und Transparenten in den Händen strömten die Landwirte Richtung Domplatz.

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Landwirte gehen zusammen Richtung Domplatz.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Am Donnerstagmorgen kam es durch die Trecker-Korsos in und rund um Münster zu Verkehrseinschränkungen.

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  • Auch auf dem Ring stockte der Verkehr.

    Foto: Cengiz Sentürk
  • Auf der Steinfurter Straße entwickelte sich stadteinwärts ein längerer Stau.

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  • Viele steuern den Schlossplatz an, von wo aus es zur Demo am Domplatz geht.

    Foto: Cengiz Sentürk
  • Etliche Traktoren kommen am Donnerstagmorgen über die Steinfurter Straße in Münsters Innenstadt.

    Foto: Cengiz Sentürk
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  • Foto: Jürgen Christ
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  • Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, beim Pressegespräch auf dem Domplatz.

    Foto: Wilfried Gerharz
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Zum Hintergrund: Die umstrittene Düngeverordnung

Seit 2012 führt Deutschland einen Rechtsstreit um die Düngeverordnung mit der EU-Kommission in Brüssel: Dabei geht es grundsätzlich um den Schutz des Grundwassers vor einer zu hohen Nitratbelastung. Einige Regionen in Deutschland weisen zu hohe Nitratwerte auf, gelten als „rote Gebiete“.

Dies ist eine Folge der intensiven Landwirtschaft und einer hohen Belastung mit Gülle und Dünger. Deutschland verlor 2016 einen Rechtsstreit gegen die EU, sendete 2017 dann eine schärfere nationale Düngeverordnung nach Brüssel. Diese genügte der EU aber nicht. Ein neuer Vorschlag (der unter anderem eine pauschale Reduzierung der Düngung um 20 Prozent auf allen belasteten Flächen vorsieht) genügte der EU nicht. Deutschland muss jetzt nachlegen.

Kommentar: Wegschauen geht nicht

Von Frank Polke

Die Fehler der Vergangenheit holen die Branche und die heute dafür politische Verantwortung tragenden Ministerinnen mit Wucht ein. Der Strukturwandel sorgte dafür, dass kleinere Höfe auf­geben mussten, größere landwirtschaftliche und tier­haltende Betriebe noch größer wurden. Die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Speziali­sierung, dieses Verdrängungswettbewerbs für ganze ­Regionen wurden vielfach gern verdrängt. Doch wegschauen, ignorieren geht nicht mehr.

Die Strafen, die Deutschland durch die Verletzung der Auflagen zur Düngeverordnung zahlen muss, sind schon jetzt empfindlich hoch. Es ist Zeit zu handeln. Es bedarf tatsächlich – wie angekündigt – neuer Messstellen, die am richtigen Ort aufgestellt den Menschen verlässlich Auskunft über die Qualität ihres Grundwassers geben.

Und es bedarf endlich einer zukunftsweisenden Tierhaltungsstrategie. Regionale Lebensmittel sind ein Weg, gesundes Konsumverhalten und ökologische Anforderungen in Einklang zu bringen. Dazu müssen alle ihren Beitrag leisten – auch und gerade der Verbraucher, der die Bratwurst für einen Euro und die Paprika aus Südrumänien auf ihren echten Preis hinterfragen sollte.

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