Europäische Impfwoche
„Impfen ist ein solidarischer Akt“

Münster -

Aus Anlass der Europäischen Impfwoche vom 24. bis 30. April spricht Prof. Dr. Joachim Gardemann, Kinderarzt und Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster, über die Bedeutung des Impfens in unserer Gesellschaft.

Sonntag, 28.04.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 28.04.2019, 16:11 Uhr
Prof. Dr. Joachim Gardemann ist gelernter Kinderarzt. Der 63-jährige Hochschullehrer leitet das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe der FH Münster und war in den vergangenen 25 Jahren wiederholt für das Rote Kreuz in internationalen humanitären Hilfseinsätzen.
Prof. Dr. Joachim Gardemann ist gelernter Kinderarzt. Der 63-jährige Hochschullehrer leitet das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe der FH Münster und war in den vergangenen 25 Jahren wiederholt für das Rote Kreuz in internationalen humanitären Hilfseinsätzen. Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz

Warum brechen Masern und andere Infektionskrankheiten, die mit Impfungen unter Kontrolle zu bekommen wären, wieder vermehrt aus?

Gardemann: Da gibt es viele Ursachen. Eine ist der Zusammenbruch der Infrastruktur, zum Beispiel bei Krieg oder Katastrophen. Das haben wir in Syrien gesehen, eigentlich ein Land mit einer relativ guten medizinischen Versorgung. Vor einigen Jahren ist es dort zu einem erneuten Ausbruch der Kinderlähmung, der Polio, gekommen. Bei den Masern ist das auch so. Bei uns ist der wichtigste Aspekt die Ablehnung von Impfungen. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Impfgegnerschaft in die Liste der zehn gefährlichsten weltweiten Bedrohungen für die Gesundheit 2019 aufgenommen – unter anderem zusammen mit HIV und Ebola.

Wäre eine Impfpflicht, wie sie derzeit diskutiert wird, sinnvoll?

Gardemann: Im Infektionsschutzgesetz steht ausdrücklich, dass die Behörden im erforderlichen Falle eine Impfpflicht anordnen können. Das gab es schon mal, zum Beispiel die Pockenimpfpflicht bis in die 1970er-Jahre hinein. Persönlich sehe ich eine Impfpflicht als allerletzte Maßnahme, weil erfahrungsgemäß so etwas mit ganz großem Aufwand verbunden ist. Da wird es Gerichtsverfahren geben, da werden Eltern dagegen klagen. Ich setze vielmehr auf eine seriöse, wissenschaftliche Aufklärung.

Was sagen Sie Menschen, die Impfungen trotz aller Empfehlungen infrage stellen?

Gardemann: Wenn wir als Beispiel die Impfung bei Masern nehmen: Bei den echt durchgemachten Masern ist das Risiko, zu sterben oder eine dauerhafte Gehirnschädigung davonzutragen, etwa eins zu 1000. Das Risiko, bei einer Impfung gegen Masern einen bleibenden Schaden zu erleiden, liegt im Bereich von eins zu Millionen. Das ist ein einfaches Rechenexempel, dass eine Impfung gegen Masern um viele Zehnerpotenzen sicherer ist als das Durchmachen dieser Krankheit.

Sie sagen, Impfen ist ein solidarischer Akt. Können Sie das erläutern?

Gardemann: Erreger werden weltweit exportiert, durch Reisen vor allem. Masern sind eine sogenannte fliegende Infektion, sie sind hochansteckend wie die Windpocken auch. Die heißen so, weil sie über mehrere Meter mit dem Wind weitergetragen werden. Solche Krankheiten sind viel ansteckender als Ebola. Wenn man in Europa sich selbst und sein eigenes Kind impfen lässt, vermindert man die Viruspräsenz in der Welt.

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