Opernprojekt der Musikhochschule
Die Liebe vor der Revolution

Münster -

Es hat nie eine Vergangenheit gegeben, deren Zukunft schöner, besser oder gerechter gewesen wäre. Genau dies aber scheint manche Kunst zu suggerieren: Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ thematisiert feudale Willkür, Intrigengespinste und Liebeschaos – eine Musik, die psychologischen Scharfsinn mit paradiesischer Glorie vereint. Als Laura Albert die ersten Worte der Gräfin „Porgi, amor“ sang, klang das Es-Dur dieser Liebeskummer-Arie, als sei jemand auf eine unversiegbare Goldmine gestoßen. Tatsächlich ist von einer existenziellen Krise die Rede, und der Sopranistin gelang es, diese Klage als Rückblick mit Zukunft zu interpretieren.

Dienstag, 23.04.2019, 18:24 Uhr
Susanne (v. l. Pia Jauernik), die Gräfin (Laura Albert), Cherubino (Katharina Aretz) und Figaro (Yi Lu) im fein abgestimmten Ensemblegesang.
Susanne (v. l. Pia Jauernik), die Gräfin (Laura Albert), Cherubino (Katharina Aretz) und Figaro (Yi Lu) im fein abgestimmten Ensemblegesang. Foto: Günter Moseler

Studierende der Gesangsklassen von Prof. Annette Koch, Ines Krome, Katrin Arnold, Thomas Mayr und Milhailo Arsenski boten am Freitagabend im Konzertsaal der Musikhochschule die „Figaro“-Akte 2 und 4 – ein Triumph der Jugend. Drei Holzwände, die wie Fenster den Blick auf einen Park freigaben, repräsentierten die spartanische Bühnenszenerie Benedikt Borrmanns, eine Chaiselongue, ein Tisch und drei Stühle möblierten das gräfliche Schloss: Arkadisches Ambiente im Hinter-, bürgerliches Downgrade im Vordergrund (Ausstattung: Pia Oertel). Derart schien im beiläufig Unpassenden bereits das Wetterleuchten der Französischen Revolution präsent, deren umstürzlerische Moral sich in Mozarts virtuoser Musik widerspiegelt.

Anstelle des ausgesparten ersten Aktes gab es einen Prolog mit Statements zum Allzumenschlichen: Dem Grafen war die Liebe „Sex, wo und mit wem ich will“, anderen „bedingungslose Verbundenheit“, für Figaro war sie schlicht: „Nur Susanna“. Kaum einer der Protagonisten ist allzu alt – und Pia Jauerniks Susanna hätte ebenso mühelos als gräfliche Schwester reüssieren können wie etwa Hyung Hee Paiks Gärtner Antonio in der Rolle des Figaro (resolut: Yi Lu). Die nahe Verwandtschaft der Stimmen bewirkte jene Homogenität der Aufführung, die Doppel-, Spür- und Feinsinn des mozartschen Ensemblefiligrans hörbar werden ließ. In den Kulissen schienen sich Tapetentüren zu (Alb-)Träumen zu öffnen, stürzte der Graf (Bastian Röstel zwischen Held und Pantoffelheld) Richtung Cherubino (kokett: Katharina Aretz), keiften Basilio (Danijel Tropcic) und Marcellina (Hansol Yoo) ihre Intrigantenverse. Im vierten Akt gab’s Zweitbesetzungen, Katharina Gläsmann (Susanna) und Bohao Xie (Figaro) setzten die noble Linie fort. Pianistin Hyolim Chi stürzte sich heldenhaft in Orchesterpart und Rezitative, im Ketten-Finale des zweiten Akts mit überfliegender Tendenz. Begeisterter Beifall für Künstler und Musik mit nichts als Zukunft.

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