„Das dritte Licht“ in der Überwasserkirche
Ein Mädchen lernt neue Gefühle kennen

Münster -

Es ist die Farm entfernter Verwandter, auf der sie ihre Sommerferien verbringt. Ein neuer Ort, für den sie neue Wörter braucht. Aber auch ein Ort, an dem es „Raum und Zeit zu denken“ gibt, und an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Zuneigung erfährt. Denn zu Hause kümmert man sich kaum um sie. Der Vater trinkt, die Mutter ist ständig schwanger, und natürlich ist das Geld knapp. Eigentlich könnte es für das Mädchen ein unbeschwerter Sommer werden, wäre da nicht die Angst, etwas falsch zu machen und wieder zu den Eltern zurückgeschickt zu werden. Außerdem scheint es da noch ein dunkles Geheimnis zu geben, über das niemand spricht.

Dienstag, 23.04.2019, 18:24 Uhr
Sebastian Aperdannier wurde bei der Lesung vom Perkussionisten Boris Becker begleitet.
Sebastian Aperdannier wurde bei der Lesung vom Perkussionisten Boris Becker begleitet. Foto: Helmut Jasny

Für seine Karfreitagslesung hat sich das Kirchenfoyer der Überwasserkirche die Erzählung „Das dritte Licht“ der irischen Autorin Claire Keegan ausgesucht. Begleitet vom Perkussionisten Boris Becker las der Schauspieler Sebastian Aperdannier eine klug gekürzte Fassung des Textes. Den Kirchenraum hatte man dazu stimmungsvoll illuminiert. Scheinwerfer tauchten die Wände und das Gewölbe in vielfarbig schimmerndes Licht.

Keegan erzählt aus der Perspektive des Mädchens, das etwa sieben bis neun Jahre alt ist und dessen Namen der Leser nicht erfährt. Dafür erfährt er viel über ihre Gefühle. Ausführlich wird ihre anfängliche Unsicherheit beschrieben, aber auch das zunehmende Vertrauen, das sie ihren Verwandten entgegenbringt, nachdem diese sich liebevoll um sie kümmern – etwas, das sie aus ihrer richtigen Familie nicht kennt und mit dem sie erst umzugehen lernen muss.

Es ist ein sachlicher, unspektakulärer Ton, den die Autorin hier anschlägt. Kein Wort ist zu viel, aber auch keines zu wenig. Und alle zusammen fügen sich zu einer Geschichte, die das Herz des Lesers erreicht. Genau das gelang auch Aperdannier. Mit klarer, ruhiger Stimme las er die erzählerischen Passagen und veränderte den Tonfall in den Dialogen nur leicht, so dass ihm für die emotionaleren Szenen genügend Spielraum blieb. Zusammen mit Beckers teils begleitender, teils strukturierender Perkussion gelang hier ein ebenso einfühlsamer wie spannender Vortrag.

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